Montag, 25.03.2019
 

Zeitfragen | Beitrag vom 14.03.2019

Muslime in DeutschlandIntegriert doch erstmal… wen genau?

Von Christian Berndt

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Mitglieder des Exil Ensemble stehen am 05.04.2017 bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Winterreise" im Gorki Theater in Berlin auf der Bühne. Das neu gegründete Exil Ensemble des Gorki besteht aus professionellen Neuberliner Schauspielern aus Afghanistan, Syrien und Palästina. (picture alliance/dpa/Rainer Jensen)
Das Berliner Maxim Gorki Theater rückt das "postmigrantische Theater" in den Blick. Hier das Stück "Winterreise" mit Schauspielern aus Afghanistan, Syrien und Palästina. (picture alliance/dpa/Rainer Jensen)

Muslime sind ein Teil von Deutschland – viele sprechen ihnen diese Zugehörigkeit aber ab. Dabei gehören Migration und Mehrdeutigkeit schon lange zu unserem Alltag.

"Also, es wird ja immer wieder in Frage gestellt, wie deutsch bist Du, wie deutsch bist Du, wie deutsch bist Du! Ich kann jetzt nur aus meiner Perspektive als Migrantin sprechen und ich muss sagen, dass ist echt leidig…"

Die Kabarettistin Idil Baydar, …

"Warum sagen Sie jetzt Migrantin?

...der Journalist Nikolaus Blome.  

Idil Baydar und Nikolaus Blome:

"Naja, weil das ja ein Teil meiner Identität ist, das brauchen wir jetzt nicht weg reden, Herr Blome. / Tu ich ja gar nicht, ich frage ja nur, warum Sie Migrantin und nicht Deutsche sagen? / Weil ich so benannt werde. / Aber warum ziehen sie sich das an?"

Ein Streit. "Wir" werden nicht dazugezählt – oder – "Die" wollen nicht dazugehören.

"Weil ich so benannt werde. / Aber warum ziehen sie sich das an? Kommen Sie mir nicht mit: ´Ziehen Sie sich das an und ziehen Sie sich das nicht an.` Das ist ein öffentlicher Diskurs und ich muss natürlich darauf reagieren, wenn ich in dieser Identität stecke. Ich bin ja gemeint, wenn die AfD sagt, wir wollen die entsorgen."

Es war eine erhellende Diskussion, die sich kürzlich in der Fernseh-Talkrunde "Hart aber Fair" zwischen Idil Baydar und Nikolaus Blome entwickelte: Die türkischstämmige Baydar, geboren 1975 in Celle und dort aufgewachsen, sprach von der Erfahrung, nicht vollständig als Deutsche anerkannt zu werden. Blome verstand nicht, warum sie sich selbst als Migrantin bezeichne. Und sich damit – seiner Ansicht nach – selbst ausgrenze.

Die Kabarettistin Idil Baydar (l) und der Journalist Nikolaus Blome (r) am 25. Februar 2019 in der ARD-Sendung "Hart aber Fair". (picture alliance/Malte Ossowski/Sven Simon)Die Kabarettistin Idil Baydar (l) und der Journalist Nikolaus Blome (r) am 25. Februar 2019 in der ARD-Sendung "Hart aber Fair". (picture alliance/Malte Ossowski/Sven Simon)
Ein nicht näher definiertes "Bekenntnis" wird gefordert, zu einem meist ebenfalls nicht näher definierten "Deutsch-Sein". Und: es wird vor allem von Menschen gefordert, die einen sogenannten "Migrationshintergrund" aus Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung haben.

"Zuwanderer werden unterschiedlich beurteilt. Die sogenannten Russlanddeutschen werden als Deutsche angesehen, auch wenn sie nicht Deutsch sprechen. Während zum Beispiel Menschen türkischer Herkunft, selbst wenn sie hier geboren sind und völlig akzentfrei Deutsch sprechen, werden sie als fremdländisch angesehen."

Konstatiert der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge.

Während es bei dem in Polen geborenen ehemaligen Nationalspieler Lukas Podolski niemanden störte, dass er bei Länderspielen die deutsche Nationalhymne nicht mitsang, wurde Mesut Özil, dessen Eltern aus der Türkei stammen, dafür kritisiert. 

"Ich glaube, dass das eine ganz große Lüge ist"

Einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015 über religiöse Einstellungen in Deutschland zufolge, sind 61 Prozent der Bevölkerung hierzulande der Ansicht, der Islam passe nicht zur westlichen Welt. Muslimen oder Menschen mit Wurzeln in muslimischen Ländern wird im Zuge dessen unterstellt, Schwierigkeiten mit der Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu haben. Vor allem sie sehen sich der Forderung gegenüber "sich besser integrieren" zu müssen.

Zu Recht? – Für Koray Yilmaz-Günay ist das die falsche Frage.  

"Ich würde mal damit anfangen, dass ich dieses Wort Integration nicht besonders schätze, um es gelinde zu sagen."

Der Autor und Verleger hat 1999 den Verein "Gays and Lesbians aus der Türkei" – GLADT –mitgegründet.

"Unabhängig davon, wie es verstanden wird, suggeriert es immer, dass es eine Gesellschaft gibt, die sich beschreiben lässt, die homogen ist und wo welche dazukommen, die sich dazu verhalten. Ich glaube, dass das eine ganz große Lüge ist."

Mit der Forderung nach "Integration" ist oft zugleich eine Unterstellung verbunden: bei den Menschen, von denen sie gefordert wird, existierten Haltungen und Werte, die schwer oder nicht kompatibel seien mit den Haltungen und Werten auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft. Und – dass sie auf dieser anderen Seite durchgesetzt und unstrittig seien. Beides ist aber oft sehr fraglich.

"Meine Eltern kommen beispielsweise aus einem Land, der Türkei, wo Homosexualität nie verboten war. In der Bundesrepublik war das bis 1994 verboten zwischen Männern und ist 1999 erst aus dem Strafgesetzbuch gestrichen worden."

Muslime und Nichtmuslime diskutieren

Treffen in einem Café in Köln mit Studenten, die sich in der "Jungen Islam Konferenz" engagieren. In dem Dialogforum diskutieren Muslime und Nichtmuslime über Fragen des Zusammenlebens in der Zuwanderungsgesellschaft. Den Begriff Islam hat man bewusst gewählt, meint der 26-Jährige Sprecher des Netzwerks NRW der Konferenz, Volkan Turan:

"Islam wurde quasi immer als Oberthema benutzt für alle Themen, die Minderheiten betreffen. Und in meinen Augen passt der Titel auch total gut, weil ja auch, vermehrt durch die Geflüchtetenkrise, die Islamdebatten viel mehr in die gesellschaftlichen Diskurse nochmal gedrängt wurden, dass da sehr viele Ressentiments und Stereotypen, die immer sehr stark auf Muslime bezogen sind, sich in den gesellschaftlichen Debatten widerspiegeln. Und ich glaube, sehr viele Jugendliche sich auch damit identifizieren können, dass sie einfach mal das Wort Islam positiv konnotiert sehen."

Den Begriff Integration sehen sowohl Volkan Turan als auch Serdar Veli Sari, ein anderes Mitglied der Jungen Islam Konferenz, ebenfalls kritisch.

Veli Sari: "Was mich dann immer stört bzw. mir Bauchschmerzen bereitet, ist, dass man immer noch über Integration spricht. Worüber wir eigentlich heutzutage sprechen sollten, ist Inklusion, Teilhabe und Partizipation."

Turan: "Fängt ja schon im Bildungsbereich an. Ich bin ja jetzt selber Lehrkraft und merke selber, wie Deine eigene Lebensrealität, die kommt halt nie zur Geltung, Du bist in der Schule komplett unsichtbar. Sei es in den Lehrbüchern, sei es in den Unterrichts-Materialien, wirst Du ständig als der Fremde angesehen. Du kommst einfach nicht drin vor und Du hast auch keine Vorbilder und das prägt Dich auf alle Fälle fürs Leben."

Es geht ihrer Ansicht nach um eine Partizipation, die weit über "Integration" hinausgeht – zumal in Deutschland, wo inzwischen knapp ein Viertel der Bevölkerung einen sogenannten "Migrationshintergrund" hat.

"Heutzutage sind wir an einem Standpunkt, wo wir endlich mal darüber sprechen sollten, wie wir die 25 Prozent Deutschlands und der deutschen Gesellschaft besser repräsentieren können."

Das "postmigrantische Theater" im Blick der Öffentlichkeit

"Hey, affengeiler Arsch. Hab‘ ich Dir schon mal gesagt, dass ich auf dicke Ärsche stehe."

Berlin, Maxim Gorki Theater – "Verrücktes Blut". Bei der Uraufführung 2010 im Ballhaus Naunynstraße sorgte das Stück für Furore, galt laut Süddeutscher Zeitung als "heißester Beitrag zur Integrationsdebatte": Eine Schulklasse aus mehrheitlich Jugendlichen mit Migrationshintergrund terrorisiert die Lehrerin so lange, bis diese die Schüler mit vorgehaltener Waffe zwingt, Schiller zu lesen:

Grell überzeichnet werden Stereotype von hormongesteuerten, jugendlichen Machos mit Migrationshintergrund vorgeführt, um sie im Verlauf des Abends ironisch zu dekonstruieren.

"Verrücktes Blut" rückte das "postmigrantische Theater" in den Blick der Öffentlichkeit – ein Begriff, den Shermin Langhoff geprägt hatte, 2010 Leiterin des Ballhaus Naunynstraße, heute Intendantin des Maxim Gorki Theaters. "Postmigrantisch" beschreibt dabei unter anderem die Tatsache, dass Menschen mit migrantischen Wurzeln seit Generationen in Deutschland leben, aber immer noch als fremdländisch wahrgenommen werden. Und in der Öffentlichkeit – im Fernsehen, im Kino oder eben im Theater – zumeist als Fremde dargestellt sind. Das postmigrantische Theater will diesen Blick ändern:

Nurkan Erpulat: "Obwohl seit 50 Jahren ein Viertel dieser Gesellschaft Migrationshintergrund hatte, war das deutsche Theater weiß. Bis heute, außer ein paar Ausnahmen. Unter postmigrantischem Theater verstehe ich, auf Mitmenschen dieses Landes aufmerksam machen. Vielleicht irgendwann, hoffentlich, wird das überflüssig, weil wir von einem Wir sprechen."

 Shermin Langhoff (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen) Shermin Langhoff, Theaterregisseurin und Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Dem türkischen Regisseur Nurkan Erpulat geht es darum, Integration als Dialog zu begreifen. Als die Lehrerin den Schülern mit der Pistole Schiller nahebringen will, sind es die Schüler, die an die humanistischen Ideale appellieren, die ihnen die Lehrerin doch beibringen wollte.

"Wenn man über Integration redet, redet man immer darüber, was diese Leute, die zu integrieren sind, was sie alles falsch machen. Sofort sind wir bei einer Aufgabenliste, was sie alles machen müssen. Nicht um eine Aufgabenstellung wie für Schüler geht es bei Integration, sondern um friedliches Zusammenleben. Entweder wir bewegen uns auf Augenhöhe oder nicht."

Naika Foroutan:  "Wenn wir richtig reinschauen, dann ist der Integrationsbegriff ein Begriff, den gibt es in Deutschland schon seit den 20er-Jahren. Als der in der Weimarer Republik etabliert wurde, ging es vor allen Dingen darum, die Weimarer Republik als Demokratie näher zu bringen, es ging überhaupt nicht um Migranten. Wenn Sie in den Begriff hineinschauen, dann ist das ein sehr produktives Tool. Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an den Gütern und Ressourcen dieser Gesellschaft."

Das "Postmigrantische" in den Wissenschaften

Inspiriert vom "postmigrantischen Theater" beginnt sich dieser Ansatz inzwischen auch in den Wissenschaften zu etablieren. 


"Das ist eine Analyseperspektive, die versucht, gesellschaftspolitische Erklärungen stärker auf Basis gesamtgesellschaftlicher Interessen anzustrengen."

Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität und Mitherausgeberin des Buches "Postmigrantische Perspektiven":

"Das heißt, wir haben festgestellt, dass der Migrationsdiskurs in den letzten Jahren sehr viele Debatten in der Gesellschaft überlagert, und das sind ganz unterschiedliche Debatten. Zum Beispiel die Wohnungs-Frage, die hat nicht wirklich was mit den Geflüchteten zu tun oder den Migranten, die ins Land gekommen sind. Es hat etwas mit Abbau von Maßnahmen bei Sozialwohnungen zu tun. Die postmigrantische Perspektive ist einfach nur ein Aufruf, den Migrationsdiskurs, dort, wo er nicht notwendig ist, zu verlassen und zu schauen, ob es nicht ganz alte und bestehende Konfliktlinien sind, die gerade debattiert werden."

Wann und wo ist Migration das Problem – und wann und wo werden Migranten lediglich herangezogen, als Ursache von Problemen, deren Gründe woanders zu suchen sind? Beispiel: "Parallelgesellschaften". 

Familie als Ursache geringerer Aufstiegschancen?

"Parallelgesellschaften", so heißt es, entstünden nicht zuletzt, weil sich muslimische Familien vom Rest der Gesellschaft abschotten würden. Ein Vorwurf: Sie schicken ihre Töchter nicht zum Schwimmunterricht. Obwohl das Umfragen zufolge nur auf vier Prozent der muslimischen Familien in Deutschland zutrifft – und etwa die Zeugen Jehovas ihren Töchtern deutlich häufiger den Schwimmunterricht verbieten. Einen weiteren Vorwurf erhebt die Soziologin Necla Kelek:

"Wir erleben doch nicht, dass die muslimischen Jungs oder Mädchen ausgegrenzt werden, sondern dass die Familie, die dahintersteckt, von Anfang an sagt: Ihr seid Türken, ihr bleibt Türken, ihr habt uns zu dienen. Und wenn die Oma krank ist, bleibt die Tochter zuhause, wenn im Geschäft was zu tun ist, bleibt der Junge im Geschäft. Sie holen doch die Kinder aus der Gesellschaft und sagen, ihr habt uns zu dienen, und zu gehorchen."

Der Fokus auf die Familie ist Necla Kelek zufolge eine Ursache für die geringeren Aufstiegschancen von Kindern aus muslimischen Familien. Studien zeigen allerdings, dass ein geringerer schulischer Erfolg von Kindern aus türkischstämmigen Familien mit geringeren Erwartungen der Lehrer zu tun hat.

Ein Kind aus einer türkischen Migrantenfamilie wird weniger zu guten Leistungen motiviert als andere Kinder. Zugleich hat sich die Bildungsbeteiligung von Migranten erhöht: noch vor 20 Jahren hatten Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund kaum Chancen, das Abitur zu machen. Seitdem haben sich die Abiturquoten verdoppelt, teilweise verdreifacht.  

"Häufig handelt es sich ja um eine soziale Segregation, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass es sich um ethnische Segregation handelt."

Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge.

"Je schärfer die Konkurrenz in einem Wirtschaftssystem wird – nicht nur unter den Unternehmen, sondern auch zwischen den Beschäftigten, die gegeneinander ausgespielt werden, umso leichter fällt es, die ethnische Differenz politisch aufzuladen. Also, je mehr soziale Probleme zunehmen, Armut sich ausbreitet, die soziale Ungleichheit wächst, umso leichter fällt es, Menschen zu mobilisieren gegen Minderheiten, die auch zu Sündenböcken zu erklären. Das ist ja der Fall, wenn zum Beispiel in der AfD fast alle Probleme auf die Zuwanderer und Flüchtlinge geschoben werden, egal worum es geht."

"Deswegen glaube ich, dass diese soziale Segregation viel dominanter ist in unserer Gesellschaft, dass sich nur der Blick der Öffentlichkeit sehr stark auf die Communities von Zuwandern richtet."

Homosexuelle Muslime in Deutschland

Weiteres Beispiel: die Debatten in Deutschland um den Islam als Religion, deren Anhänger von einem Großteil der Bevölkerung als frauenfeindlich und homophob wahrgenommen werden.

Köln, Samstagabend. Einmal im Monat findet die "HomOriental" statt, eine Party-Nacht für Schwule und Lesben. Homosexualität werde in den meisten der ihnen bekannten Familien zwar nicht gutgeheißen – aber stillschweigend hingenommen, erzählen muslimische Besucher hier. Ihren Namen wollen sie nicht nennen.

"Bei mir in der Familie ist das so: ein paar Geschwister wissen das, ein paar nicht. Ein paar haben Kopftuch und mein Bruder ist total deutsch, ist halt Kuddelmuddel alles. Aber solange man das nicht ausspricht, dass man schwul ist, ist das okay. / Ich denke mal, jede Mutter ahnt das, wir können uns auch nicht verstellen. / Klar glauben wir auch an unseren Gott, warum sollen wir nicht frei leben können. Gerade Deutschland ist so ein demokratisches Land, natürlich auch mit einem Hintergrund, wo wir uns hinter den Kulissen verstecken."

Verstecken müsse er seine Sexualität nicht, meint ein 26-Jähriger, dessen Eltern aus Istanbul stammen.

"Ich bin komplett geoutet, meine ganze Familie, alle Freunde wissen das. Und meine Familie steht hinter mir, denn ich mache nichts Falsches, und deshalb habe ich mich mit 18 geoutet. / Als ich mich zum Beispiel von meinem Freund getrennt hatte, hatte ich extremen Liebeskummer, und da hat meine Mutter meinen Exfreund angerufen, damit wir wieder zusammenkommen."

Für ihn sei es allerdings leichter als für viele andere, vor allem, wenn deren Familien aus ländlichen Gegenden der Türkei stammen würden:

"Ich habe halt eine sehr, lockere, europäische Familie. Die sind extrem tolerant. Die haben immer schon ein modernes Leben geführt, die hatten auch früher schon homosexuelle Freunde."

Eine Demonstration gegen Homophobie Demo im April 2015. Organisiert von dem homosexuellen Muslim Nasser El-Ahmad.  (imago/Christian Mang)Eine Demonstration gegen Homophobie Demo im April 2015. Organisiert von dem homosexuellen Muslim Nasser El-Ahmad. (imago/Christian Mang)
Aber gläubig ist er trotzdem, und er fühlt sich religiös keinesfalls weniger kompetent als Strenggläubige:

"Ich war auch auf einer Koranschule. Viele, die extrem gläubig sind, machen eigentlich die größten Fehler. Ich bin jetzt nicht extrem gläubig, aber ich bin gläubig und ich versuche trotzdem, unser islamisches Leben zu leben. Und ich denke mir, alleine Gott hat zu entscheiden und nicht irgendeine Person."

Ibrahim Mokdad beurteilt den Einfluss eines westlich geprägten Umfelds auf die Einstellungen zur Sexualität weniger optimistisch. Er ist 2015 wegen seiner Homosexualität aus dem Libanon nach Deutschland geflohen und hat in Köln eine Begegnungsstätte für schwule und lesbische Flüchtlinge ins Leben gerufen. Mit den deutschen Muslimen aus der Community habe er immer wieder kontroverse Diskussionen:

Meine deutschen Freunde sagen, Homophobie sei nicht islamisch, erzählt Ibrahim Mokdad. Er sage daraufhin immer, sie sollten sich seine Heimat angucken, um dort zu sehen, was im Namen des Islam geschehe. Und auch in Köln werde er von Muslimen bedroht.

Die genannte Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass sich 61 Prozent der Muslime, die sich als ziemlich beziehungsweise sehr fromm bezeichnen, für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare aussprechen. Homophobie als Merkmal des Islam will Volkan Turan von der Jungen Islam Konferenz, der selbst homosexuell ist, nicht stehen lassen.

"Es gibt eben auch deutsche Muslime, es gibt Konvertierte, es gibt homosexuelle Muslime, es gibt transsexuelle Muslime. Und ich finde es halt schade, dass in den Debatten eben genau diese Lebensrealitäten komplett untergehen. Gerade in Deutschland werden diese Lebens-Realitäten, eben weil wir dieses Privileg haben, dass wir in Deutschland leben, werden die auch viel mehr jetzt sichtbar. Und genau das macht das Schöne aus, dass wir in Deutschland eben diesen Islam haben, der hoffentlich in den nächsten Jahren mehr Lebensrealitäten aus muslimischer Sicht zeigen wird."

Muslimische Feministinnen

"Ich glaube, wie jeder seine Punkphase hatte, hatte ich auch diese Phase: Ich muss mir jetzt mal zeigen, wer ich wirklich bin."
 
Aynur Ayten. 21 Jahre, Mitglied in der Jungen Islam Konferenz, Studentin, Feministin. Für sie gehört das Kopftuch zu ihrer Identität. Mit 18 Jahren hat sie angefangen, es zu tragen:

"Statt einen Kajal aufzumalen, habe ich mir ein Kopftuch aufgesetzt und gesagt: Das bin ich und so will ich meinen Weg gehen. Aber generell, das Kopftuch wird ja sehr religiös betrachtet, aber das Kopftuch ist ja auch kulturell geprägt, man sieht das daran, wie verschieden Frauen mit Kopftüchern herumlaufen. Ob eine Frau sich entscheidet, ein Kopftuch zu tragen oder abzulegen: Wir müssen das unterstützen und volles Rückgrat bieten."

Muslimische Feministinnen sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden das Kopftuch losgelöst von dessen Funktion als Unterdrückungsinstrument betrachten, das es in vielen Ländern ist. Sich als Frau dafür oder dagegen entscheiden zu können, sei eben nicht überall der Fall. Der Islamwissenschaftler Abdul-Ahmad Rashid sieht es daher skeptisch:

"Aber auf der anderen Seite sage ich als Demokrat, wenn eine Frau ihr Kopftuch tragen möchte, dann bin ich verpflichtet, dafür zu kämpfen, dass sie das Kopftuch tragen darf. Also frei nach Voltaire: ich bin nicht für das Kopftuch, aber ich werde dafür kämpfen, dass sie das Kopftuch tragen dürfen. Das tue ich, aber gleichzeitig müssen sich die jungen Frauen meine kritischen Fragen gefallen lassen."

Es geht um Aushandlungsprozesse innerhalb des Pluralismus

Dabei gehe es nicht um "richtig" oder "falsch". Sondern: um Aushandlungsprozesse innerhalb eines modernen Pluralismus, so Naika Foroutan:

"Es stehen nebeneinander Positionen, die jede in sich logisch sind, die sich aber vollkommen widersprechen. Die Kopftuchgegnerinnen sagen, das Kopftuch bedeutet, dass die Männer Macht über den Körper der Frauen haben. Sie fragen sich aber nicht, ob ihr vehementes Eintreten dafür, dass die Frauen das Kopftuch ablegen, nicht auch eine Macht-Demonstration ist und Eingriff in die Entscheidung dieser Frauen über ihren eigenen Körper."

Das Kopftuch als Ausdruck von Identität steht auch für das gewachsene Selbstbewusstsein von Frauen aus der dritten und vierten Einwanderer-Generation. Sie vertreten ihre Ansprüche sichtbarer als ihre Eltern und Großeltern. Das führt zu neuen Konflikten. Sagt Susanne Schröter, Leiterin der Forschungsgruppe Globaler Islam in Frankfurt am Main:

"Das ist das, was El Mafaalani sagt mit dem Begriff Integrationsparadox. Im Prinzip haben wir dadurch, dass die Pluralität offensichtlich ist, dass wir gebildete Leute aus allen Einwanderungsgruppen haben, dadurch werden die Probleme offenkundiger. Und jetzt müssen wir uns damit auseinandersetzen."

Aladin El-Mafaalani hat 2018 in seinem Buch "Das Integrationsparadox" das Phänomen beschrieben, dass die Integration zwar zunehmend besser gelinge und Deutschland eine immer offenere Gesellschaft werde, dass aber zugleich Konflikte zunehmen würden.

Foroutan: "Demokratietheoretisch gibt es das sogenannte Tocqueville-Paradoxon, von Alexis de Tocqueville, der auch festgestellt hat, je stärker gesellschaftliche Reformen ansteigen und je stärker Gleichheits-Verhältnisse hergestellt werden, desto mehr rebelliert die Bevölkerung dort, wo es Ungleichheitsverhältnisse gibt."

Naika Foroutan, Gesellschaftswissenschaftlerin (picture alliance/dpa/Elmar Kremser/Sven Simon)Naika Foroutan, Gesellschaftswissenschaftlerin (picture alliance/dpa/Elmar Kremser/Sven Simon)
Marginalisierte Gruppen, die verstärkt Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen erhalten – von Bildung über materielle Güter bis zur Präsenz in Parteien und öffentlichen Institutionen – stellen nun auch mehr Forderungen. Deutschland wird diverser, die zunehmende Pluralität des Landes stößt zugleich auf Ablehnung in Teilen der Gesellschaft. Naika Foroutan zieht Parallelen zur Frauenemanzipation:

"Frauen waren immer schon 50 Prozent, aber wählen dürfen sie erst seit 100 Jahren. Es liegt nicht daran, dass ihre Gruppengröße plötzlich zugenommen hat. Ihr Kampfbewusstsein hat zugenommen, und das ist auch so bei den muslimischen Menschen in diesem Land. Ihr politisches Bewusstsein, Zugehörigkeit aktiv einzufordern, hat zugenommen. Und wird auch politisch eingesetzt. Und das führt zu den starken, antimuslimischen Haltungen."

Für Naika Foroutan wie Aladin El-Mafaalani ist das ein notwendiger, durchaus positiver Prozess. In dem es legitim ist, zunächst Maximal-Positionen zu vertreten. Dysfunktional werde es erst, wenn einer Gruppe die Berechtigung zur Teilhabe abgesprochen werde.

"Und in diesem ganzen Gefüge des Einforderns von gleichen Rechten gibt es auch andere Gruppen, die sagen: wenn ihr die gleichen Rechte haben wollt, dann müsst ihr auch die gleichen Pflichten einnehmen. Und dann sagen die: wir nehmen die gleichen Pflichten ein, aber wir möchten gleichzeitig unsere Kinder zu religiösen Menschen erziehen dürfen. Dann sagen die anderen: Ja, aber dieser Aspekt dieser Religion gehört nicht zum Gefüge unseres Landes. Dann kommt vielleicht die katholische Kirche und sagt, aber man darf trotzdem traditionell sein. Es ist ein Kanon der Vielstimmigkeit, der deutlich macht, dass wir etwas Fundamentales aushandeln. Und das passiert nicht ohne Konflikt."

Initiative gegen Islamfeindlichkeit

Wie traditionell die Stimmen innerhalb dieses Kanons in Deutschland sein dürfen, das wird heftig diskutiert – unter Muslimen wie unter Nicht-Muslimen gleichermaßen.

Aus Sorge über zunehmende Islamfeindlichkeit wie über zunehmenden Islamismus hat sich die Initiative Säkularer Islam gegründet. Ende Februar stellten sich die Initiatoren in der Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee vor, die sich als Plattform für einen liberalen Islam von einem als dogmatisch angesehenen Islam abgrenzen will:

"Die Muslime sind selbst in der Pflicht, den Bedenken der nichtmuslimischen Bevölkerung positiv entgegenzuwirken, nämlich durch die Entwicklung eines Islams, der mit den Menschenrechten vollumfänglich vereinbar ist."

Ali Ertan Toprak, Sprecher der Initiative.

"Dieser Islam muss der uneingeschränkten Gleichberechtigung von Frauen und Männern, den Rechten von Kindern und der sexuellen Selbstbestimmung des Individuums Rechnung tragen. Das ist unser Ansicht nach der beste Schutz vor Islamfeindlichkeit."

Für Susanne Schröter habe die Gesellschaft zu lange die Augen vor einem dogmatischen Islamverständnis verschlossen:

"Wir haben so ein liberales Anything goes gelebt die ganze Zeit, und jetzt merken wir, ja aber, was machen wir mit den Konflikten, die ja Wertekonflikte sind. Was machen wir mit Akteuren, die sagen, wir wollen islamische Normen durchsetzen, das ist das einzige, was für uns existiert. Das Einfachste, was man immer sagt, ist das Grundgesetz. Aber das Grundgesetz ist kein Leitfaden für den Alltag."

Pressekonferenz der Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" am Donnerstag den 23. August 2018 in Berlin. Mit Ertan Toprak (l), Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, Christa Stolle, Terre des Femmes, Susanne Schroeter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam und Seyran Ates, Rechtsanwältin. (imago/Christian Ditsch)Ertan Toprak (l), Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, und Susanne Schröter (3.v.l), Direktorin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam, auf einer Pressekonferenz. (imago/Christian Ditsch)
Die Mehrheit der Muslime in Deutschland lebt allerdings völlig säkular:

"Für die spielt die Religion möglicherweise eine Rolle, möglicherweise aber auch gar nicht. Wenn sie eine Rolle spielt, ist es eher das private Verhältnis zwischen einem Individuum und Gott. Oder der Familie, die zusammen fastet oder den Ramadan feiert. Aber die große Bedeutung, die die Religion für einige Akteure aus dem organisierten Islam hat, spielt für den Rest der Muslime sowieso keine Rolle."

Dennoch: 57 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sehen Umfragen zufolge "den Islam" als Bedrohung. Und obwohl laut Verfassungsschutz-Bericht nur etwa ein Prozent der Muslime in Deutschland dem islamistischen Umfeld zugerechnet wird, werde von den übrigen 99 Prozent stets eine öffentliche Distanzierung von einem radikalen Islam-Verständnis verlangt. Für Naika Foroutan eine Konsequenz daraus, dass in vielen Debatten Migration als Problem verhandelt wird – und konservative Muslime im Fokus stehen.

"Man suggeriert sehr schnell, wenn man einen Ausschnitt einer Bevölkerung betrachtet, als würde dieser Ausschnitt für den gesamten Rest der Bevölkerung stehen, und das macht die Debatten so giftig. Das können wir genauso beobachten, wenn wir Debatten über Ostdeutsche uns ansehen. Da gibt es auch sehr viele, die sagen, die sind einfach so, die haben eben nicht in einer Demokratie gelebt. Das stimmt für einen bestimmten Ausschnitt, dient aber nicht dafür, das zu verallgemeinern. Und so müssten wir das auch im Islamdiskurs führen. Es stimmt für einen Teil und auf den Rest trifft es nicht zu. Und deswegen reagiert der Rest mit so einem großen Gefühl der Kränkung und das ist auch legitim."

"Wir-und-Ihr"-Zuschreibungen

"Wir sind alle ein Wir und ein Kollektiv und eine Gesellschaft. Und das muss der Mehrheitsgesellschaft klar werden, sie muss aufhören, uns mit dem Begriff ´Ihr` zu definieren und dieser Fremdzuschreibung ein Ende setzen. Sondern einfach sagen: Wir sind ein Kollektiv, Punkt."

"Wir-und-Ihr"-Zuschreibungen zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischer bzw. migrantischer Minderheit verstärken die Polarisierung beider Seiten, sagt Serdar-Veli Sari von der Jungen Islam Konferenz. Die Integration migrantischer Narrative in die nationale Erzählung – das wäre ein Ansatz – so die Politikwissenschaftlerin Sybille de la Rosa – für eine Gesellschaft mit größerer Gleichberechtigung.

In der deutschen Geschichte gibt es genug Vorbilder. Das Land erlebte immer Einwanderung. Mitte des 18. Jahrhunderts waren zeitweise ein Drittel der Einwohner Berlins Franzosen, Muslime kämpften in der preußischen Armee gegen Napoleon. Deutschland müsse sich nur wieder an diesen Teil seiner historischen Identität erinnern – der erst im 19. Jahrhundert von den Ideen eines ethnischen und biologischen Nationalismus verdrängt wurde. Dessen Vorstellungen eines homogenen Staatsvolkes wirkt bis heute nach:

Naika Foroutan: "Wenn Sie so wollen, war Deutschland immer ein multikulturelles, multireligiöses, multiethnisches und multisprachliches Land. 1848, als man in der Paulskirche darüber debattiert hat, wer Deutscher ist, hat man tatsächlich darüber nachgedacht, festzustellen: Deutscher ist, wer auf deutschem Boden geboren wurde, egal ob er Polnisch, Sorbisch, Französisch, Russisch oder Deutsch spricht. Das alles waren Sprachen Deutschlands. Man könnte fast sagen, Pluralität ist der Markenkern dieses Landes."  

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