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Tonart | Beitrag vom 23.03.2017

Musik-PodcastsSubjektive Mischung aus Journalismus und Kneipentalk

Von Ina Plodroch

Ein junger Mann mit Kopfhörern scrollt auf seinem Smartphone. (imago/Westend 61)
Gerade junge Leute hören lieber Podcast als klassisches Radio (imago/Westend 61)

Spätestens seit dem US-Überraschungserfolg "Serial" sind Podcast-Formate im Aufwind. Hierzulande tut man sich damit noch ein bisschen schwer, doch zumindest herumprobiert wird bereits. Gerade entstehen eine ganze Reihe an Musik-Podcasts.

O-Ton: "Darauf erstmal ein Prösterchen, ein Podcast über Musik, was wollen wir hier tun?"

Gute Frage. Ein Podcast über Musik – Alben rezensieren, Künstler interviewen, so wie das klassische Radio?

O-Ton: "Herzlich willkommen, Folge eins von 'A Little Something'. Kotaro Dürr mein Name."

Musikjournalist und Moderator aus Köln.

"Ich moderiere Plan B bei 1LIVE, da ist es wichtig, dass man eine gewisse Information bringt. Unterhält, aber informiert. Wir wollen nicht, dass ein Moderator seine Meinung in den Äther bläst."

Aber der Moderator würde das manchmal schon gerne. Deshalb nun ein eigener Podcast.

"Das Prinzip der heutigen Folge wird sein: Zeig mir deine Maxis und ich sag dir wer du bist."

Zwei Stunden und zehn Minuten erzählen sich Jan Wehn und Kotaro Dürr mit einem Gast jedes erdenkliche Detail über ihre musikalische Sozialisation - Jugendsünden, Milli Vanilli, die Schlümpfe.

"Ich komme frisch aus der Dusche und dann steht da ich habe Hammer-News über die Schlümpfe von Musikjournalist Jan Wehn."

...der mit Kotaro Dürr den Podcast produziert und herausgefunden hat, dass der deutsche Macher hinter den Schlümpfen-Cover-Songs aus den 90ern mal gemeinsam mit Kindermusiker Rolf Zuckowski eine Band namens Die Beathovens hatte.

Stundenlanges Gerede

"Ihr sollt ja auch was lernen bei der ganzen Nummer, zumindest einer der Beteiligten hat was mit dem Öffentlich-rechtlichem zu tun, so Bildungsauftrag..."

... ohne dass hier irgendwas nach öffentlich-rechtlichem Rundfunk klingt. Dieser Podcast ist wie so viele radikal subjektiv – und das scheint für viele wohl auch der Reiz, sich stundenlang das Gerede anzuhören.

Dürr: "Man kann abschweifen. Man kann, wenn man der Typ dafür ist, sich auch selbst darstellen. Mit mehr Personality anreichern. Lockeren Schnack halten, das ist das Ding."

Der größte Unterschied zum Radio ist allerdings: Es läuft keine Musik. Zwei Stunden sprechen sie über Maxi-CDs ohne auch nur eine anzuspielen. Geht nicht wegen der Lizenzvergabe. Das Problem haben alle Podcasts in Deutschland.

"Klar, dass kann auch mal Laberei sein, ich finde das total entspannend", ...

... sagt Jan Wehn, der Musikjournalist mit den krassen News über die Schlümpfe. Er ist Chefredakteur des Hip-Hop-Online-Magazins All Good. Mit dem hat er auch gerade einen Musikpodcast gestartet, in dem er eine Stunde Rapper interviewt.

"Podcasts sind natürlich gerade total angesagt, aber das ist nicht die Antwort darauf, wir hatten das schon viel viel länger geplant, einfach weil es das auf deutsch noch nicht gegeben hat, es gibt in den USA eine große Podcast-Kultur, wo Leute wöchentlich eingeladen werden, und zwar abseits des Verkäufergesprächs. In der Rap Kultur in Deutschland ist das so, dass viele gerade ein Interview geben, weil sie gerade ein Album raus bringen und das bewerben wollen."

Terminjournalismus. Weil sich feste Formate – außer der Laberei-Prämisse - im Podcast noch nicht durchgesetzt hab, siegt bisher oft das Experiment.

O-Ton: "Schacht und Wasabi, der Deutschrap Podcast mit Falk Schacht und Jule Wasabi."

Produziert vom Bayrischen Rundfunk.

O-Ton: "Beginn... Lass uns über Hip Hop reden."

Machen die beiden Musikjournalisten Jule Wasabi und Frank Schacht dann aber eher nicht, weil sie ja auch sonst viel erleben und so viele andere Ideen haben, über die gesprochen werden muss. Passt aber zum Podcast – Stichwort authentische Personality.

Aber allzu oft klingt so ein Podcast wie der Versuch, genau so locker zu klingen wie die amerikanischen Vorbilder – nur dass der Inhalt dabei auf der Strecke bleibt. Hier ein sehr gelungenes Beispiel für das Potential eines Podcasts: Switched on Pop. Musikwissenschaftler Nate Sloan und Songschreiber Charlie Harding analysieren zum Beispiel Katy Perrys neue Single "Chained to the Rhythm" musikwissenschaftlich als wären es Stücke von Mozart.

Ausschnitt: "Dieser Song erzählt uns etwas über unser Leben. Sie sagt, wir leben in einer so komfortablen Blase, dass wir die eigentlichen Probleme nicht sehen. Ich denke sie meint damit die Filterblasen. Und den Filter hört man auch auf den Baselines im Song selbst."

Unterschied zum klassischen Radio 

Tatsächlich ein sehr eigener Ansatz, den die beiden verfolgen. Charlie Harding:

"Wir haben keine Breaking News darüber, wer ein neues Album heraus bringt. Wir machen auch keine tiefgründigen Künstlerinterviews. Wir machen etwas anderes und deshalb funktioniert es so gut für das Podcasting."

Genau das scheint den Podcast-Hype in den USA auszumachen. Dort verbreiten sich konkrete Podcast-Ideen über Musik in Serien, Musikfestivals, oder einen konkreten Song. In Deutschland ist die Mischung aus Subjektivität, Journalismus und einfach nur Kneipentalk fließend. Das zeigt auch ein Blick auf Profi-Podcaster Nilz Bockelberg. Mit Autor und Plattenhändler Gereon Klug plaudert er 30 bis 40 Minuten über Vinyl-Platten in dem Podcast "Vinyl Stories".

Er ist sich aber auch nicht zu schade, in seinem neusten Podcast "Songpoeten" so zu tun, als sei Laith-Al-Deen der talentierteste, tollste und wunderbarste Künstler, den die deutsche Poplandschaft je gesehen hat. Ist das nun seine Subjektivität oder wollte das Label von Laith-Al-Deen Sony Music, die den Podcast initiiert haben, das so? Das wäre dann wohl noch ein Unterschied zum klassischen Radio. 

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