Schloss Morsbroich in Leverkusen

    Ein Museum erfindet sich neu

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    Das Museum Schloss Morsbroich im Abendlicht.
    Aus dem Dornröschenschlaf erwachen: Das Museum Schloss Morsbroich erfindet sich buchstäblich neu. © imago-images / CHROMORANGE / Alexander Ludwig
    Von Sabine Oelze · 15.05.2022
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    Vor wenigen Jahren stand das Museum Morsbroich in Leverkusen vor der Schließung, da die Stadt Leverkusen als Träger pleite war. Nun geht es radikal neue Wege auf der Suche nach neuen Ausstellungsformen – auch mit Einbeziehung des Publikums.
    Eine große Schaukel steht im Park von Schloss Morsbroich. Sie ist kein Kunstwerk, sondern eher eine Denkhilfe: Hier dürfen Besucherinnen und Besucher Platz nehmen und beim Hin- und Herpendeln Ideen entwickeln. Zum Beispiel, wie sie sich ein Museum für Gegenwartskunst vorstellen. Und wie aus der verwilderten historischen Parkanlage künftig ein Ort der Begegnung werden kann.

    Eine "Spielzeit" statt einer Ausstellung

    "Das ist ein Park voller Widersprüchlichkeiten", sagt der Hamburger Künstler Christoph Schäfer. "Es gibt Naturdenkmäler und eine Sozialgeschichte, den historischen Garten, den Rokoko-Garten und den Romantischen Garten. Das aufzudröseln und zu aktualisieren, das ist eine Aufgabe, die sollten Künstler nicht allein beantworten. Da braucht es das Wissen der ganzen Stadt Leverkusen, der Leute, die hier leben."
    Schäfer und seine Kollegin Margit Czenki wurden eingeladen, die Parkanlage von Schloss Morsbroich aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Aber nicht nur das Grün, das gesamte Museumskonzept wird revitalisiert. Schloss Morsbroich soll wie Phönix aus der Asche auferstehen.

    Offener Prozess – offenes Ziel

    Die nächsten fünf Jahre gibt es deshalb keine fertigen Ausstellungen zu sehen. Rund 15 Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, Konzepte zu entwickeln, wie das Museum wieder im Leben der Menschen von Leverkusen eine Rolle spielen kann.
    Der neue Direktor Jörg van den Berg spricht deshalb nicht von einer Ausstellung, sondern von einer Spielzeit, auch gerade, weil er weiß, dass das ein Begriff ist, der nicht unbedingt mit einem Museum in Verbindung gebracht wird:

    Die Herausforderung ist, dass wir in einen Prozess gehen, von dem wir nicht wissen, wo er uns hinführt, auch weil wir uns nicht einbilden zu wissen, was ein 'gegenwärtiges Museum' ist. Wir wollen es mit den Künstlerinnen und Künstlern und mit unseren Gästen herausfinden."

    Museumsdirektor Jörg van den Berg

    Christoph Schäfer und Margit Czenki laden in den nächsten Jahren regelmäßig zu Picknicks und Ortsbegehungen ein. Ein Raum im Museum ist ihr "Labyr", ein Neologismus aus Labor und Labyrinth, erfunden vom Regisseur und Autor Carlheinz Caspary.
    Im "Labyr" baumelt eine zweite Schaukel von der Decke, an den grün gestrichenen Wänden hängen Tuschezeichnungen von Graureihern, die Couch hat Schildkröten als Füße: Eine Hommage an die Flora und Fauna im Park, die der Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen soll, erklärt Margit Czenki.
    "Man macht einen Umweg bei der Planung, man holt erst mal die Wünsche von der Straße, die Leute sagen, was sie sich vorstellen können, sie bringen die Imagination in Gang. Das ist zuerst provisorisch und dann sieht man, was daraus werden soll."

    Carte blanche für Künstler

    Direktor van den Berg gibt den fünfzehn eingeladenen Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven Carte blanche. Einige arbeiten auf den Flächen des zum Schloss gehörigen Obstguts und experimentieren mit neuen Pflanzenzüchtungen.
    Der Konzeptkünstler Mark Dion baut die Remise zu einem Hexenhaus um. Dion will die 30 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums bestimmen lassen, welche Ausstellungsstücke zu sehen sein sollen.
    Van den Berg setzt auf eine größtmögliche Teilhabe und Öffnung: "Ich bin davon überzeugt, dass ein solches Haus einen essenziellen Beitrag leisten kann zu Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Wir wollen versuchen, modellhaft zu agieren, und uns fragen: Wie gestaltet so ein Museum Nachbarschaften?"
    Schloss Morsbroich verfügt auch über eine eigene Sammlung zeitgenössischer Kunst. Aus Platzmangel war die nur selten zu sehen. Auch das soll sich künftig ändern. Das Publikum darf sich während der Spielzeit Gemälde wünschen, die sie in einem selbst festgelegten Timeslot anschauen dürfen. Die Auswahl ändert sich jede Woche.
    "Es wird jeweils ein Werk aus der Sammlung präsentiert sein. Es wird ein Konvolut aus etwa 30 Werken geben. Daraus können sich die Gäste jeweils eine Arbeit aussuchen", sagt Ko-Kuratorin Thekla Zell.

    Offenes Büro für die Gäste

    Um mit den Gästen, so heißen die Besucherinnen und Besucher von Schloss Morsbroich, möglichst schnell ins Gespräch zu kommen, arbeiten Direktor und Kuratoren künftig nicht mehr im Verwaltungstrakt, sondern mitten im Museum, in einem "Offenen Büro", wie es Thekla Zell nennt:
    "Manchmal decken sich die eigenen Vorstellungen, in der Theorie oder als kuratorisches Konzept, nicht ganz mit dem Erlebnis der Besucherinnen und Besucher, deswegen ist es ganz wichtig, dass man da im Austausch ist."
    Die Institution Museum – in Leverkusen erfindet sie sich neu. Essenz statt Effekt lautet die Devise. Fünf Jahre dauert der Prozess. Bis dahin darf das Publikum das Schloss Morsbroich mitgestalten. Wenn das Konzept aufgeht, könnten auch andere Museen bald zur "Spielzeit" einladen.
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