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Im Gespräch | Beitrag vom 23.09.2020

Musiker Achim Reichel„Ich bin ein Hamburger Sturkopp“

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Achim Reichel (Hinrich Frank und Matti Klatt)
Ist verantwortlich für "Aloha Heja He" - unter anderem: Achim Reichel. (Hinrich Frank und Matti Klatt)

Seit fast 60 Jahren steht der Musiker Achim Reichel auf der Bühne – mit Rock ’n’ Roll und Vertonungen deutscher Dichtung. Mit den Rattles hat er auch die Beatles und die Rolling Stones auf Tour begleitet. Jetzt blickt er auf sein Leben zurück.

Auf einem Containerschiff von Hamburg nach Namibia fährt Achim Reichel an seinen Lebensstationen vorbei: am Elternhaus, an der Kirche, in der er konfirmiert wurde, am Strand der Elbe. Auf der langen Reise findet er Zeit und Ruhe, seine Autobiografie zu schreiben: "Ich hab’ das Paradies gesehen". Darin spannt er den Bogen von den Anfängen auf St. Pauli über seine wilden Jahre im Rock ’n’ Roll der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart.

Von Hamburg nach Namibia

Auf den Weiten der Meere sei es schon etwas öde gewesen, sagt der 76-jährige, da hätte er nichts Anderes machen können, als an seinem Lebensrückblick zu schreiben. Allerdings: Er spielte auch mal für die Crew.

"Das ließ sich nicht vermeiden. Irgendwann kam der Schiffssteward an, hielt mir sein Handy unter die Nase und sagte 'Dein Incognito ist kaputt' und zeigte ein Video von einem meiner Konzerte. Irgendwann wurde es heikel, denn die ganze Mannschaft - es waren Polen - trank Wodka aus Zahnputzbechern, und für solche Dinge bin ich nicht gebaut. Insofern musste ich mich irgendwann in Sicherheit bringen."

Wie schon sein Großvater so fuhr auch sein Vater zur See. Achim Reichel hat ihn als Kind wenig gesehen Als er starb, vermisste er ihn nicht besonders. "Ich kannte ihn eigentlich nur durch seine Postkarten."

Vom Rock ’n’ Roll zur deutschen Dichtung

In den 60er-Jahren gründete Achim Reichel die Band "The Rattles", spielte im legendären Hamburger Star-Club, den er später auch eine Weile pachtete. Legendär waren auch die Partys. Mit seiner Band tourte Reichel sowohl mit den Beatles als auch mit den Rolling Stones.

"Die Rattles loderten vor Leidenschaft für den Rock ’n’ Roll. Das war zu einer Zeit, als man noch keine eigenen Stücke schrieb, und man bediente sich meist bei amerikanischen Größen. In Hamburg hatte man nicht nur den Star-Club, da gab es auch das Top Ten oder den Kaiserkeller. Und überall spielten englische Bands, das war für uns so was Ähnliches wie eine lebende Rock ’n’ Roll Volkshochschule."

Gassenhauer und vertonte Klassiker

Achim Reichel hat ganz unterschiedliche Musik gemacht: Beat und Rock ’n’ Roll, er sang Shantys und Balladen, vertonte Lyrik und beschäftigte sich mit Goethe, Fontane oder Heine. Und er arbeitete eng mit dem früh verstorbenen Schriftsteller und Rockpoeten Jörg Fauser zusammen. Sein berühmter Song "Der Spieler" stammt aus Fausers Feder. Berühmt – und berüchtigt – ist auch "Aloha Heja He": Der Gassenhauer sorgt bis heute auf Partys für Schunkeln und kollektives Trockenrudern.

"Auf Englisch zu singen kam mir irgendwann vor wie Urkundenfälschung. Ich nahm den Umweg über die Shantys und landete dann ziemlich schnell bei unseren alten Dichtern. Das ist wirklich hohe Wortkunst. Irgendwann sah ich in ihnen so etwas wie Wortmagier, weil die Verse auch eine ungeheure Atmosphäre ausstrahlen. Und Atmosphäre ist der Musik sehr nahe."

Eine Zeile aus dem Song "Aloha Heja He" wird zum Titel von Achim Reichels Autobiografie: "Ich hab‘ das Paradies gesehen". "Ich finde es schier paradiesisch, dass so etwas wie Musik - die kann man nicht anfassen, nicht riechen, nicht schmecken, die kann man nur hören -  einen durchs ganze Leben tragen kann. Das finde ich schon etwas Magisches."

(svs)

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