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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.01.2007

Musik und Politik

Von Daniel Dagan

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Aida-Aufführung in der Mailänder Scala (AP Archiv)
Aida-Aufführung in der Mailänder Scala (AP Archiv)

Zum Jahreswechsel hatte ich Gelegenheit, eine schöne Inszenierung von Aida in der Staatsoper Unter den Linden zu bewundern. Beim berühmten Triumphmarsch wurde ich richtig schwach.

Gerade an dieser glorreichen Stelle wurde die geniale Musik von Verdi besonders fein und leise gespielt. Am Dirigentenpult wusste ich den Israeli Dan Ettinger, der die deutsche Staatskapelle zu musikalischen Höchstleistungen brachte. Auf der Bühne beeindruckte eine glamouröse Kulisse - Paläste der Pharaonen, die rauschenden Wellen des Nils.

In meiner Vorstellung wurde ich in eine andere deutsch-israelisch-ägyptische Inszenierung zurückversetzt, die sich ebenfalls zu Klängen von Verdi vollzogen hat, und ebenfalls in einem Palast am Nil stattfand...

Wir schreiben das Jahr 2000 - also Ende und Anfang eines Milleniums zugleich. Im Palast des ägyptischen Präsidenten in Kairo ehrt eine Militärkapelle den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Triumphmarsch aus der Aida - ein klassisches, kulturelles Bindeglied zwischen Orient und Abendland.

Am Abend findet ein Staatsdinner im selben Palast statt. Routiniertes Händeschütteln mit Präsident Husni Mubarak, dazu ein arabisches Grußwort. Dann aber überrumpele ich den modernen Pharao mit der Bemerkung, dass ich in diesem Raum regelmäßig als Kind gespielt habe. Dem Gastgeber fällt es sichtlich schwer, mir zu glauben.

Daraufhin ziehe ich meine Geburtsurkunde aus der Westentasche. Mubarak liest laut vor - auf Arabisch, versteht sich: "Geboren in der Ibrahim-Strasse Nummer 1, Heliopolis, Kairo..."

Dem Präsidenten verschlägt es die Sprache: "Ibrahim? Ich kenne diese Strasse, die ist ja gleich um die Ecke. Sie sind also hier aufgewachsen?!"

Jawohl, antworte ich. Und füge hinzu, dass die Machtzentrale Ägyptens früher 'Heliopolis Palace Hotel' hieß und als die schönste Residenz Afrikas galt. Als Nachbarkind spielte ich dort häufig, da der Leiter des Hauses ein guter Freund meiner Familie war.

Spontan lädt mich Mubarak ein, eine Weile in Ägypten zu bleiben. Dem Bundespräsidenten sagt er mit Begeisterung: "Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir direkt aus Berlin einen orientalischen Bruder mitgebracht haben."

Sieben Jahre sind seit dieser Begegnung vergangen - ein biblischer Zyklus voller Bedeutung. Im fernen Berlin, wo ich nun sitze, nehmen die Gedanken ihren freien Lauf. Zu Verdis Klängen stelle ich mir vor, dass wir nun die sieben mageren Jahre hinter uns hätten...

Dabei hat das neue Jahrtausend so hoffnungsvoll angefangen. Alle waren damals noch euphorisch, jeder von uns könnte sein Hochgefühl am Jahresbeginn 2000 an einer persönlichen Geschichte festmachen.

Doch erlebt haben wir in diesen sieben mageren Jahren überwiegend Unerfreuliches. Deutschland, Europa und der Westen sind in eine Krise geraten, die von Dekadenz und depressiver Stimmung geprägt waren.

Israel, Arabien und der Orient wurden zum Inbegriff des Unfriedens, der gewaltsamen Auseinandersetzungen, ja des Krieges.

Obendrauf verschärfte sich die Konfrontation zwischen dem christlich geprägten Westen und dem moslemisch geprägten Orient erheblich. Es ist sicherlich nicht "politically correct" von einem Kampf der Kulturen zu sprechen. Doch jeder von uns erlebte hautnah, wie dieser Konflikt schon heftig tobte. Und der andauernde Kampf droht sogar zu eskalieren, wenn wir ihn nicht gezielt und nachdrücklich schnellstens entschärfen.

Von meinem Platz in der Staatsoper kann ich leicht einen Entwurf skizzieren, der uns ab sofort die sieben fetten Jahre bescheren wird. Die biblische Symbolik ist bestechend. Die Musik regt die Fantasie an. Nicht zuletzt sind auch andere, günstige Voraussetzungen da.

Deutschland und weite Teile Europas verzeichnen bessere ökonomische Daten. Vorsichtiger Optimismus macht sich langsam breit. Wichtige politische Kräfte ziehen endlich an einem Strang, um die Gesellschaft für die Zukunft fit zu machen.

Doch ohne Frieden ist alles nichts. Die Perspektive auf die nächsten fetten Jahre wird nur Realität, wenn man sich auch draußen in der Welt angemessen engagiert. Wie bestellt kommt die turnusmäßige Übernahme von Verantwortung durch Deutschland in Europa, in der G8, als Hauptakteur im Atomstreit mit dem Iran, im Nahost-Quartett.

Auch bei Zunahme internationaler Verantwortung steht es Deutschland gut zu Gesicht, wenn es leise Töne anschlägt. Der Triumphmarsch auf die sieben fetten Jahre beginnt sehr verhalten und leise. Doch er beginnt unüberhörbar - so wahr ich hier in der Berliner Staatsoper sitze und in die Faszination der westlichen Musik im fernen Orient eintauche.


Der israelische Journalist Daniel Dagan arbeitet in Berlin für "IBA-Israel Broadcasting Authority" (Radio&TV) sowie für "The Jerusalem Post".

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