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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 21.12.2016

Musik-Manager Albert SchmittEin Kontrabassist rettet sein Orchester

Moderation: Susanne Führer

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Albert Schmitt, Geschäftsführer der Kammerphilharmonie Bremen (Julia Baier)
Albert Schmitt, Geschäftsführer der Kammerphilharmonie Bremen (Julia Baier)

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen stand Ende der 90er-Jahre vor der Pleite. Dann übernahm Albert Schmitt die Leitung - und machte es zu einem weltweit führenden Klangkörper. Wie hat er das geschafft?

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist ein ganz besonderes Orchester, und das gleich aus mehreren Gründen. Es gehört seiner Belegschaft, sein Proben- und Aufnahmeraum liegt in der Gesamtschule Ost in einem der ärmsten Stadtviertel Bremens und, sagt der Geschäftsführer Albert Schmitt:

"Wenn wir spielen, dann rockt die Bühne. Dann ist wirklich von jedem Musiker maximaler Einsatz da und maximale Begeisterung dabei, und dann kriegt man andere Ergebnisse."

Nämlich viele viele Preise, den Ruf zu den weltweit besten Orchestern zu zählen und vom Deutschlandradio Kultur die Auszeichnung "unser Orchester des Jahres".

"Berufszufriedenheit der Orchestermusiker noch hinter der von Gefängniswärtern"

Gegründet wurde die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen 1980 von Musikstudenten, "die beseelt waren von dem Traum, leidenschaftlich Musik zu machen", die aber nicht in den üblichen hierarchischen Strukturen arbeiten wollten. Damalige Studien ergaben, "dass die Berufszufriedenheit der Orchestermusiker noch hinter der von Gefängniswärtern kommt", sagt Albert Schmitt. Die Kammerphilharmonie aber ist demokratisch organisiert, die Musiker sind die Eigentümer, sie reden mit und gestalten das Programm. Noch heute rotieren zwei Geigengruppen, "die sich abwechseln, wer erste und wer zweite Geige spielt".

Albert Schmitt spielte jahrelang den Kontrabass in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, 1998 wechselte er den Beruf und wurde Geschäftsführer des Orchesters. Denn die Musiker spielten zwar hervorragend auf, doch zu wenig Geld ein. Das Orchester war hoch verschuldet,

"im Grunde klinisch tot. Das war der Moment, in dem ich als Musiker, als Betroffener, für mich ganz persönlich die Reißleine gezogen habe. 'Ich habe zwei Ideen, lasst mich bitte probieren, schlechter kann es nicht mehr werden, vorbei ist es ohnehin. Und vielleicht klappt es ja auch.' Und dann ist es zum Glück gut gegangen. Und wir haben innerhalb von zwei Jahren den turnaround geschafft und wir waren entschuldet."

"Das Besondere ist die Bereitschaft, tiefer zu gehen"

Albert Schmitt führte u.a. unterjähriges Controlling ein. "Und dazu kam der Gedanke, das Ganze konsequent als Marke zu führen und damit auch eine Wiedererkennbarkeit der Einrichtung hinzukriegen."

Das Wichtigste aber: "Künstlerisch ist das Besondere an der Deutschen Kammerphilharmonie die Bereitschaft, tiefer zu gehen. Unsere feste Überzeugung ist: Entscheidend ist, was auf der Bühne passiert. Die Idee ist, die Klassik muss so lebendig klingen, dass man sich mitreißen lässt, dass man mitgerissen wird, ob man will oder nicht. Es gab eine wunderschöne Kritik aus Japan: ‚Der Beethoven klingt so, als ob man eine Frucht aufschneidet und der Saft daraus hervorquillt.‘"

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