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Konzert / Archiv | Beitrag vom 18.09.2020

Musica Alta Ripa live aus HannoverBach und das Kurdische Neujahrsfest

Moderation: Volker Michael

(Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)
Die MusikerInnen Hogir Göregen, Danya Segal und Mevan Younes vom Projekt "Nouruz" bei Musica Alta Ripa (Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)

Wie der Zufall will, fällt J.S. Bachs Geburtstag nach dem alten julianischen Kalender auf den 21. März - an diesem Tag feiert Kurdistan das Neujahrsfest Nouruz. Danya Segal und Musica Alta Ripa haben deshalb kurdische Freunde zu einem Musikprogramm eingeladen.

Der syrisch-kurdische Buzuq-Spieler und Komponist Mevan Younes und der kurdische Schlagzeuger Hogir Göregen haben schon mehrfach mit dem Ensemble Musica Alta Ripa zusammen gearbeitet - zuletzt in den "Songs of Love" mit Dima Orsho und Valer Sabadus. Nun wurde es einmal Zeit, einen großen Zufall der Geschichte auszunutzen. Das Kurdische Neujahrsfest Nouruz und der Geburtstag Johann Sebastian Bachs fallen auf ein und denselben Tag - Musik aus Kurdistan und Werke des Thomaskantors treffen in diesem Programm aufeinander, in all ihrer Vielfalt und Schönheit - und Verschiedenheit.

(Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)Das Ensemble Musica Alta Ripa mit den Gästen Mevan Younes (links) und Hogir Göregen (rechts von der Mitte) (Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)

Und der Zufall und der Kalender wollen es außerdem, dass an diesen Abenden im September (das Programm gibt es am 19.9. noch einmal in der Berliner Trinitatis-Kirche) das jüdische Neujahrsfest beginnt – Rosch Ha Schana. Nicht ganz zufällig vielleicht, denn einst gab es in Kurdistan jüdische Königreiche. 

Tanzen verbindet

Tänze in jeder möglichen Form sind das Verbindende in diesem Programm. Tänze der Renaissance und Barock-Zeit hat Johann Sebastian Bach in perfektionierter Form in seinen Orchestersuiten zusammengefasst. Ausschnitte daraus gibt es in diesem Programm zusammen mit zwei kurdischen Tänzen. Aus einem Grund: Tänze vor allem zu Hochzeiten sind das universelle Ausdrucksmittel der kurdischen Kultur seit jeher.

Träumen auf Kurdisch ist verboten!

Das hat letztlich politische Gründe, wie Mevan Younes meint. Einst waren die kurdische Sprache und Kultur verboten und diskriminiert, sogar "kurdisch zu träumen" konnte geahndet werden. Das ist heute noch nicht anders oder wirklich besser, weder in der Türkei, noch in Syrien, Irak oder Iran.

Deshalb wurden vor allem in Hochzeiten alle Elemente der Kultur vereint, wurde während des Tanzens geweint, gelacht, gestritten, gepriesen und geschmäht, gelobt und verdammt. Die Hochzeiten seien die heimlichen Kulturzentren Kurdistans gewesen, sagt Younes.

Bachs Inventionen auf Buzuq und Darbuka

Außerdem treffen im Bach-Kurdistan-Programm von Musica Alta Ripa eine Komposition von Mevan Younes, die Fugoo Saber heißt, "Geduldsfuge" zu Deutsch, auf einige Inventionen von Bach in freier Instrumentierung. Auch ein leichter Kontrapunkt und Mehrstimmigkeit sei der kurdischen Musik nicht per se fremd, erklärt Mevan Younes.

Allein spielende Instrumente wie Buzuq oder Kamancha könnten durch mitschwingende Saiten eine Heterophonie erzeugen, auch in manchen Gesängen gebe es das, meint der Komponist.

Das Ensemble Musica Alta Ripa mit den Gästen Mevan Younes (links) und Hogir Göregen (Mitte) (Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)Das Ensemble Musica Alta Ripa mit den Gästen Mevan Younes (links) und Hogir Göregen (Mitte) (Ljudmila Jeremies/Musica Alta Ripa)

Was haben die Musik aus Kurdistan und die des Thomaskantors Bach außerdem noch miteinander zu tun? Eine deutliche emotionale Tiefe verbindet sie. Es ist nicht nur eine anspruchsvolle Reise durch die Regionen und Genres, sondern auch durch Vergangenheit und Gegenwart. Bachs Musik ist zeitlos, galt zu seinen Lebzeiten aber vielen als kompliziert und altmodisch.

In diesem Konzertprogramm von Musica Alta Ripa trifft Bachs Musik nun auf die Gegenwartsmusik von Mevan Younes. Der hat sich wiederum mit universellen musikalischen und auch mathematischen Gesetzen beschäftigt. Zum Beispiel in seinem "Crossing Dance", in dem er die Prinzipien der Fibonacci-Folge aufgreift (1+2=3+2=5+3=8+5=13+8=21+....u.s.w.) und mit der Bauweise kurdischer Melodien und Rhythmen kombiniert.

Musik als Schlüssel zum Paradies

"Tanzen, bis Du ins Paradies kommst!" - so macht man es in Kurdistan - und das sind große Ziele, die sicher auch Johann Sebastian Bach in seiner tief religiös geprägten Musik angesteuert hat. Naturgesetze in Klängen abzubilden und gleichzeitig tiefreichende Emotionen freizusetzen – das kann Musik erreichen, wenn sie sich große Ziele setzt und wenn sie gleichzeitig die gegenseitigen Prinzipien respektiert.

Das hat Mevan Younes in seinem Stück zu erreichen versucht, das im Finale des Programms zu hören ist und das dem gesamten Programm den Namen gibt: "Nouruz". Das hat Melodien aus drei verschiedenen Regionen Kurdistans zum Inhalt – ein syrisches, ein iranisches und ein irakisches Thema.

Live aus der Christuskirche Hannover

trad. kurdische Tänze
"Seyrane"
"Gunde Hember"

Johann Sebastian Bach
Ausschnitte aus den Orchestersuiten C-Dur, h-Moll und D-Dur (BWV 1066 bis 1068)
Konzert für Cembalo, Streicher und Basso continuo A-Dur BWV 1055
Ausschnitte aus den Inventionen BWV 773-781 und der Suite für Cello Solo BWV 1007

Mevan Younes
"Fugoo Saber"
"Crossing Dance"
"Nouruz"

Mevan Younes, Buzuq
Hogir Göregen, Schlagzeug
Musica Alta Ripa
Idee und Konzept: Danya Segal

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