Musik für Memes

    Mehr als nur 30 Sekunden Ruhm

    06:21 Minuten
    Nathan Evans guckt melancholisch in die Ferne
    Nathan Evans wurde mit dem "Wellerman" erst zum Meme, jetzt hat er einen Major-Deal. © Universal Music / Jo Hanley
    Von Christoph Möller · 26.05.2021
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    Scouts auf Konzerten und Castingshows waren gestern. Wer heute der nächste große Star werden will, muss in TikTok-Videos zu hören sein. Darum werden immer mehr Beats direkt für Memes produziert.
    Dass Memes nur witzige Bilder sind, ist schon lange vorbei. Spätestens seit Lil Nas X' Hit "Old Town Road" ist klar, dass auch Songs bestes Meme-Potenzial haben. Das Stück war schon lange vor seinem Chart-Erfolg beliebt als Musik, die im Hintergrund von TikTok-Videos zu hören war.
    Nun gibt es immer mehr Produzentinnen und Produzenten, die ganz gezielt Lieder für Memes produzieren und hoffen, damit über Streams das große Geld zu verdienen. Doch was macht das mit der Musik, wenn sie als Video-Beschallung auf 10, 20 oder 30 Sekunden heruntergebrochen wird?
    Musik für Memes muss in wenigen Sekunden wirken, wie zum Beispiel "Your New Morning Alarm", ein virales Video des Musikproduzenten Marc Rebillet, das im wahrsten Sinne so schrill und wiedererkennbar ist wie ein Klingelton.

    Die ersten Major-Deals wurden schon unterzeichnet

    Rebillet ist der Star der Meme-Musik. Weil vor seinen Videos Werbung läuft, spült jeder Klick Geld in seine Kasse – manche Songs veröffentlicht er später auch auf Streamingdiensten. Meme-Musik-Produzenten wie er werden für die Musikindustrie immer wichtiger. Das meint der Musikwissenschaftler Holger Schulze, der an der Universität Kopenhagen unter anderem zu "Meme Music" forscht:
    "Überall da, wo Resonanz auf Musik passiert, wo sich plötzlich neue Publikumsformen bilden, wo Menschen sehr lebhaft auf Klänge, Soundperformance reagieren. Da will die Musikindustrie natürlich verstehen, wie funktioniert das? Lässt sich daraus eine Musikproduktionen machen? Lässt sich daraus eine Single, ein Album produzieren, das sich gewinnbringend verkaufen lässt?"
    Mehr denn je ist die Antwort: Ja, aus diesem Meme könnte eine Single werden. Zum Beispiel die Musik von Nathan Evans. Ende 2020 ist der Schotte mit seiner Interpretation des Seemannslieds "Wellerman" auf TikTok viral gegangen.
    Nur kurze Zeit später hat der Hobbymusiker einen Vertrag beim Majorlabel Universal unterschrieben. Die neu eingespielte Version von "Wellerman" steht seit Anfang Februar fast durchgängig auf Platz 1 der deutschen Single-Charts.
    "Ich würde nicht so weit gehen, das wäre ein bisschen arg steil, zu sagen, dass wir jetzt schon in einer Phase sind, wo diese Art von Musik vollkommen monetarisiert wird, wie jede andere Form. Aber es beginnt jetzt gerade, und es wird interessant zu sehen sein, in den nächsten Monaten und Jahren, wie weit das geht."

    Die musikalische Qualität wird nicht leiden

    Doch was macht das dann mit der Musik selbst? Technik hat die Form von Musik schon immer stark geprägt. Auffällig bei Meme-Musik sind repetitive Passagen, die in sich geschlossen wirken, und so hervorragend sind, um in neuen Kontexten auf unterschiedlichsten Plattformen verwendet zu werden. Etwa in TikTok-Videos. Oder für Dance-Challenges – wie beim "Harlem Shake", 2012.
    Virale Musik und Majorlabels haben also ein gemeinsames Ziel: massenweise, globale Verbreitung einer musikalischen Ware. Deshalb passen sie so gut zusammen und deshalb wird es in Zukunft noch weitere Personen wie Nathan Evans geben, die mit Musik-Memes entdeckt werden. Dass die musikalische Qualität insgesamt abnimmt, wenn Musik produziert wird mit dem Ziel, in sozialen Medien erfolgreich zu sein, glaubt Holger Schulze nicht. In der Nische sei weiterhin Platz für Abseitiges:
    "Da wäre ich vorsichtig, jetzt eine noch weitere Verkürzung, weitere Warenförmigkeit oder Zurichtung der Musik zu beschreiben. Die findet sicherlich zum einen statt. Zum anderen sehe ich aber auch eine größere Diversität und viel extremere Freiheit von Musikern und Performern, überhaupt ihre Musik an Hörer und Hörerinnen heranzubringen. Da sehe ich also eher eine Doppelbewegung."
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