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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.06.2005

"Musik für Flughäfen"

Kurze Texte von Iris Hanika

Von Frank Meyer

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Blick in den Köln-Bonner Flughafen (AP Archiv)
Blick in den Köln-Bonner Flughafen (AP Archiv)

Den Titel ihres Buches "Musik für Flughäfen" hat sich Iris Hanika bei Brian Eno geborgt, der mit "Music for Airports" die minimalistische Ambient Music erfand. Minimalistisch sind auch ihre Texte, in denen es um Liebe, Sex und die Banalitäten des Alltags geht. Der Mut zum Sonderbaren ist dabei ihre größte Stärke.

Den Titel hat sich Iris Hanika bei Brian Eno geborgt. 1978 hat der britische Musiker mit seinem Album "Music for Airports" die Ambient Music erfunden, minimalistische elektronische Musik in der Form von Klanghintergründen oder Klangräumen. Auch die Chill-Out-Sounds der späteren Techno-Ära haben sich bei den Formen der Ambient Music bedient. Iris Hanika schreibt nun nicht über Musik, aber sie nutzt Brian Enos Prinzip: ihre kurzen Texte kommen ohne große Thesen oder große Szenen aus, sie leben von Variationen und Verschiebungen, von Beobachtungen und Notaten, sie sprechen mit einer leisen Stimme, die fast im Hintergrund verschwindet.

Dabei steigt Iris Hanika ganz groß ein in ihr Buch mit der Frage: "Was ist der Mensch?" Ihre Antwort beginnt: "Der Mensch ist ein mittelgroßes Tier, das auf zwei Beinen geht, aber ganz und gar kein Vogel ist, sondern am Boden lebt. Er besteht aus viel Wasser, aber das sieht man nicht von außen." Weil das Wasserwesen Mensch nicht mehr im Wasser lebt, fällt ihm das Glücklichsein so schwer, deshalb muss er nach sich selber fragen. Ohne am Ende Antworten zu finden. So lakonisch, skeptisch und eigenwillig argumentiert Iris Hanika nicht nur in diesem kurzen Text. Der Mut zum Sonderbaren ist dabei ihre größte Stärke.

"Was ist der Mensch?", der Einstiegstext spricht schon viele Themen an, die sich durch das ganze Buch ziehen. Die Liebe taucht am häufigsten wieder auf, die Einsamkeit ist wichtig, das Leben als Frau und das Leben als Mann. In tagebuchartigen Reflexionen und kleinen Geschichten umkreisen die Texte diese Themen, ohne Pathos, fast ohne Leidenschaft, aber mit der Ausdauer eines Ethnologen.

Renate Kermer und ein namenloser Mann, von diesen beiden erzählt eine der einprägsamsten Geschichten. Frau Kermer und der Mann haben sich in ihrer Wohnung getroffen, wozu, das wird erst mal nicht ganz klar. Der Mann zieht sich ein bisschen aus, legt sich auf den Boden und bittet Frau Kermer, sich auf ihn zu legen. Den größten Teil der Zeit verbringen die beiden nun mit der Frage, warum Frau Kermer sich so leicht anfühlt. Erst als sie sich selbst loslassen kann, sinkt sie auf den Mann herab, sie liegt schwer auf ihm und hält ihn auf der Erde fest. Mehr will er nicht von ihr, mehr will sie nicht von diesem Moment. "Gute Nacht, Frau Kermer", sagt er zum Abschied.

Nicht, dass es in diesem Buch keinen Sex und keine Intimität gäbe. Andere Texte erzählen durchaus zupackend von sexuellen Affinitäten und Ritualen. Alle Figuren bleiben sich aber ähnlich fern wie Frau Kermer und der Mann am Boden. Der intensivste Text des Bandes ist dann auch einer, der gegen das Alleinsein anschreibt: "Mein unberührter Körper hat keine Halterung in der Welt, keine Umhüllung, keine Grenze. Er ist eine zu große Wohnung. Ich möchte umziehen."

Das schönste an diesem Buch sind einzelne Sätze. "Da kommt die Sehnsucht mit ihren riesenroten Boxhandschuhen und schlägt mich nieder mit zwei oder drei Geraden direkt ins aufgequollene Herz." Überhaupt das Herz, wenn sich doch mal zwei finden, wenigstens für einen Abend: "In beider Herzen war ein Butterflöckchen gefallen, da schien ihnen das Leben gleich leichter, die Welt war schöner, sie knirschte nicht mehr so in ihrem Herzgetriebe."

Die Butterflöckchen sind selten, die Niederschläge häufiger. Vieles davon ist so banal wie das Leben selbst, da helfen auch die schönen Sätze von Iris Hanika nicht. Ihren Figuren, ihren Geschichten fehlt oft die Spannung zu etwas anderem. Das ist für einen Blick in die bundesrepublikanische Gegenwart sicher ausgesprochen realistisch, literarisch allerdings eher unbefriedigend. In einigen ihrer minimalistischen Texte aber lässt Iris Hanika etwas aufleuchten, die Kraft der Sehnsucht, die Frau Kermer und den fremden Mann an die Erde schmiegt.

Iris Hanika: "Musik für Flughäfen. Kurze Texte", Suhrkamp Verlag, 124 Seiten, 8,50 €

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