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Fazit | Beitrag vom 22.08.2019

Museumsdirektor Frédérick Bußmann"Chemnitz ist im Aufbruch"

Frédérick Bußmann im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Frederic Bußmann, seit 1. Mai 2018 der  Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, aufgenommen am 04.12.2017 in Leipzig (Sachsen) (picture alliance / dpa / Birgit Zimmermann)
Frédérick Bußmann ist der Leiter der Kunstsammlungen Chemnitz und engagiert sich mit Ausstellungen und Workshops für eine demokratische Gesellschaft. (picture alliance / dpa / Birgit Zimmermann)

Wie steht es um Chemnitz und seine Menschen ein Jahr nach den rechten Ausschreitungen in der sächsischen Stadt? Frédérick Bußmann, der Leiter der Kunstsammlungen Chemnitz, sieht positive Veränderungen - vor allem junge Menschen seien engagiert.

Im August 2018 fanden - weltweit beachtet - rassistische Ausschreitungen in Chemnitz statt. Nach einem Mord hatte die rechte Szene die Stadt in Atem gehalten, rund 1000 Radikale zogen durch die Straßen, Ausländer wurden gejagt. Jetzt wurde in Chemnitz ein vom Mitteldeutschen Rundfunk produzierter Dokumentarfilm "Chemnitz - ein Jahr danach" erstmals gezeigt und mit einer Podiumsdiskussion ergänzt.

Der Historiker Frédérick Bußmann hat die Veranstaltung besucht. Er ist seit Mai 2018 Leiter der Kunstsammlungen Chemnitz und versucht durch Ausstellungen und Aktionen verschiedenste Menschen zu verbinden und in der Stadt sozialen Raum zu schaffen, um auch ein anderes Bild von Chemnitz zu zeigen. Der Film habe ihn enttäuscht, sagte er im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Schwacher Film und zahme Diskussion

"Der Film ist eher eine seichte Collage, nicht wirklich eine kritische Auseinandersetzung. Es kamen sehr viele unterschiedliche Meinungen zu Wort: von rechts außen bis zur Mitte der Gesellschaft und eher linke Positionen. Insgesamt war es ein Nebeneinanderstehen von einzelnen Aussagen." Gefehlt hätten historische Fakten und politisches Wissen, um die Aussagen einzuordnen und zu prüfen.

Auch die anschließende Debatte sei eher schwach gewesen. Besonders gestört habe ihn, dass der Neonazi Arthur Österle – der auch im Film vorkomme – so ausgiebig zu Wort gekommen sei. Österles Teilnahme an einer Podiumsdiskussion war letzte Woche abgesagt worden, unter anderem, um rechten Positionen keine öffentliche Plattform zu geben.

"Er hat das Podium genutzt, um sich als Opfer der Ausladung und der Politik zu stilisieren."  

In den vorderen Reihen hätten sich ganze Gruppen von Leuten befunden, die sich zu Wort gemeldet und von sich gesagt hätten, dass sie die bürgerliche Mitte von Chemnitz repräsentierten.

"Aber wo in den Aussagen einfach klar wurde, dass sind doch ganz spezifische Lager, die versuchen hier etwas aufzukochen."

Die große Mehrheit des Publikums habe sich diesen Meinungen eher nicht verpflichtet gefühlt, aber sich – und damit typisch für die Chemnitzer Gesellschaft, wie Bußmann findet – wenig zu Wort gemeldet.

"Das heißt, man spürt hier schon deutlich, es gibt nicht unbedingt Zustimmung aber es gibt auch nicht immer Gegenstimmen."

Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit sollten die Chemnitzer natürlich den Dialog miteinander führen. Allerdings sollte vermieden werden, der rechten Szene ein Podium zu geben.

Sachfragen in den Vordergrund bringen

"Der neue Stadtrat ist heute zusammengetreten und wir sollten uns auf Sachfragen konzentrieren und nicht uns ständig um uns selbst drehen."

Das Bild von Chemnitz sei durchaus auch verzerrt. Es habe sich sehr viel verändert seit letztem Jahr. Es gebe große Verletzungen und einen großen Imageschaden für die Stadt. Es gebe zwar eine klare und starke Struktur von Rechtsextremen in der Stadt, aber es gebe viele Leute, die sich dagegen engagiert hätten, findet Bußmann. Dies sehe man auch am neuen Kosmos Festival, dass Anfang Juli stattgefunden hat. "Es passiert eine Menge hier. Und ich glaube, die Stadt ist tatsächlich jetzt im Aufbruch." 

Das Programm seines Museums sei auch stärker auf politische und gesellschaftliche Fragen ausgerichtet. "Wir haben uns mit dem open space in die Stadt reingetraut – einem Raum, in dem wir Veranstaltungen und Ausstellungen machen und der für die Stadt da ist."

Ungewisse politische Zukunft

Für die kommende Landtagswahl und auch die Wahl für den Oberbürgermeister der Stadt im kommenden Jahr mache er sich durchaus Sorgen:

"Auch da ist die Frage, bleibt es bei einer klaren demokratischen, offenen und freiheitlichen Gesellschaft oder wird es Absprachen geben, die dann doch ein bisschen besorgniserregend sein können." Und das könnten je nach Wahlergebnis auch Absprachen mit der AfD auf kommunaler sein, so Bußmann.

(mle)

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