Musikfest Berlin: Monteverdis "Marienvesper"

Vokale Pracht

Die Marienstatue in Meran auf dem Sandplatz in Italien zeigt eine junge Frau in Stein mit aufgewühltem Gewand und einem großen Heiligenschein, der mit vielen Sternen geschmückt ist.
Die Huldigung der Maria findet sich auch auf vielen Plätzen, wie hier in Meran. © imago / blickwinkel / A. Schauhuber
Ein Werk zwischen den Zeiten · 20.09.2022
Die "Marienvesper" von Claudio Monteverdi ist ein beeindruckender Gesang zum Lobe der Muttergottes, ein großartiger Meilenstein zwischen Renaissance und Barock. Beim Musikfest Berlin dirigierte Philippe Herreweghe das Collegium Vocale Gent und Solisten.
Bei diesem Werk fangen die Schwierigkeiten schon mit der Deutung des Titels an: Eine ellenlange Unterzeile, wie sie dann im Barock üblich werden sollte, macht Andeutungen zur Gestalt und zum möglichen Einsatz der Musiken. In der Tat hat Claudio Monteverdi hier, 1610, Musik im Plural komponiert, denn die „Vespro della Beata Vergine“ – auf Deutsch kurz „Marienvesper“ – ist nicht nur eine Festmusik für die Muttergottes.
Sie ist auch ein Sammelsurium vokaler Konzerte, die ihren erotischen Charakter manchmal nur mühsam hinter der prachtvollen Fassade geistlicher Musik verstecken können.

Blick Richtung Oper

Doch sind es nicht nur Texte und Formen, die in diesem epochalen Meisterwerk bunt gemischt werden. Stil und Technik der „Marienvesper“ lassen sich kaum auf einen Nenner bringen: Die Konzerte sind in der damals heiß diskutierten Manier der eben erst entwickelten Oper gehalten; die Chöre atmen den Geist erhabener Renaissance-Polyphonie, und über allem schwebt die Ewigkeitsmusik des frühmittelalterlichen Gregorianischen Chorals und sorgt zwischen den Sätzen für liturgische Klarheit.

Ein Leben lang begleitet

1987, als der Dirigent Philippe Herreweghe seinen 40. Geburtstag feierte, erschien seine erste Einspielung der „Marienvesper“. 35 Jahre später, nach vielen Konzerten und einer weiteren Aufnahme dieses Werks, hat sich Herreweghe mit Monteverdis Meisterwerk erneut beschäftigt.
Als nunmehr 75-jähriger Altmeister der Historischen Aufführungspraxis bringt er eine nahezu einzigartige Erfahrung mit, die er seit vielen Jahren mit dem Collegium Vocale Gent teilt. Unter seiner minimalistischen Leitung bewahrt sich diese Musik ihre italienische Lebendigkeit, ihre mediterrane Leichtigkeit, wie beim Musikfest Berlin erneut zu erleben war.
Aufzeichnung vom 14.09.2022 in der Philharmonie Berlin

Claudio Monteverdi
„Vespro della Beata Vergine“ („Marienvesper“) für Soli, Chor und Orchester

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