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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.10.2015

Musik und KircheVerkündigung im Rap-Rhythmus

Von Agnieszka Hreczuk

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Wohnhäuser im polnischen Wroclaw: Der rappende Priester Jakub Bartczak ist dort in einem Plattenbau-Viertel aufgewachsen. (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Im Plattenbau errichtete Wohnhäuser im polnischen Wroclaw (Breslau) (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Auch in Polen sind junge Menschen immer seltenere Gäste in den Kirchen. Sie betrachten die katholische Lehre als zu konservativ und die Priester als weltfremd. Jakub Bartczak, ein junger Kaplan aus Breslau, versucht zu zeigen, dass Glaube auch etwas für "cool boys" sein kann.

Ein junger, dunkelhaariger Mann in Jeans und kariertem Hemd läuft durch der Saal hin und her, bewegt rhythmisch seine Arme, unterstreicht mit Gesten jedes Wort, das er sagt. Ein Paar Teenager hören voller Begeisterung zu, sie nicken mit den Köpfen im Takt, ihre Münder bewegen sich lautlos mit:

"Jesus Christus, der König der Freiheit, er besiegte den Tod, er besiegte den Schmerz, der König der Könige, der Herr der Herren", rappt der Mann.

"Angefangen zu rappen habe ich vor 15 Jahren. Damals erwarteten meine Kumpel, dass ich Musiker werde. Ich als Priester? Nein, daran hat bestimmt keiner gedacht..."

Doch genau das ist er geworden. Der junge Rapper heißt Jakub Bartczak und ist Priester in einer katholischen Gemeinde in Breslau. Er hält Messen ab, gibt Religionsunterricht an einer Grundschule, dient als Seelsorger in einem Krankenhaus. Und schreibt Musikstücke in jedem freien Moment:

"Der Rap trägt alles nach außen, was man im Herzen trägt. Und bei mir ist das Gott. Mein Rap ist deshalb halt eine Art Evangelisierung, oder? So nennt man es in der Kirche."

Mit Rap ist Jakub Bartczak aufgewachsen, in einer Plattenbausiedlung am Rande von Breslau. Mit seinem Bruder und Freunden gründeten sie eine Hip-Hop-Band. Christlich seien ihre Stücke damals nicht gewesen, lächelt Bartczak heute. Obwohl seine Mutter gläubig war, hielt er sich lange fern von der Kirche. Die Berufung kam plötzlich, während er an der Uni internationale Beziehungen studierte.

Ich glaub ganz einfach
An Gott und die Wahrheit
Ich glaub an ihn
Immer mehr und immer stärker
Es heißt, so sei es leichter
Keine Ahnung, ob's so ist
Aber ich glaub´s ganz einfach

Jakub Bartczak: "Vielleicht klingt es banal, aber ich habe mich einfach in Gott verliebt. Ich wollte immer näher und näher bei ihm sein. Als ich überlegt habe, wie ich das erreichen kann, hab ich festgestellt, dass das mein Weg zu ihm ist."

So wichtig war Gott ihm, dass er sich von der Rapmusik verabschiedete, als er ins Priesterseminar eintrat. Gospel, Gregorianische Musik, sogar Rock wurden in der Kirche akzeptiert, aber Hip-Hop hat einen klaren Ruf – als Musik der Kriminellen, die nicht dazu passt.

Schon als Priester stieß Bartczak auf die christlichen Rapper in den USA. Es war der Neuanfang als Rapper für ihn, sagt er heute. In seinen danach entstandenen Stücken greift er die Bibel auf, erzählt im Rap-Flow über Gott, Glaube, Gnade und Sünde, hier und jetzt. In moderner Sprache und mit modernen Beispielen.

Die Zeiten heute sind verrückt,
dagegen hilft nur nen Treffen mit Gott
in aller Stille können wir fragen
wie sollen wir leben, nur du kannst es sagen
Wir brauchen das heute wie Balsam für die Seele
Hey, sie ist das Schönste am Menschen, die Seele
Du trägst das Heilige in dir drin
Deshalb schmeiß die Drogen, schmeiß das Valium hin

Nachdem er seinen ersten Videoclip gedreht und im Internet veröffentlicht hatte, bekam er Angst vor der Reaktion der Gläubigen. Jemand schrieb im Internet, zum Gottesdienst eines solchen Priesters würde er nicht gehen. Doch in Bartczaks Gemeinde gab es keine Vorbehalte:

"Sie beichten immer noch bei mir. Eine Frau flüsterte mal laut vor dem Beichtstuhl: Ich habe den Pater im Fernsehen gesehen!"

Mittlerweile hat er eine CD produziert, die nächste wird gerade aufgenommen. Seine Videoclips im Internet finden zahlreiche Fans. Konzerte mag er nicht besonders, wegen der ganzen, wie er sagt, zu lockeren Atmosphäre. Doch auf einer Bühne ist er auch schon aufgetreten: während religiöser Veranstaltungen oder in den Schulen. Mit seinen alten Rap-Kumpeln reiste er zu Gymnasien, wo sie das andere Gesicht eines Rappers, aber auch... das andere Gesicht der polnischen Kirche zeigten.

Seine Magisterarbeit im Seminar hat er über die Jungs aus den Plattenbausiedlungen geschrieben, wie er selbst einmal einer war. Und über die Herausforderung, die sie für die Kirche darstellen:

"Ich wusste, dass es dieses Phänomen gibt, dass Kumpel in den Siedlungen leben, die nach einem Gott suchen und ihn brauchen, sehr sogar."

Es ist die Geschichte über den verlorenen Sohn,
Der Sinn der Worte ist:
Gott ist der Vater, der auf Dich wartet.
Komm zurück nach Hause.
Wenn Du, Alter, gefallen bist, richte dich wieder auf.
In Gottes Augen bist du ein Schatz.
Der gnädige Gott verurteilt nie, seine Liebe ist ewig und endlos.

Bartczaks Fans sind junge Rebellen. Solche, die niemals zu einem gewöhnlichen Geistlichen gehen würden. Die polnische Kirche braucht sie. Laut Statistik sind nur zehn Prozent der regulären Kirchenbesucher unter 25 Jahre alt. Nur die Priester, die ihre Sprache sprechen und ihre Gefühle verstehen, gewinnen ihr Vertrauen. Wohl deshalb findet Bartczak Unterstützer bei den kirchlichen Amtsträgern. Seine Vorgesetzten wurden zwar keine Fans, aber sie haben die Musik des jungen Geistlichen mit ihrer Erlaubnis gesegnet:

"Ich bin eigentlich total schockiert, dass die Resonanz in der Kirche so gut ist. Und dass die Priester, die immer eine Autorität für mich waren, mir nun sagen: Jakub, mach es weiter, es ist ja toll, was du machst. Sie haben sich nur gewundert, dass ich in den Liedern so schnell spreche. Vielleicht ist es heutzutage so, sagten sie am Ende."

Viele Wege müssen wieder gerade gemacht werden,
Hey, Mensch, lies die Heilige Schrift.
Frage, lies die Heilige Schrift,
für das Wort des Lebens, dem Gott sei Dank.

 

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