Musikfest Berlin 2021: Le sacre du printemps

    Strawinskys Skandal zum Greifen nah

    Bei einer Ballettaufführung recken sich viele Hände agressiv in die Höhe.
    Bühne, Kostüme und vor allem die Bewegungen, die im Ballett "Das Frühlingsoper" gezeigt wurden, waren für das gediegene Publikum 1913 provokant hässlich. © imago / ZUMA Press
    Moderation: Ruth Jarre · 14.09.2021
    Aggressiv, rau und hässlich. So empfand das Publikum 1913 die Uraufführung des "Frühlingsopfers" von Strawinsky. Heute ist es Mainstream. Doch François-Xavier Roth dirigiert hier so mitreißend wild, dass das Skandalöse plötzlich wieder nachfühlbar wird.
    Für dieses Konzert war das Orchester Les Siècles unter der Leitung von François-Xavier Roth eingeladen. Das Ensemble spielt alle Musik auf den entsprechenden historischen Instrumenten der jeweiligen Epoche. In diesem Fall heißt das: Instrumente, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in Frankreich gängig waren.
    Das Programm des gesamten Konzerts widmet sich Werken von Igor Strawinsky, der zu den wichtigsten und wandlungsfähigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt. In diesem Jahr jährte sich sein 50. Todestag - daher die Schwerpunktsetzung beim Musikfest Berlin.

    Schaffens-Schau

    In diesem Konzert sind Werke aus verschiedenen Schaffensperioden Strawinskys zu hören: An erster Stelle des Konzertes steht "Canticum sacrum" aus dem Jahr 1955 - ein mehrchöriges Werk für den Markusdom in Venedig. Mehrchörigkeit wurde hier geboren, als man die Sänger auf die verschiedenen Emporen der Kirche stellte.
    Dem folgt das "Concerto en ré" für Violine und Orchester aus dem Jahr 1931. Strawinskys Vorbild ist hier ein barock-festliches Konzert. Doch er scheint in die Melodien Risse hinein zu komponieren - wie die Risskanten von Blättern, die für eine Collage verwendet werden. Solistin des Abends ist Isabelle Faust, für die es ein besonderes Konzert ist [Audio] .

    Provokation wieder erfahrbar

    Mit Spannung erwartete das Publikum die Aufführung von "Le sacre du printemps" auf Instrumenten, die so klingen, wie in Paris um 1913. Damals waren Bühnengestaltung, Kostüme, Musik und die Tanzbewegungen skandalös neu. Nichts passte in das Schönheitsideal des Publikums der Belle Époque. Heute hat man sich an diese Modernität gewöhnt.
    In dieser Interpretation von François-Xavier Roth wird aber durch die wilde, raue und besonders markant-exakte Rhythmik die Wucht des damaligen Skandals wieder erlebbar. Er macht hörbar, wie aufrüttelnd und mitreißend dieses Werk - eben bis heute - sein kann.
    Dass die Musiker überhaupt über Instrumente der einzelnen Epochen verfügen, ist vor zu Beginn vor allem durch eine Stiftung möglich, beruht aber auch auf viel Eigeninitative, wie der Dirigent François-Xavier Roth im Gespräch erläutert [Audio] .
    Aufzeichnung vom 13. September 2021 in der Philharmonie Berlin
    Musikfest Berlin
    Igor Strawinsky
    "Canticum sacrum ad honorem Sancti Marci nominis" für Tenor, Bariton, Chor und Orchester
    Concerto en ré für Violine und Orchester
    "Le sacre du printemps"
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