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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.01.2017

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig "Die polnischen Motive sind ausführlich dargestellt"

Włodzimierz Borodziej im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig in der Bauphase im April 2016. (Imago)
Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig in der Bauphase im April 2016. (Imago)

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig ist der PiS-Regierung in Warschau ein Dorn im Auge. Es zeigt nämlich die Geschichte des Krieges gänzlich unheroisch aus der Sicht der Zivilbevölkerung. Und "das stört die traditionelle Rechte am meisten", sagt der Historiker Włodzimierz Borodziej.

Julius Stucke: Polen erlebt gerade einen Machtkampf um ein Museum und dabei auch um die Frage: Welche Wahrheit wird dort gezeigt?

Nicole Dittmer: Es geht um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, das in einem schicken Neubau in einer Ausstellung alles zeigen will, was es da an Wahrheiten gibt. Aber: Der Regierung passen einige Aspekte dieser Ausstellung bzw. Wahrheit nicht. Martin Sander berichtet:

Julius Stucke: Martin Sander über das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig und eine in Polen umstrittene Ausstellung, die die Regierung so nicht will. Wir sprechen darüber mit Włodzimierz Borodziej, polnischer Historiker, schönen guten Tag!

Włodzimierz Borodziej: Guten Tag!

Julius Stucke: Sie haben die Ausstellung auch gesehen. Gibt diese denn überhaupt diesen ja so lange gefochtenen Kampf der PiS her, gibt es genug, worüber man sich da wirklich entzweien kann?

"Das ist ein Riesending"

Borodziej: Nicht wirklich, also zumindest nichts, wovon ich wüsste. Die Ausstellung ist so, wie sie mehrmals angekündigt worden ist, das heißt, sie hat einen lokalen Fokus, sagt man dazu heute. Sie behandelt relativ ausführlich die freie Stadt Danzig, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hier am 1. September, dann die Lokalgeschichte dieses Teils der Ostseeküste, alsdo was wir das Danziger Pommern nennen.

Und natürlich sind polnische Motive stark repräsentiert, stärker als wenn das Museum irgendwo anders gebaut worden wäre und für nicht polnisches Geld, aber insgesamt, die polnischen Motive sind ausführlich, kompetent dargestellt. Ansonsten reicht das Bild dieses Weltkriegs bis weit in den Fernen Osten hinein, und zwar beginnend mit dem japanischen Militarismus, es ist eine Vielfalt an Motiven, die einfach überwältigt. Man muss sich auch vorstellen, das sind 5000 Quadratmeter, das ist ein Riesending.

Nicole Dittmer: Klingt aus Ihrer Sicht eigentlich nach einer gelungenen Ausstellung. Worum geht es denn dann der PiS wirklich: um die Wahrheit, die präsentiert wird, um die Ausstellung selbst oder ums Prinzip, weil das Ganze aus der Hand der Vorgängerregierung stammt?

Fokus auf Zivilbevölkerung nervt die Rechte

Borodziej: Ich sitze ja nicht in den Köpfen der Politiker der PiS, kann ich schwer beurteilen. Ich würde sagen, das sind all die Motive, die Sie hier soeben genannt haben. Vielleicht was am stärksten stört, ist, dass hier die Zivilbevölkerung als Hauptleidtragende dieses Weltkriegs im Mittelpunkt steht, das stört glaube ich die traditionelle Rechte am meisten, dass es nicht nur um den heldenhaften Kampf um das Sterben der Soldaten geht, sondern eben zu einem ganz gewaltigen Teil um Nicht-Kombattanten, um Frauen, Kinder, Ältere und sonstige zivile Opfer.

Julius Stucke: Hat denn die Regierung dann aber auch ein anderes Konzept in diesem Streit in der Tasche? Was würde die Regierung konkret anders machen? Oder ist das erst mal nur der Streit, ohne zu wissen, wie es danach weitergehen soll?

Borodziej: Ich kann das nicht wirklich abschätzen, weil ich das einfach nicht weiß. Ich nehme an, es geht darum, dass man eine vage Vorstellung hat, dass eben Polen noch mehr im Mittelpunkt stehen sollte, dass die Soldaten sehr viel, oder der Kampf um die Unabhängigkeit noch mehr im Vordergrund stehen soll, als es ohnehin der Fall ist. Dass es da konkrete Pläne gibt …

Ich meine, das Drehbuch der Ausstellung bei 500 Quadratmetern, Sie können sich kaum vorstellen, wie lang das ist. Dass es da konkrete Vorstellungen gibt, was man an diesem Drehbuch ändern wollte, wenn man könnte, glaube ich nicht.

Julius Stucke: Wir haben es vorhin angesprochen, als wir darüber gesprochen haben, dass es auch um Wahrheiten geht. Also, da spricht die PiS-Partei von einer nationalen Wahrheit. Wie sehen Sie das, gibt es da unterschiedliche Wahrheiten oder gibt es unterschiedliche Erzählungen? Worum geht es da?

Borodziej: Ja, unterschiedliche Wahrheiten zunächst einmal gibt es nicht. Es gibt natürlich unterschiedliche Erzählungen und man kann im Rahmen dieses Riesenthemas Zweiter Weltkrieg die Akzente natürlich völlig anders setzen, als das in dieser ständigen Ausstellung der Fall ist. Hingegen der Begriff "nationale Wahrheit" ist mir fremd.

Polen reagieren verständnislos

Nicole Dittmer: Nun wurde ja in den Medien sehr viel über diesen Streit diskutiert. Wie sieht man das Ganze denn in Polen jenseits der Beteiligten? Also jenseits von Regierung und Museum?

Borodziej: Ich glaube, mit ziemlicher Verständnislosigkeit. Die Zeitungsleser oder die, die das in anderen Medien erfahren, kriegen so ungefähr mit, da gibt es irgendeinen Streit um ein Museum, dessen Ausstellung ja niemand kennt, die wird ja heute erst zum ersten Mal gezeigt. Und ich glaube nicht, dass das Wissen um die Inhalte sehr weit verbreitet ist.

Julius Stucke: Was auf jeden Fall ja aber unklar ist: Wie geht es weiter? Wie sehen Sie es, gibt es einen Weg, diesen Streit noch zu lösen, oder wo sehen Sie jetzt die Zukunft dieses Museums?

Borodziej: Na ja, ich hoffe, dass das jetzige Ausstellungsteam zur wirklichen Eröffnung überleben wird, am 28. und 29. Januar sind zwei Tage der Offenen Tür hier im Museum, heute ist das ja mehr für die Medien und einen engeren Kreis von Interessierten gedacht, diese halb offizielle Eröffnung. Dann, wie gesagt, zwei Tage der Offenen Tür und heute war von einem Termin irgendwann im März die Rede, wo das Museum wirklich in Betrieb genommen werden könnte.

Nicole Dittmer: Der Streit um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, wir sprachen mit dem polnischen Historiker Włodzimierz Borodziej. Danke Ihnen für das Gespräch!

Borodziej: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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