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Tonart | Beitrag vom 29.12.2020

Musikjournalismus und Generation ZFließtext ist nicht mehr zeitgemäß

Von Christoph Möller

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Billy Eilish auf der Bühne (imago images / ZUMA Wire / Daniel DeSlover)
Billie Eilish ist aktuell der Star der Generation Z (imago images / ZUMA Wire / Daniel DeSlover)

Genregrenzen und verfeindete Musikrichtungen gehören der Vergangenheit an. Generation Z interessiert sich nicht für Schubladen. Das – und Plattformen wie Spotify und TikTok – sorgen für ein komplett neues Hörverhalten. Und für ganz neue Musik.

2020 war kein leichtes Jahr für die Musik. Besonders für die Konzertbranche. Doch es gibt eine Generation, die die Krise besser bewältigt hat als andere: Die Generation Z, Menschen, die um das Jahr 2000 geboren sind und von klein auf im Internet zu Hause sind. Sie haben sich schnell an die Gegebenheiten angepasst – auch in Bezug auf Musik. TikTok, besonders bei jungen Menschen beliebt, ist dieses Jahr das wichtigste Medium geworden, um Musik zu entdecken. Und in den USA sind gleich mehrere neue Musikmagazine auf Instagram entstanden. Warum ist das so? 

Caroline Vein aus Los Angeles ist 20 Jahre alt und hat Anfang Mai auf Instagram das Musikmagazin "Off The Cassette" gegründet. Sie sagt: 

"Viele größere Blogs sind bedeutungslos geworden für die jüngere Generation, weil alle nur zehn Sekunden Zeit haben. Wenn du da nicht mitspielst, bist du raus. Deshalb sind Plattformen wie TikTok oder Instagram so erfolgreich. Wie wir Inhalte präsentieren, hängt stark mit dieser kurzen Aufmerksamkeitsspanne zusammen. Das ist total wichtig für die jüngere Generation. Wir wollen aber natürlich interessanter sein, als andere."

Grelle Buchstaben, ernste Themen

Neue Artikel sehen aus, als seien sie aus gedruckten Magazinen abfotografiert. Grelle Großbuchstaben, Retro-Design, kurze Texte. Manchmal geht es um politische Themen: Rassismus oder sexuellen Missbrauch in der Musikindustrie. Meist werden aber einfach nur angesagte Newcomer vorgestellt.

Musik-Genres spielen keine Rolle bei "Off The Cassette". Fast 16.000 Menschen gefällt das. Die Musikjournalistin Miriam Fendt glaubt, diese neuen Musikmagazine holen junge Fans dort ab, wo sie sind:

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"Da kann man zum Beispiel Newcomer pushen, aber auch mal einen Hintergrund erklären, der eher in so ein Special Interest geht, was Musikgeschichte zum Beispiel angeht. Man kann erst dann richtigen Musikjournalismus für eine Masse betreiben, wenn man da ist, wo die abhängt, wo die sich befindet."                  

Fendt ist Redakteurin bei PULS, dem Jugendkanal des Bayerischen Rundfunks, und betreut dort das YouTube-Format "PULS Musikanalyse". Das untersucht aktuelle Musiktrends untersucht.

Eine Generation ohne Zeit

Diese Formate reagieren auf das Nutzungsverhalten junger Menschen. Die entdecken Musik fast nur noch digital. Die Generation Z kann mit Feuilleton-Musikjournalismus nicht mehr viel anfangen, glaubt Fendt: "Ich glaube Fließtext in seiner reinen Form ist einfach nicht mehr das, was zeitgemäß ist."                  

Die Generation Z hat in Bezug auf Musik keine Zeit mehr. Auf jede Wischbewegung auf dem Smartphone könnte ein neuer Song folgen, eine noch witzigere Dance-Challenge. Nicht nur der Musikjournalismus reagiert auf dieses Verhalten. Auch Spotify bewirbt Playlists mit seltsamen Fantasie-Namen wie "Pollen" oder "Lorem", die sich explizit an die Generation Z richten: "Genre-less. Quality first" ist das Motto der "Pollen"-Playlist.

Die Generation Z ist neugierig und agiert viel kreativer mit Musik als viele Generationen vorher, glaubt Fendt. Junge Musikerinnen und Musiker wie Dua Lipa oder Miley Cyrus zitieren alte Musik-Jahrzehnte und geben Disco- oder Rock-Klischees ein Gegenwarts-Update.

Expertenwissen unnötig

Es scheint, als würden junge Musikfans viel entspannter Musik hören. Ob Beatles oder Billie Eilish – egal. Es gibt weniger Druck, ein Expertenwissen zu besitzen. Schließlich kann jedes Sample, jedes Zitat mit zwei Klicks überprüft werden.

2020 hat digitale Trends beschleunigt: TikTok ist zur wichtigsten Plattform für Musikentdeckung geworden. Das Magazin "Billboard" prognostiziert, die App könnte einen ähnlichen Einfluss auf die Musikindustrie haben wie MTV. Junge Musikfans haben dabei offenbar keine Skrupel, die Plattformen kostenlos mit Inhalten zu versorgen. Es ist also ein zweischneidiges Schwert. Es gibt einem großen Kreativitätsschub, aber möglicherweise auch eine unkritische Hörigkeit gegenüber den Interessen gieriger Großkonzerne.

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