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Im Gespräch | Beitrag vom 06.08.2018

Musiker Rolf KühnDer Großmeister der Jazz-Klarinette

Moderation: Klaus Pokatzky

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Jazz-Legende Rolf Kühn posiert bei Deutschlandradio Kultur in Berlin am 25.09.2014. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Eine Jazz-Legende: Rolf Kühn. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Der größte Antrieb des Jazz-Klarinettisten Rolf Kühn ist seine Neugierde. Er will immer wieder Neuland erschließen und auch mit 88 Jahren auf keinen Fall aufhören, sich zu entwickeln. Dafür arbeitet er etwa weiter auch mit jungen Musikern zusammen.

Altbekanntes zu wiederholen liegt Rolf Kühn gar nicht. Der Jazz-Klarinettist, der im September 89 Jahre alt wird, übt jeden Tag diszipliniert mindestens zwei Stunden. Und er übt immer wieder Neues: "Disziplin bedeutet für mich: Ich muss diszipliniert üben, um mich weiterzubilden an diesem Instrument. Das ist ja kein Stillstand – um Gottes Willen! Das ist ja langweilig! Warum sollte ich die Sachen spielen, die ich 1956 gespielt habe? Das ist eine ständige Weiterentwicklung. Man lernt das Instrument jeden Tag besser kennen."

Dass er sein Instrument schon ziemlich früh auch ziemlich gut gekannt und beherrscht hat, wird klar wenn man hört, mit wem er gespielt hat: 1956 geht Rolf Kühn für sechs Jahre nach New York und trifft dort auf so gut wie alle, die im Jazz Rang und Namen haben. Er spielt mit den Stars, lernt mit ihnen und wird schließlich selber zum Star.

Einer unter den Großen des Jazz

"Die tollen Musiker, die in New York leben, oder besser gesagt: die in New York leben können – da muss man eine gewaltige Qualität mitbringen, um überhaupt beschäftigt zu werden – das fand ich reizvoll. Ich habe all die Leute kennengelernt und habe mit ihnen zusammengespielt, mit denen ich zusammenspielen wollte." Er nennt Benny Goodman, Tommy Dorsey, Count Basie, Billy Eckstine, Sarah Vaughn und Chet Baker. Doch es hat noch viele mehr gegeben, mit denen er im berühmten Club Birdland oder in der Carnegie Hall der späten fünfziger Jahre gespielt hat.

Irgendwann zog es ihn zurück nach Deutschland. Dort kam er unter anderem auch zurück zum RIAS Berlin, wo er bereits 1950 erster Saxofonist des Tanzorchesters war. In Europa spielte er unter anderem mit Caterina Valente und komponierte auch Filmmusik.

Es reizt ihn immer wieder, neue Musikformen auszuprobieren. Kürzlich hat Kühn eine CD mit einer kroatischen Cellistin eingespielt. Auch heute noch kann man ihn im Duo mit seinem Bruder Joachim, einem 14 Jahre jüngeren Pianisten hören. Außerdem spielt er regelmäßig in einer Gruppe mit drei jungen Musikern, was ihm einen Riesenspaß macht.

"Mein Kindheitswunsch war, Akrobat zu werden"

Geboren wurde Kühn zwar nicht in eine Musikerfamilie, aber er wuchs in dem musikalischen Umfeld der Stadt Leipzig auf: "Leipzig war wirklich in der Musikgeschichte eine sehr traditionsreiche Stadt, was man nicht von allen größeren Städten in diesem Land sagen kann."

Dennoch geht sein Berufswunsch als Kind in eine ganz andere Richtung: Kühn möchte wie sein Vater Akrobat werden. Vater und Onkel traten gemeinsam als Akrobaten in Varietés auf und nahmen den kleinen Rolf praktisch täglich mit zum Training: "Mindestens fünf bis sechs Stunden jeden Tag, meistens nach der Schule. Das war ein hartes Training, aber ich habe diesen Beruf natürlich geliebt. Das war auch nichts Ungewöhnliches. Artistenkinder wachsen so auf."

Gleichzeitig fühlte er sich aber schon als Kind zur Musik hingezogen. Der Vater schenkte ihm zum Ausprobieren diverse Instrumente. Kühn blieb bei der Klarinette. Im Nationalsozialismus nahm ihn als sogenannten Halbjuden – seine Mutter war Jüdin – keine Musikschule auf, er erhielt heimlich Privatunterricht. Dass zum Beherrschen des Instruments außer dem Unterricht auch das Üben gehört, entdeckte er erst, nachdem er schon ein paar Jahre gespielt hatte.

Heute kommt er zum Üben fast täglich ins Gebäude des ehemaligen RIAS, ins Haus von Deutschlandfunk Kultur, mit dem ihn seit den 50er Jahren so viel verbindet.

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