Musik geht auf die Straße

Lucas Vis © Warschauer Herbst / Astrid Ackermann
04.10.2011
Musik kann eigentlich nur für sich sprechen. Aber die l'art pour l'art-Bewegung soll ja auch nicht zu mächtig werden. Denn es gibt sie nach wie vor - die Musik, die sozial und politisch engagiert auftritt. Das bedeutendste Neue-Musik-Festival Osteuropas, der Warschauer Herbst, stellt in seiner 54. Ausgabe Musik in den Mittelpunkt, die als Kommentar zur Weltlage zu verstehen ist.
Oder sogar als Mittel, sie zu verändern, ja zu verbessern. Dabei wird die Palette in Polens Hauptstadt weit aufgemacht und bietet Neues, Unentdecktes und Klassische Moderne. So genannte einfache Menschen von der Straße werden erstmals beim Festival zu Protagonisten der Neuen Musik - sie werden als Sänger und Darsteller ein eigens für sie komponiertes Oratoriums aufführen, zur besten Einkaufszeit Samstag Mittag um 12 Uhr auf einer belebten Straße in Warschaus Zentrum.

Viele internationale Gäste präsentieren aufrüttelnde und nachdenklich machende Werke. Auffällig viele deutsche Komponisten und Interpreten werden vertreten sein. Wir konzentrieren uns an diesem Abend in einer Nachlese des Warschauer Herbstes auf die beiden großen Orchesterkonzerte vom Beginn und vom Ende des Festivals. Da spielten die beiden besten Orchester des Landes. Als In Memoriam für den vor einem Jahr gestorbenen Henryk Mikołaj Górecki eröffnete sein Orchesterwerk "Scontri" das Festival. Hier kollidieren verschiedene Orchestergruppen miteinander (Kollision heißt auf Italienisch Scontri) - eines der wegweisenden Stücke des polnischen Komponisten, der als Moderner begann und sich dann der religiöse fundierten "neuen Einfachheit" zuwandte, durchaus auch aus politischen Gründen.

Im Abschlusskonzert gab es dann "Breaking News" (Schlagzeilen) - so nannte der 31 Jahre alte schlesische Komponist Aleksander Nowak sein neues Werk, in dem er dem Nachrichtenwahn der Gegenwart kritisch auf den Zahn fühlt. Und die Warschauer Philharmoniker schlossen das Festival mit einer weiteren Uraufführung, die allerdings 35 Jahre zu spät kommt: Der 1990 jung verstorbene Andrzej Krzanowski - ein unangepasster Künstler aus sozialistischer Zeit - wird in Polen derzeit wieder entdeckt. Seine monumentale Erste Sinfonie (für die Krzanowski neben einem riesigen Sinfonieorchester fünf Akkordeonisten, zehn Schlagzeuger, zwei Pianisten und eine E-Gitarre vorsah) wurde nun erstmals gespielt und verschaffte Musikern wie Zuhörern eine Art déjà-vu-Erlebnis, eine weitere "Sinfonie der Tausend" im Gustav-Mahler-Jahr 2011.


54. Warschauer Herbst
Großer Saal der Philharmonie
Aufzeichnungen vom 16./24.9.11


Henryk Mikołaj Górecki
"Scontri" für Orchester op. 17

Nationales Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks
Leitung: Pierre-André Valade

Paweł Hendrich
Emergon alpha beta

Musikfabrik
Paweł Hendrich, Elektronik
Leitung: Diego Masson

ca. 20:45 Uhr Konzertpause mit Nachrichten

Aleksander Nowak
"Breaking News" (Uraufführung)

Andrzej Krzanowski
Symphonie Nr. 1 (Uraufführung)

Warschauer Philharmonie
Leitung: Lucas Vis