Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 20.08.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Tonart | Beitrag vom 16.07.2019

Musik und MoralWenn enttäuschte Fans ihre Lieblingskünstler canceln

Fabian Wolff im Gespräch mit Martin Böttcher

Beitrag hören
Doja Cat im März in Kopenhagen. Die Musikerin tritt zwar weiterhin auf, der ganz große Durchbruch gelang ihr jedoch nicht. (Gonzales Photo/Ewa Godd/picture alliance)
Doja Cat im März in Kopenhagen: Die Musikerin verwendete homophobe Begriffe, was viele Fans entsetzte. (Gonzales Photo/Ewa Godd/picture alliance)

Cancel Culture heißt, Künstlern und Künstlerinnen wegen realer oder vermeintlicher Vergehen die Aufmerksamkeit zu entziehen. Ist das gefährlicher Hypermoralismus, der die Kunstfreiheit bedroht? Der zweite Teil unserer Serie mit Kritiker Fabian Wolff.

Martin Böttcher: Die Musikgeschichte ist voller Songs, die fast Hits geworden wären und Künstlern, die fast Stars geworden wären, wenn sie nicht im entscheidenen Moment gestrauchelt wären. So war es auch vergangenen Sommer, als es für einen kurzen Moment so aussah, als wäre der große Sommerhit schon gefunden: Der schlicht "Moooh!" betitelte Song der jungen RnB-Sängerin Doja Cat war genau die richtige Mischung aus albern und smart, dazu noch sehr eingängig.

Doch dann tauchten alte Tweets von Doja Cat auf, in der sie die Verwendung homophober Begriffe verteidigte. Ihre neuen Fans waren wütend und entsetzt – und reagierten, indem sie Doja Cat laut kritisierten und ihr ansonsten jede Aufmerksamkeit entsagten. Sie war "gecancelt". Was das genau bedeutet und ob diese "Cancel Culture" ein Fluch oder doch ein Segen ist, darüber reden wir mit Fabian Wolff, der sich diese Woche in jeder Ausgabe der Tonart mit Musik und Moral beschäftigt. Fangen wir mit einer Begriffsklärung an: Was bedeutet "Cancel Culture"?

Fabian Wolff: "Cancel Culture" ist ein Begriff mit Ursprüngen in Internetdiskursen, die immer etwas überhitzt sind, was auf Außenstehende sehr aggressiv wirkt. Wenn eine Person des öffentlichen Lebens wie eine Musikerin etwas sagt, das irgendwie anstößig ist oder tatsächlich irgendein Vergehen begeht, dann ist auf Twitter häufig zu lesen, dass sie gecancelt sei. Ein bisschen so, als würde man das Fanabo kündigen. Damit gemeint ist, dass ihr die Unterstützung entzogen wird. Sie wird nicht mehr gefeiert, sondern laut kritisiert und dann einfach ignoriert. In der Musikbranche, in der es um Aufmerksamkeit und Buzz geht, ist das natürlich besonders harsch.

Das Ziel ist, Einsicht zu erzeugen

Böttcher: Es gibt inzwischen viele Stimmen, die diese "Cancel Culture" in die Nähe von Zensur rücken. Ist da etwas dran?

Wolff: In den meisten Fällen halte ich das für ein Missverständnis und vielleicht ein fehlendes Ohr für den Tonfall des Internets: Wenn zum Beispiel regressive Leute als "Trash" bezeichnet werden, steht dahinter nicht der Wunsch, sie in eine Mülltonne zu stecken. Statt von "Cancel Culture" lässt sich auch von "Call-out Culture" sprechen. Call-out heißt, öffentlich über problematische Äußerungen und Handlungen einer Person zu sprechen und sie so zur Rede zur stellen, um Einsicht zu erzeugen.

Auch das lässt sich natürlich kritisieren, etwa wegen der Frage, wer denn nun bestimmt, was problematisch ist. Aber viele Gegner solcher Prozesse, so mein Eindruck, sprechen sich lieber komplett dagegen aus, dass Aspekte wie homophobe Sprache oder bestimmte politische Einstellungen kritisiert werden. In meinen Ohren klingen sie damit immer ein bisschen wie Konservative, die es für Tugendterror halten, wenn darüber gesprochen wird, wie wir rücksichtsvoller miteinander umgehen könnten.

Ob Diskussionen über #MeToo und #BlackLivesMatter, Reaktionen auf den politischen Rechtsruck oder das simple Problem, wie mit Kunst von schlechten Menschen umgegangen werden soll: Immer öfter scheint das Hören von Popmusik mit moralischen Fragen verknüpft zu sein. In einer Wochenreihe beschäftigt sich Fabian Wolff damit, was passiert, wenn Musik und Moral zusammentreffen.

Böttcher: Es gibt aber auch Musiker, die niemand für konservativ halten würde, die sich gegen "Cancel Culture" aussprechen, etwa der Rapper J. Cole. Gibt es nicht sinnvolle Argumente dagegen, auf Basis von ein paar problematischen Äußerungen eine ganze Karriere beenden zu wollen?

Wolff: Das Argument von J. Cole – der über den inzwischen ermordeten Rapper XXXtentacion sprach, dem nicht einfach homophobe oder sexistische Sprache vorgeworfen wurde, sondern brutale Misshandlung einer Frau – ist, dass er lieber mit Verständnis und Zuwendung statt mit Kritik reagiert. Dabei kann es natürlich auch ein Zeichen von Zuneigung sein, jemanden besonders harsch zu kritiseren. Gerade weil man die Musik so mag oder Hoffnungen in die Person gesetzt hat.

Letztlich geht es um die Frage, wer in einem Diskurs Macht hat. Gerade weil niemand mehr so recht sagen kann, was eigentlich kommerzieller Erfolg ist, neigen Künstler dazu, öffentliche Meinungen zu überschätzen. Die ehemaligen Fans dagegen, die wütend jemanden canceln, agieren aus einem Gefühl der Machtlosigkeit heraus. Weil sie wissen, dass Moral für Plattenfirmen und Promoter erst zum Thema wird, wenn rote Zahlen drohen. Also nehmen sie die Mittel, die ihnen als einzelnem Fan, aber auch als einzelnem Kunden, zur Verfügung stehen: die Musik nicht mehr zu kaufen oder zu streamen – eine Entscheidung, die ihnen absolut freisteht, genauso wie die Musik weiterhin zu hören.

Eine radikale Veränderung der Kultur

Böttcher: Nun geht es nicht immer nur um alte Tweets. Bei dem Rapper XXXtentacion etwa ging es um körperliche Gewalt, in den bekannten Fällen von R. Kelly und Michael Jackson um noch viel mehr. Wenn Leute sich, wie im Fall von R. Kelly, dafür einsetzen, dass seine Songs nicht mehr im Radio gespielt werden, wer hat dann etwas davon?

Wolff: Die Autorin Amanda Marcotte hat das jüngst sehr schön beschrieben: Cancel Culture ist ein Platzhalter für Accountability Culture, also jemanden zur Verantwortung zu ziehen, ob juristisch oder anders. Im Fall von R. Kelly blieb die juristische Verantwortung fast jahrzehntelang aus. Dass sie jetzt stattfindet und er verhaftet wurde, ist auch den wenigen Aktivisten und Kritikern zu verdanken, die seit Jahren immer wieder auf die Vorwürfe gegen ihn hinweisen.

Der verstorbene Michael Jackson kann nicht mehr juristisch belangt werden. Gehen wir davon aus, dass die zahlreichen und detaillierten Vorwürfe gegen ihn stimmen – und es spricht einiges dafür: Was bedeutet es für Menschen, die Missbrauch erfahren haben, wenn seine Musik weiterhin prominent gespielt wird? Sendet es nicht das Signal, dass die Perspektive der Opfer nicht zählt, wenn der vermeintliche Täter zu viele Hits geschrieben hat oder wirklich talentiert ist?

Böttcher: Sind solche juristisch relevanten Straftaten nicht etwas anderes als undurchdachte Tweets?

Wolff: Das lässt sich im Kleineren auch auf problematische Äußerungen anwenden: Herabsetzende Sprache oder sexistische Feindseligkeit einfach durchzuwinken, zeigt fehlenden Respekt gegenüber den Menschen, die so herabgesetzt werden, aber auch der kritisierten Person gegenüber. Als könnte sie es nicht besser. Klar geht es darum, Sachen wie Homophobie oder Rassismus buchstäblich aus dem Diskurs zu verbannen – wegen des Bewusstseins dafür, wozu solche Vorurteile fühlen. Und im harschen Ton, weil diese Probleme sonst ignoriert werden. Cancel Culture ist also tatsächlich radikal – aber vor allem, weil sie eine radikale Veränderung der Kultur zugunsten von marginalisierten Menschen erreichen will.

Mehr zum Thema

Musik und Moral - Gibt es ein richtiges Hören im Falschen?
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 15.07.2019)

"We're going to Ibiza" von den Vengaboys - Ein Partysong wird zur Protesthymne
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 31.05.2019)

John Lennon und Yoko Ono - "Bed-In" für die Liebe und den Frieden
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 25.03.2019)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur