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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 04.04.2014

MusikGeige der Versöhnung

Die Herkunft der kostbaren Guarneri-Geige soll zweifelsfrei geklärt werden

Von Thomas Senne

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Die Jazz-Violinistin Regina Carter spielt auf der legendären 260 Jahre alten Guarneri-Geige (AP)
Die Jazz-Violinistin Regina Carter spielt auf der legendären 260 Jahre alten Guarneri-Geige (AP)

In Nürnberg ist eine wertvolle Geige aufgetaucht ist, die Guarneri-Geige. Die Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung, der das teure Instrument heute gehört, hat jüdische Einrichtungen um Mithilfe gebeten, um die unklare Provenienz der Violine klären zu können - moralisch einwandfrei.

So klingt eine Geige, die das Zeug hat, ein besonderes Instrument zu werden: eine "Geige der Versöhnung", die künftig herausragenden jungen Musikern leihweise zur Verfügung gestellt werden soll. Schon jetzt besitzt diese Violine besondere Eigenschaften, schwärmt Daniel Gaede, der lange Zeit bei den Wiener Philharmonikern Konzertmeister war. Heute unterrichtet der Professor an der Musikhochschule Nürnberg.

"Das spürt man eigentlich mit dem ersten Bogenstrich, dass da eine Qualität und Süße in dem Klang drin ist."

Kein Zufall, denn die Violine stammt von einer berühmten italienischen Geigenbauerfamilie aus Cremona. In einem Atemzug wird sie mit Amati, ja sogar Stradivari genannt.

"Es handelt sich hier um eine Geige von Giuseppe Guarneri, die 1706 laut Zettel gebaut wurde. Giuseppe Guarneri war der Vater von dem berühmten Geigenbauer Guarneri de Gesù, dessen Instrumente Millionenwerte erzielen. Allerdings war auch schon der Vater von Guarneri de Gesù ein berühmter Geigenbauer, der selber wiederum Schüler von Amati war."

Noch viel besser klingen

Das in einem Tresor aufbewahrte Nürnberger Instrument könnte allerdings noch viel besser klingen. Aber dazu müsste die Geige für 40.000 bis 60.000 Euro restauriert werden, denn die Decke hat sich mit den Jahren gewölbt und besitzt einige Risse. Nach einer fachkundigen Behandlung wäre das Instrument gut eine halbe Million Euro wert, meint der Vorstandsvorsitzende der Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung.

"Die Geige ist sehr viel bespielt worden, vor allem von Frau Hagemann. Frau Hagemann hat immer schon seit den 60er Jahren ein bedeutendes Instrument gesucht. Und 1974 hat sie den Hinweis bekommen, dass es in Köln bei einem Geigenhändler namens Höfer noch alte italienische Geigen geben würde. Sie fuhr daraufhin nach Köln und nahm dann diese Guarneri für ein paar Wochen mit nach Hause und hat sich dann – glaube ich – so in dieses Instrument auch verliebt, dass sie sich dann schließlich entschieden hatte, es zu kaufen."

Nach dem Tod von Sophie Hagemann, die lange am Nürnberger Meistersinger-Konservatorium Violine unterrichtet hatte, erbte die "Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung" das Instrument. Die Einrichtung war 2005 von der Geigerin mit dem Ziel gegründet worden, die musikalische Weiterbildung von begabten jungen Menschen zu fördern und das kompositorische Vermächtnis ihres Mannes, Franz Hofmann, zu pflegen.

Genaue Provenienz

Nach dem Ableben der Musikerin berief der Stiftungsvorstand ein Fachgremium ein, dass zu dem Entschluss kam, vor einer kostenintensiven Restaurierung die genaue Provenienz des Instrumentes zu überprüfen. Warum dieses ungewöhnliche Vorgehen?

"Weil eine Expertise dieser Geige geschwärzt war. Der Vorstand hat also den Namen dieser geschwärzten Expertise erst einmal wieder sichtbar gemacht und bei einer zweiten Expertise war ebenfalls versucht worden, den Namen auszulöschen. Daraus ging hervor, dass ein F. Hildesheimer aus Speyer das Instrument erworben hatte. Und somit war von Anfang an Skepsis da, wem dieses Instrument 1938 gehörte. Wir haben dann recherchiert und festgestellt, dass dieses Instrument in der Tat 1938 von Felix Hildesheimer aus Speyer gekauft worden war, einem angesehenen jüdischen Musikalienhändler in Speyer, der allerdings schon 1937 sein Geschäft zwangsverkaufen musste."

Monatelange Recherchen, woher das Instrument genau stammt, ob es enteignet wurde und wem es in der Nazi- und Nachkriegszeit gehört hat, blieben erfolglos. Die Suche nach möglichen Hinterbliebenen des jüdischen Musikalienhändlers Felix Hildesheimer, der sich 1939 voller Verzweiflung vor einen Zug geworfen hatte, führten ebenso wenig zu einem Ergebnis wie die Einschaltung des Zentralrats der Juden oder die Aufnahme in das internationale "Lost Art"-Verzeichnis. Zwar hatte die Stiftung die Adresse einer nach Amerika emigrierten Tochter Hildesheimers ausfindig machen können. Aber entsprechende Briefe blieben unbeantwortet.

Jetzt scheint allerdings Bewegung in die Angelegenheit gekommen zu sein. Denn vor ein paar Tagen meldete sich bei der Nürnberger Stiftung ein in den USA lebender Enkel des jüdischen Musikalienhändlers. Doch ob dadurch die genau Herkunft der Violine nun endgültig geklärt und das Instrument in Zukunft  eine "Geige der Versöhnung" werden kann,  bleibt weiter ungewiss. 

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