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Kompressor | Beitrag vom 19.01.2015

Museum für Angewandte KunstDesign bringt Ordnung ins Chaos

Von Rudolf Schmitz

Gibt's inzwischen auch im Museum: Lego-Steine. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)
Gibt's inzwischen auch im Museum: Lego-Steine. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)

Eine Kölner Ausstellung zeigt, wie sehr der Systemgedanke das Alltagsdesign bestimmt: vom stapelbaren Glasgeschirr aus der Bauhauszeit über die Europalette bis zum Legostein. Nur den Sprung in die Gegenwart haben die Kuratoren verpasst.

Was haben das Regalsystem 606 von Dieter Rams, das Schweizer Offiziersmesser, Henry Becks U-Bahnplan von London, die Regenbogenfarben der Taschenbuchreihe "edition suhrkamp" oder das iPhone von Jonathan Ive miteinander zu tun? Sie zeigen uns, für welche unterschiedlichen Aspekte des Lebens es systematische Antworten gibt: Für das Ordnen der Bücher, die Orientierung in der Stadt, das Verwalten unserer Kommunikation. Und dass der Systemgedanke schön sein kann, dass er unseren Alltag erleichtert, dass er eine Verheißung in sich trägt. Vor allem aber auch, dass wir "part of the system" sind, ob wir nun wollen oder nicht.

"Wir können gar nicht anders als in Systemen zu existieren, in unserem Alltag in den westlichen Industriesystemen mehr denn je, und tatsächlich ist es so, dass wir diese Systeme oft gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir nicht mehr erkennen, in wie vielen teilweise auch konkurrierenden Systemen wir Bestandteil sind."

150 Entwürfe aus 100 Jahren Designgeschichte

Kurator René Spitz hat Museum für Angewandte Kunst Köln zusammengetragen, um diese Verflechtung von Ding und Mensch im Namen des Systems zu veranschaulichen. Ein Puzzle des Italieners Enzo Mari von 1957 bringt es tatsächlich fertig, 16 Tiere, von der Schlange bis zum Elefanten, in ein rechteckiges Tableau zu zwängen. Die Arche Noah im Zeitalter des Systemgedankens. Nach den prägenden Entwürfen des Bauhauses wie den Stahlrohrmöbeln von Marcel Breuer sind es die Einrichtungsdesigner der 60er- und 70er-Jahre, die dem Systemgedanken huldigen und auf diese Weise das Konstruktionsprinzip offenlegen. Ein durchaus gesellschaftlich politischer Impuls, wie Kurator René Spitz betont:

"Genau da war der Systemgedanke Teil des Heilsversprechens: Wenn ich etwas rationell, wenn ich es ökonomisch produziere, mit nur wenigen Elementen, die temporär zusammengefügt werden, je nachdem wie mein Bedürfnis gerade ist, dann können wir damit eine neue Gesellschaft formen, die den alten traditionellen Mustern nicht mehr verhaftet ist, die keinen Dekor braucht, wo die Transparenz auch die Konstruktion erfasst. Denn diese Transparenz heißt auch: gesellschaftliche Transparenz."

Der Architekt, der dieses Prinzip der Transparenz mit seinen schwingend luftigen Zeltkonstruktionen verkörpert, ist Frei Otto. Sein Pavillon der Bundesrepublik Deutschland auf der Expo 67 in Montreal beruhte auf einem wesentlichen Bauteil, das in einer Vitrine gezeigt wird: zwei verschraubten Platten mit Achsen für die tragenden Stahlseile.

"Frei Otto ist ja der Ingenieur-Architekt, der es geschafft hat, von einem Denken, das auf statischen Bewältigungen beruht, zu dynamischen Bewältigungen umzuschalten. Das heißt ihn interessieren Zugkräfte, und wenn ich Zugkräfte bewältige, komme ich mit sehr viel weniger Materialaufwand aus. Dadurch entsteht aber eine andere Geometrie."

Lego-Baustein bringt Systemgedanken ins Kinderzimmer

Schon bevor Willy Fleckhaus mit den Regenbogenfarben der "edition suhrkamp" das bundesrepublikanische Geistuniversum in alltagsfröhliche Farbigkeit hüllt, hat der Lego-Baustein den Systemgedanken ins Kinderzimmer getragen.

"Der Lego-Baustein ist natürlich deshalb ganz wunderbar, weil wir ihn alle kennen, weil wir unglaublich positive Erfahrungen damit gemacht haben. Es macht einfach Spaß und es ist so unglaublich verblüffend einfach. Der kleine Verbindungsnoppen auf der Oberfläche der Legosteine, der markiert das System."

Doch dann kommt mit dem Zeitalter der Digitalisierung die Wende. Die Betriebssysteme, die im Hintergrund für eine rasante Vernetzung sämtlicher Lebensbereiche sorgen, sind dinglich nicht mehr darstellbar. Und an diesem Problem der Macht unsichtbarer Systeme scheitert die Ausstellung. Da kann man nicht nur ein iPhone oder die Hardware für ein Betriebssystem in die Vitrine legen, sondern müsste vielleicht einmal die quasi religiösen Produktshows des Apple-Gründers Steve Jobs zeigen. Wie da eine neue Glaubensgemeinschaft entsteht, die den Systemgedanken verherrlicht, weil er sich in so coolen Hüllen darstellt. Vor dieser Mystifikation kapituliert die Kölner Ausstellung, die 100 Jahre System-Design darstellen wollte. Und verpasst damit leider den Sprung in die Gegenwart.

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