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Kompressor | Beitrag vom 18.01.2021

Musikproduzent und Gewalttäter Phil SpectorDie Opfer bekommen im Nachruf zu wenig Raum

Berit Glanz im Gespräch mit Max Oppel

Phil Spector umringt von Bodyguards beim Verlassen eines Gerichtssaals. (AFP / Getty Images via AFP / David McNew)
Phil Spector beim Verlassen des Gerichtssaals: 2009 wurde er wegen Totschlags verurteilt, seitdem saß er in einem Gefängnis in Kalifornien ein. (AFP / Getty Images via AFP / David McNew)

Der Musikproduzent Phil Spector ist im Gefängnis gestorben. Er saß dort als verurteilter Frauenmörder. Die Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz kritisiert, dass in den Nachrufen auf ihn die Gewalt gegen Frauen zu wenig thematisiert werde.

Phil Spector war ein Musikgenie. Er produzierte Alben der Beatles, von Elvis oder Tina Turner. Phil Spector war aber auch ein Mörder. Verurteilt für den Femizid an der 40-jährigen Schauspielerin Lana Clarkson, die er tötete, weil sie ihn zurückgewiesen hatte, nachdem die beiden sich wenige Stunden vorher in einem Nachtclub begegnet waren. Jahrelang misshandelte er seine damalige Ehefrau Ronnie Spector.

Phil Spector starb im Gefängnis. Wie soll man angesichts einer solchen Tat mit der Bedeutung Spectors umgehen?

In Nachrufen wie dem in der "Süddeutschen Zeitung" oder auch im Deutschlandfunk Kultur geht es zunächst einmal um Spectors Kunst und seinen Ruhm und dann später auch um seine Verbrechen und um den Mord an Clarkson. Das Fazit: Ein Genie mit Abgründen, eine Ambivalenz, mit der man leben muss. 

Mehr Platz für Opfer und Angehörige

Die Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz hält das für fatal. In einem Nachruf gehe es nicht nur um das Werk eines Künstlers, sondern um die komplette Person. "Und wenn diese Person ein Frauenmörder ist oder jemand, der extreme Gewalt ausgeübt hat gegen Frauen, dann kann man das in einem Nachruf nicht nur mit einem Nebensatz abhandeln", sagt sie.

Den Opfern und Angehörigen müsse genauso viel Platz eingeräumt werden, wie dem Täter. "Man kann ja auch Angehörige befragen, wie es ihnen damit geht, dass der Täter, der ihren sehr geliebten Menschen umgebracht hat, jetzt plötzlich überall in den Medien ist."

Im "Spiegel"-Nachruf werden das Opfer und die Tat gleich zu Beginn genannt. Dort gebe es wiederum ein anderes Problem. "Da ist so ein Satz drin wie 'Damals wurden solche haarsträubenden Storys von der erhabenen Musik überstrahlt'", zitiert Berit Glanz. "Das ist natürlich überhaupt kein Problem der Vergangenheit. Das ist ein aktuelles Gegenwartsproblem. Also Frauen werden weiterhin von Männern ermordet. Das betrifft auch Gegenwartskünstler."

"Femizide sind ein strukturelles Problem"

Schwierig sei es zudem, Nachrufe auf einen Frauenmörder mit einer Selbstaussage enden zu lassen. Der "Spiegel"-Artikel endet mit dem Satz von Spector: "Ich bin mein eigener schlimmster Feind." "Dann kann eben der Mörder sagen: 'Ich bin einfach ein Monster' oder so", kritisiert Glanz. "Und damit sind die kein Teil von uns. Aber Femizide sind ein strukturelles Problem und darauf müssen Nachrufe eingehen. Das ist eben keine Ausnahme."

Das macht Berit Glanz auch in einem Thread auf Twitter deutlich. "Wir haben hier sehr viele erfolgreiche Männer, die versucht haben, ihre Partnerinnen entweder zu ermorden, oder damit sogar erfolgreich waren und dann weiterhin sehr erfolgreiche Karrieren hatten." Wie wurde diese Tat entschuldigt, mit dem kreativen Genie? Die Frage könnte im Nachruf thematisiert werden.

Wenn man solche Taten zu Ausnahmen stilisiere, verstelle das den Blick auf die Frage, was Misogynie oder Frauenhass bedeute, sagt Glanz. "Nämlich, dass permanent Frauen sterben durch die Hand ihrer Männer."

(cwu)

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