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Länderreport | Beitrag vom 10.03.2021

Muslimische Bestattungen in BerlinPlatzmangel auf den Friedhöfen

Von Luise Sammann

Männer sitzen um ein Grab und beten mit erhobenen, zum Himmel geöffneten Handflächen. (picture alliance / Christoph Soeder/dpa | Christoph Soeder)
Gäste einer muslimischen Bestattung beten am geschlossenen Grab auf dem Landschaftsfriedhof Gatow in Berlin-Spandau. Hier ist Platz für neue Gräber, aber der Weg dorthin ist weit. (picture alliance / Christoph Soeder/dpa | Christoph Soeder)

Muslime haben es nicht einfach in Berlin, ihre verstorbenen Angehörigen zu beerdigen. Es gibt zu wenig Grabstätten, ein zentraler Friedhof für Muslime fehlt. Bestatter sind auf freiwerdende Flächen auf städtischen und kirchlichen Friedhöfen angewiesen.

Ein großes Kreuz prangt über dem Eingangstor zum Friedhof Lilienthaltstraße in Berlin-Neukölln. Doch nicht nur Christen liegen hier begraben. Seit dem Jahr 2018 befindet sich in der Lilienthalstraße eines von fünf muslimischen Gräberfeldern der Hauptstadt.

Katja Neppert von der Neuköllner Nikodemuskirche hat sich intensiv für seine Eröffnung eingesetzt. Heute steht sie gemeinsam mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern von damals erneut vor dem Tor.

"Wir haben hier vor gut zwei Jahren den Friedhof eröffnet. Und jetzt ist einfach Zeit, mal zu gucken: Was ist denn daraus geworden, wie wird der genutzt, wie geht es denn weiter, müssen wir irgendwas tun oder ist alles gut? Einfach mal eine Bestandsaufnahme."

In Neukölln fehlen Grabstellen

Die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung. Neben der Christin Katja Neppert laufen muslimische Vertreter verschiedener Neuköllner Moscheen und Vereine. Alle gemeinsam engagieren sie sich bei der Bürgerplattform "Wir in Neukölln" für mehr muslimische Grabstellen in ihrem Bezirk.

Acht erwachsene Männer und Frauen haben sich für ein Foto auf dem Gräberfeld nebeneinander aufgestellt. (Deutschlandradio / Luise Sammann)Die Initiative "Wir in Neukölln" besteht aus Muslimen und Christen: Gemeinsam besuchen sie das Gräberfeld in der Neuköllner Lilienthalstraße. (Deutschlandradio / Luise Sammann)

Vor einer Reihe noch frisch wirkender, mit der Längsseite nach Mekka ausgerichteter Gräber bleiben sie stehen, schauen sich überrascht um.

"Hier hat es angefangen. Als wir den Friedhof geweiht haben, da war hier noch alles leer."

"Wir haben keinen Platz mehr. Ich dachte, ich sterbe nicht so schnell."

"Dann müssen wir übereinander liegen."

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Die kleine Gruppe versammelt sich um eine Steinplatte, auf der bei muslimischen Begräbnissen die Toten aufgebahrt werden. Heute breiten sie einen Plan darauf aus, beugen sich mit konzentrierten Mienen darüber.

Denn was zunächst lustig klingt, ist bitterer ernst: Nach gut zwei Jahren ist das Gräberfeld in der Lilienthalstraße zu großen Teilen belegt. Der Bedarf an muslimischen Grabstätten in Berlin steigt seit Jahren kontinuierlich, bestätigt Isikali Karayel, der seit 13 Jahren muslimische Bestattungen in der Hauptstadt durchführt.

Ältere Muslime überführe er nach ihrem Tod noch regelmäßig in die Heimat. Jüngere aber ließen sich zunehmend hier bestatten. Doch die Kehrseite der eigentlich positiven Entwicklung sei der Mangel an Grabstellen, der sich gerade in migrantisch geprägten Stadtteilen bemerkbar mache.

Nach der Wahl passiert zunächst nichts

Schon im Wahlkampf 2016 setzte die Initiative "Wir in Neukölln" das Thema deswegen auf die Tagesordnung, rang verschiedenen Berliner Politikern Zusagen und Versprechen ab. Nach der Wahl allerdings passierte zunächst nichts, erinnert sich Johannes Zwick von der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeinde.

"Man hatte immer das Gefühl, da will keiner richtig ran. Keiner wollte so richtig, und dann wurden wir immer hin und her geschickt."

Im Sommer 2015 zogen schließlich 150 Demonstranten und Demonstrantinnen mit leeren Särgen vor das Neuköllner Rathaus. Das Motto: "Unsere Toten brauchen einen Platz." Die damalige Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey versprach daraufhin die Prüfung eines Bereichs auf dem Friedhof Lilienthalstraße. Der hatte eigentlich entweiht und dem angrenzenden Volkspark Hasenheide zugeschlagen werden sollen.

2018 wurde stattdessen das erste von fünf muslimischen Gräberfeldern eröffnet. Ein Erfolg für die Initiative "Wir in Neukölln" – jedoch noch keine langfristige Lösung für die muslimischen Bewohner von Berlin, so Gülhanim Karaduman Cerkez vom Begegnungs- und Bildungszentrum für Frauen und Familie.

"Dass das uns nicht reichen wird, war uns auch von Anfang an klar. Wir haben das Gefühl gehabt, wir wurden abgefertigt. Wir wussten, dass es irgendwann voll wird und wir mehr brauchen."

Doch nicht nur die Forderungen der Initiative sind heute die gleichen wie damals. Auch die Antwort von Seiten des Bezirks klingt wie ein Déjà-vu. Freie Flächen mitten im dicht besiedelten Stadtteil Neukölln seien nun mal rar, heißt es auf Anfrage.

Von Neukölln nach Gatow ist es weit

Als Lösung wird auf das Gräberfeld auf dem fast 25 Kilometer entfernten Landschaftsfriedhof Gatow verwiesen, auf dem es ebenfalls einen Bereich mit 2300 muslimischen Grabstellen gibt. Wegen der abgeschiedenen Lage am Stadtrand ist sie geradezu beliebig erweiterbar. Genau da aber liegt für viele Familien das Problem, weiß Bestatter Isikali Karayel.

"Das ist fast außerhalb von Berlin. Und das Problem für mich ist, dass Angehörige da zum Teil sehr schlecht hinkommen, im Winter noch schlechter. Dass es natürlich schön wäre, wenn man hier in Berlin in den Gebieten, wo sich viele Muslime aufhalten, wie in Neukölln oder Kreuzberg, Bereiche zur Verfügung stellt. Dass man dort einen Friedhof errichtet. Aber das wird leider nicht gemacht."

Stattdessen bleiben muslimische Bestatter und Familien bei Begräbnissen von freiwerdenden Flächen auf städtischen und kirchlichen Friedhöfen abhängig, die wegen der steigenden Zahl von Feuer- und Seebestattungen häufig nicht mehr ausgelastet sind. Gerade mit den kirchlichen Friedhofsbetreibern klappe die Zusammenarbeit dabei sehr gut, betont Bestatter Karayel.

Trägerverein für muslimischen Friedhof gesucht

Einer langfristigen und einer gleichwertigen Bevölkerungsgruppe angemessenen Lösung aber entspreche das nicht. Er und viele andere wünschen sich endlich einen eigenen, zentral gelegenen muslimischen Friedhof.

Um den zu betreiben, müssten die muslimischen Verbände aber zunächst einen Verein gründen, der nachweislich die Finanzierung für die kommenden Jahrzehnte übernehmen könnte. Eine zurzeit unüberwindbare Hürde, so Katja Neppert von der Nikodemuskirche in Neukölln:

"Bei den christlichen Gemeinden ist es ja so, die können auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken. Das sind alles gewachsene Strukturen, die uralt sind. Aber es ist nicht so einfach, so eine Trägerschaft aufzubauen und einen Friedhof einzurichten."

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