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Tonart | Beitrag vom 03.04.2019

Musiker-PodcastsReden die sich um Kopf und Kragen?

Von Ina Plodroch

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Die Rapperin Nura posiert in der Hocke vor einem pinken Hintergrund. (Niculai Constantinescu / Universal Music)
"Ihr könnt mir ab jetzt immer hier euer Herz ausschütten", sagt Rapperin Nura in ihrem Podcast. (Niculai Constantinescu / Universal Music)

Wer früher Autogrammkarten verschickt hat, macht heute einen Podcast. Manche sind reine PR, andere bieten Erkenntnisgewinn. Wir haben Musik-Podcasts von Rapper Chuck D., Hip-Hopperin Nura oder Kraftklub getestet und sagen, welche sich lohnen.

1. Der Promo-Podcast

"Allo Leute... Hier ist wieder euer Baby Baby Nura."

"Yo Leute, was geht ab, willkommen zu meinem neuen Podcast." Nura ist Rapperin aus Berlin und ein Teil des mittlerweile getrennten Duos SXTN, die 2017 die große weibliche Rap-Nachwuchshoffnung waren. "Ihr könnt mir ab jetzt immer hier euer Herz ausschütten." Zum Beispiel über Hasskommentare im Netz. "Am 29. März kommt ja mein erstes Solo-Album ‚Habibi‘ und da habe ich einen Song, der heißt ‚Was ich meine’ und da geht’s um dieses Thema: Hasskommentare." Der Podcast funktioniert als Erweiterung ihres aktuellen Albums.

Fazit: "Ja, Nice." Vor allem: Nice Werbung für ihr Album, die zeigt, dass es natürlich nicht mehr reicht, die Städte voll zu plakatieren, um neue Musik anzukündigen. Die Community will Geschichten, und die liefert Nura. Das Ganze wirkt ein wenig berechnend und richtet sich vor allem an junge Fans.

2. Der Podcast-Als-Ersatz-Für-Ein-Neues-Album

"Mädness und Döll" von den Rappern Mädness und Döll. "Herzlich willkommen zu unserem Podcast ‚Aja, was geht?" In der die zwei Rapper in der Podcast-Ur-Situation hocken: Zwei Männer um ein Mikro, viel Zeit, wenige Themen, aber immer ein lockerer Spruch auf der Lippe. "Wir haben uns überlegt, die Zeit, in der wir jetzt keine Mucke releasen, einfach damit zu überbrücken, einen Podcast zu machen." Denn wenn Musiker oder Rapper nicht jeden Monat eine Single veröffentlichen, sind sie schließlich fast schon weg vom Fenster.

Das Rap-Duo Mädness und Döll steht im Gegenlicht unter einer Unterführung. (Robert Winter)Die Rapper Mädness und Döll. (Robert Winter)

Fazit: Wer früher Autorgrammkarten verschickt hat, redet sich heute um Kopf und Kragen in einem Podcast, um bloß nicht in Vergessenheit zu geraten. Dann trifft Mann auf Mann und die laden gerne auch noch andere Männer, also Rapper, ein. Exakt so machen es auch Kraftklub in ihrem Radio K-Podcast. Oder Drangsal und Casper. Interessant für alle Fans, die unbedingt wissen wollen, wo diese Jungs wohl ihr Feierabendbier am liebsten trinken.

3. Die Musiker-Als-Musikjournalisten-Podcasts

"Moin und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Antjes Freundebuch." Antje macht als Antje Schomaker Musik wie so viele Deutsch-Pop-Poeten. Alle, die so ähnlich klingen wie sie selbst, lädt sie zu ihrem Kuschelpodcast ein. "Ich hoffe, ihr habt dabei das Gefühl, mit uns an einem Tisch zu sitzen." Es folgen 80 Minuten, in denen beide über ihr verrücktes Leben erzählen: "Ich habe mal einen Song eingesungen im Haus Auensee mit einem Mikro und einer Sportsocke drüber. Antje: Nein. Geil." Ein Gespräch, das genau so nett, glatt und belanglos daherkommt wie die Musik.

Die Sängerin steht auf der Bühne, ein Mikrofon in der Hand. Im Hintergrund Bühnenbeleuchtung. (picture alliance / Sven Simon)Antje Schomaker bei "The Dome" (picture alliance / Sven Simon)

Fazit: Wenn Musikerin auf Musiker trifft, darf der Hörer wie in den anderen Podcasts auch keine kritischen Nachfragen erwarten. Erkenntnisreicher und vor allem ehrlicher ist deshalb der hier:

4. Die Making-of-Podcasts

"Ich mache noch so ein Intro mit so einer tiefen Stimme..." Fynn Kliemann macht alles selbst: Er ist Handwerker, Grafiker, Suchmaschinenoptimierer, hat als Youtuber eine halbe Millionen Follower. Und seit vergangenem Jahr macht er auch Musik. Weil er sowieso 24 Stunden am Tag zu reden scheint, kann er ja auch ein Mikro mitlaufen lassen und darüber reden, wie er sein erstes Album aufgenommen und vermarktet hat. Er verspricht den wohl ehrlichsten Podcast der Musikindustrie. "Und jetzt geht es um die Fragen, die sich keiner traut zu stellen, weil sie eh keiner beantwortet."

Der Netzwerker und Heimwerker Fynn Kliemann: ein Hipster auf dem Bauernhof (dpa / Ingo Wagner)Der Netzwerker und Heimwerker Fynn Kliemann: ein Hipster auf dem Bauernhof (dpa / Ingo Wagner)

Fynn Kliemann aber schon. Er erzählt, dass er seinen mittlerweile erfolgreichsten Song "Zuhause" genau so genannt hat, weil dieser Begriff so oft gegoogelt wird. Und über Geld und Zahlen spricht er so offen wie sonst keiner.

"Wir waren bei Amazon auf Platz eins in den Pop-Charts, und wir dachten: Ach du scheiße. Was passiert hier eigentlich. Und dann kriegst du ’ne Woche später die Zahlen. An dem Tag hatten wir 201 Platten verkauft und waren damit auf Platz eins der Amazon-Pop-Charts."

Fazit: Hinter vier Folgen Laberei steckt viel Neues. Aber manche Zahlen verwechselt er, korrigiert sich dann noch und dann wird’s konfus. Deshalb: Journalistisch ist das natürlich nicht. Offen, aufschlussreich und werbereich für ihn aber trotzdem.

5. Der So-Kann-Musikjournalismus-Auch-Aussehen-Podcast

"Hi I’m Chuck D." Der Mitgründer der Hip-Hop-Gruppe Public Enemy. "This is Stay Free – The Story of The Clash." Ein Podcast, der produziert ist wie ein Hollywoodfilm und bei dem sich keiner dachte: Das Drücken auf das Aufnahmegerät reicht aus.

Konzert in Prag mit dem US-Rapper Chuck D (imago stock&people)Konzert in Prag mit dem US-Rapper Chuck D (imago stock&people)

"A few weeks after the audition, Nick and Paul started a band together." Mit ziemlich viel Storytelling-Dramatik: "But they still needed a frontman."

Fazit: Das ist wohl der beste aktuelle Musikpodcast mit Musikerbeteiligung, den die BBC mit Spotify und Chuck D produziert hat – allerdings auch mit sehr viel höherem Budget als alle anderen. Deshalb ist es keine austauschbare Laberei, sondern sehr aufwendig erzählt. Selbst für Fans und Kenner steckt noch viel Neues darin – und sei es das Erzählformat an sich.

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