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Tonart | Beitrag vom 26.08.2019

Musikszene im britischen Bristol "Diese Stadt hat ein musikalisches Universum hervorgebracht"

Chris Farrell im Gespräch mit Vivian Perkovic

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Nachtaufnahme von Bristol. (EyeEm / Casper Farrell)
Nachtaufnahme von Bristol: "Tatsächlich sind die Menschen in Bristol eher unbeschwert, aber vielleicht kommen ihre dunkleren Seiten in der Musik raus", meint Chris Farrell. (EyeEm / Casper Farrell)

Vor 25 Jahren erschien "Dummy" von Portishead. Das Album steht für Trip-Hop aus Bristol - und für einen melancholisch-introvertierten elektronischen Musikstil, der weltweit einschlug. Über die Erben des Trip-Hop sprechen wir mit DJ Chris Farrell.

Vivian Perkovic: In der Dokumentation "Keep Bristol Weird" sieht man, dass die Grundlage für das, was später als Bristol Sound bekannt wird, die Soundsystems sind. Soundsystems aus der Kultur der West-Indies waren maßgeblich für den Sound von Pop Kultur überhaupt. In New York wurde HipHop erfunden durch die Sound Systems von DJ Kool Herc, die dieser aus Jamaika mitgebracht hatte. Was waren das für Sound Systems, die die Grundlage für den Bristoler Sound gelegt haben?

Chris Farrell: Die jamaikanischen Soundsystems sind die Grundlage für die britische Dance Music. Da gibt es eine ganz klare Linie von den ersten Einwanderern der Windrush Generation, über die ersten Briten, die Dub und Reggae gespielt haben, direkt zu Rave, Jungle und Grime. Was Jamaikaner für die britische Musik geleistet haben, kann man nicht hoch genug schätzen.

Perkovic: Aber wie ist denn dann mit diesen Soundsystems der Bristoler Sound, der meistens außerhalb von Bristol Trip Hop genannt wird, - wie ist der entstanden?

Farrell: Bristol hat schon lange eine große jamaikanische Gemeinde, es gab viele Soundsystems - das war natürlich alles vor meiner Zeit. In den späten 70ern, frühen 80er-Jahren hat sich die Musik der Soundsystems mit Punk und anderen Stilen vermischt, HipHop kam auf, und das alles führte zu Trip-Hop. Und das war schon ein sehr wichtiger Moment in der britischen Musikgeschichte.#

"Der Grund für den Sound von Bristol ist der viele Regen"

Perkovic: Haben Sie eine Erklärung, warum gerade in Bristol diese entspannteren HioHop-Beats mit diesen sphärischen und manchmal sogar dystopischen Klängen kombiniert wurden?

Farrell: In Bristol regnet es viel. Tatsächlich sind die Menschen in Bristol eher unbeschwert, aber vielleicht kommen da ihre dunkleren Seiten in der Musik raus. Und das mit dem Regen stimmt ja tatsächlich. Im Winter bleibt man lieber drinnen, sitzt gerne im Studio. Aber es gab auch ein paar Musiker und Bands aus Bristol, die da sehr einflussreich waren, zum Beispiel Smith & Mighty, da spürte man schon eine andere Stimmung als in der Musik, die zur selben Zeit aus London kam. Aber es ist immer leicht, sich die Dinge im Nachhinein so zurechtzulegen. Ich glaube der eigentliche Grund für den Sound von Bristol ist der viele Regen.

Perkovic: Am Beginn der Dokumentation sagt ein Künstler 'Ja, was ist der Sound von Bristol? Ja, das ist Massive Attack und Portishead' – und lacht darüber. Es ist fast so, als ob sich die aktuelle Bristoler Musikszene so ein bisschen über ihr Erbe lustig macht. Was hat sie denn für ein Verhältnis zu ihrem Trip-Hop-Erbe?

Farrell: Ja, die Sachen sind ja fast 30 Jahre alt, und die Leute erwarten immer dass Musik aus Bristol sich auf Massive Attack und Portishead beziehen muss. Ja, diese Bands hatten einen immensen Einfluss in den 90er-Jahren. Einige Leute in der Dokumentation, zum Beispiel die Mitglieder des Young-Echo-Kollektivs, das sind die Kinder und Neffen der Leute, die diese Musik gehört haben. Es ist die Musik der Eltern dieser Leute, die heute in Bristol Musik machen, und natürlich müssen die auch ein bisschen gegen die Musik ihrer Eltern rebellieren. 

Perkovic: Aber was bestimmt denn dann den Sound von Bristol im Jahr 2019?

Farrell: Die Musik ist mit dem Internet überall etwas internationaler geworden. So lokale Szenen wie damals gibt es heute nicht mehr, auch wenn man damals natürlich gewisse Kontakte hatte - nach London, nach New York oder Tokio. Trotzdem ist die Musikszene von Bristol auch heute noch einzigartig. Es gibt hier eine sehr intime Musikszene die sehr eng zusammenarbeitet. Die Genregrenzen hier sind sehr durchlässig, wir haben hier Grime-Musiker, die auch Noise machen. Das zeigt die Dokumentation auch sehr schön, Bristol ist ein echter Schmelztigel, hier kommt klassischer Dub in einen Topf mit Grime oder Drum and Bass, mit Industrial und dem Vermächtnis von Bands wie The Pop Group - diese Stadt hat ein ganzes musikalisches Universum hervorgebracht, das bis heute seine Wirkung hat.

Portishead, Massive Attack, Tricky oder Roni Size

Perkovic: Was glauben Sie, ist die Musik in Bristol heute besser oder war sie es vor 25, 30 Jahren?

Farrell: Ich glaube nicht so etwas wie Goldene Zeitalter in der Musik. Gute Musik wird immer gemacht. Die Verdienste von Portishead, Massive Attack, Tricky oder Roni Size und ihr großer internationaler Erfolg stehen außer Frage. Aber das ändert nichts daran, dass man in 20 Jahren auf die Musik von heute aus Bristol zurückschauen wird. Für diese Künstlerinnen und Künstler ist es natürlich wesentlich schwerer, einen so großen Erfolg zu haben - kurz vor Aufkommen des Internets war einfach die beste Zeit, um mit Musik Geld zu machen.

Aber das heißt ja nicht, dass weniger erfolgreiche Musik heute schlechter ist. Es gibt zu jeder Zeit gute Musik, und ich glaube, dass vieles von dem, was heute in Bristol produziert ist, auch in 20 oder 30 Jahren noch bestehen kann. Und selbst wenn nicht, es ist immer interessant zurückzuschauen.In Bristol wurde früher auch viel Postpunk gemacht, der heute noch interessant ist, auch wenn man das nicht unbedingt beim Autofahren hören möchte.

Perkovic: Wie geht denn die Stadt Bristol mit dem musikalischen Erbe um – und auch mit den Künstlern heute? Gibt es Förderungen? Stellt sie Räume zur Verfügung?

Farrell: In Großbritannien findet Underground-Musik immer noch sehr wenig Beachtung durch die Institutionen. Kleinere Musikclubs müssen schließen, weil sie keine Unterstützung von der Verwaltung bekommen. Die Musik, über die wir hier sprechen, findet völlig außerhalb offizieller Strukturen statt. Es gibt keine Unterstützung durch den Staat, zumal in den letzten zehn Jahren ohnehin Förderungen zum Beispiel für Jugendzentren gestrichen wurden, wo junge Leute traditionell ihre ersten Erfahrungen mit Musik gemacht haben.

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