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Kompressor | Beitrag vom 30.03.2020

Musikvideos im Shutdown Clips mit manischer Ästhetik

Von Mike Herbstreuth

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Das Display einer professionellen Kamera, in dem zwei MusikerInnen zu sehen sind. (unsplash / Kal Visuals)
Die künstlerische Vielfalt der Musikvideos ist mehr als einen Blick wert - und vertreibt die Zeit. (unsplash / Kal Visuals)

Von The Weeknd bis Mitski: Auch Musikvideos sind in der Selbstisolation eine gute Ablenkung. Mike Herbstreuth hat eine Auswahl getroffen – und empfiehlt in Zeiten der Coronakrise diesen besonderen Kulturgenuss.

Momentan kriegt man sie eigentlich von allen Seiten, die Tipps, wie man sich in der Quarantäne so die Zeit vertreiben kann. Schau doch mal diesen Film, schau doch mal diese Serie, lies doch mal dieses Buch, hör doch mal diesen Podcast. Welches Format da bislang noch ziemlich zu kurz kommt, ist das Musikvideo.

Zu Unrecht, finden wir, denn gerade Musikvideos sind perfekt für den Kulturgenuss beim "Social Distancing": Musik trifft auf Storytelling trifft auf Film trifft auf Kunst. Mike Herbstreuth mit ein paar der sehenswertesten Musikvideos der letzten Zeit.

Ambitioniertes Musikvideoprojekt

Eine exzessive Nacht in einem Casino in Las Vegas, Glamour, Glitzer und Gold überall – das Video zum Song "Heartless" von The Weeknd ist stylish, aber erstmal nichts, was man so nicht schon mal gesehen hätte. Aber schnell merkt man: Irgendwas ist hier anders.

Es brodelt unter der Oberfläche, in die Feierwut mischen sich nach und nach düstere Untertöne, der Abend läuft aus dem Ruder, Drogen lassen das Ganze komplett kippen. Und das ist erst der Anfang einer wilden Story und eines sehr ambitionierten Musikvideoprojekts.

"Heartless" war vor drei Monaten der Anfang eines Horror-Handlungsbogens, der sich mittlerweile über drei weitere Musikvideos von The Weeknd erstreckt. Die Videos bauen alle aufeinander auf: Nach dem Exzess in "Heartless" folgte der Wahnsinn in "Blinding Lights", die Paranoia im Kurzfilm "After Hours" und schließlich die blutige Eskalation in "In Your Eyes".

Starkult und Hedonismus 

Alle diese Videos sind in derselben manischen Ästhethik gefilmt, irgendwo zwischen 80er-Jahre-Slasher-Horror, dem "neon-noir" von Nicolas Winding Refns "Drive" und Joaquin Phoenix' "Joker". Und sie sind voller Symbolik, voller Kommentare zu Themen wie Starkult oder Hedonismus. Und voller Anspielungen auf Horror-Klassiker wie "Halloween", "Texas Chain Saw Massacre" oder "Nightmare On Elm Street".

Alleine das alles zu entschlüsseln ist eine abendfüllende Aufgabe und zeigt, so wie schon die visuelle Umsetzung von "Lemonade" von Beyoncé oder "Runaway" von Kanye West, wozu das Medium im Stande sein kann.

Coronavirus-NewsletterKeine Geschichte über mehrere Videos, dafür viele kleine Geschichten in einem Video gibt es im Clip zum Song "Nice To Have" von 070 Shake zu sehen. Wir sind in einem Tunnel, es ist Stau, links und rechts stehen die Autos. In einer langen Kamerafahrt, scheinbar ohne Schnitt, gleiten wir in Zeitlupe an den stillstehenden Autos vorbei und werfen immer mal wieder einen Blick in die Fahrzeuge.

Hier ein Pärchen, das sich streitet. Dort ein Mann, der sich lieblos einen Burger runterschlingt. Ein paar Autos weiter Kinder auf dem Rücksitz, die Faxen machen, während die Mutter mit leerem Blick geradeaus starrt. In jedem Auto ein Schicksal. Und so arbeiten wir uns Stück für Stück weiter vor, bis zur tragischen Ursache dieses Staus.

Das Video zu "Nice To Have" zeigt auf sehr ästhetische und tragische Weise, wie das Leben verschiedener Menschen von einem Unfall beeinflusst wird. Und es zeigt auch, dass unsere Leben doch manchmal mehr zusammenhängen, als uns eigentlich klar ist – selbst wenn wir räumlich voneinander getrennt sind. Vom SXSW Festival wurde "Nice To Have" gerade von der Jury als "Bestes Musikvideo" ausgezeichnet.

Das wohl beste animierte Musikvideo 

Ein Video, das diesen Preis genauso verdient hätte, ist das zu Mitskis Song "A Pearl" - das wohl beste animierte Musikvideo der letzten Monate. Es besteht aus 1480 Einzelbildern, die innerhalb von vier Monaten digital animiert, auf Papier ausgedruckt, per Hand unter anderem mit Kohle, Pastellfarben und Buntstiften koloriert und anschließend wieder digitalisiert wurden.

Das Video hat dadurch eine einzigartige Optik bekommen, und auch die Kamerafahrt ist einzigartig. Wir folgen einer Frauenfigur, deren Gesicht nie zu sehen ist, wie sie durch ein Labyrinth aus Häusern rennt, um schließlich von einer Kante durch eine surreale Traumwelt zu fallen.

Der Song von Mitski ist eine heftige emotionale Reise, und das Video mit seinem Sturz durch diese abstrakten Dimensionen gibt ihm nochmal zusätzliche Wucht. Ein schönes Beispiel dafür, wie ein besonderes Video einen großartigen Song noch besser machen kann.

Weitere lohnende Musikvideos: 

The Lumineers – "Gloria"

Die extrem bittere und emotionale Geschichte einer alkoholkranken, jungen Frau, die durch ihre Sucht ihre Beziehung und das Leben ihres Kleinkinds aufs Spiel setzt – erzählt in unfassbar dynamischen Kamerafahrten, die teilweise wie eine Achterbahnfahrt wirken.

BTS – "On"

Wenn man Spaß am Entschlüsseln von popkulturellen Referenzen hat, dann ist "On" von BTS genau das Richtige. "Der Herr der Ringe", "Maze Runner", "Bladerunner", "König der Löwen", "Die Chroniken von Narnia" – das alles plus ein paar biblische Anspielungen haben BTS in ihr neues Video gepackt.

FKA twigs – "Cellophane"

In "Cellophane" hebt FKA twigs Pole Dancing auf ein neues Level. Sechs Monate hat sie für die Performance trainiert, die im Verlauf des Videos plötzlich zu einem traumartigen Aufstieg in den Himmel wird – dank einer animierten Sphinx – gefolgt von einem Fall durch surreale Sphären zurück in eine schlammige Höhle und damit auch ins Leben.

Lady Gaga – "Stupid Love"

Zu was Smartphones mittlerweile so alles fähig sind, kann man im Video zu "Stupid Love" sehen, das komplett mit dem iPhone 11 Pro gedreht wurde. Lady Gaga tanzt und singt in dem Video in einer Art knallbunten postapokalyptischen Welt den Frieden zwischen den Völkern herbei.

The Chemical Brothers – "Got To Keep On"

Die Videos der Chemical Brothers sind eigentlich immer sehenswert, und erst recht wenn wie bei "Got To Keep On" die Gebrüder Gondry involviert sind. Das Musikvideo zum Song beginnt wie ein simpler Tanzwettbewerb bis sich die Gliedmaßen der Tänzerinnen und Tänzer plötzlich verbinden und zu einem großen Klumpen zusammen- und wie auseinandermorphen.

Harry Styles – "Lights Up"

Manchmal will man ja einfach nur schönen Menschen dabei zuschauen, wie sie mit anderen schönen Menschen irgendwelche Dinge tun.

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