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Studio 9 | Beitrag vom 05.09.2020

Museum BarberiniPotsdam schmückt sich dauerhaft mit Impressionisten

Von Simone Reber

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Claude Monet: Villen in Bordighera, 1884, Öl auf Leinwand, 60 x 74 cm, Sammlung Hasso Plattner. (Sammlung Hasso Plattner)
Das Bild "Villen in Bordighera" (1884) von Claude Monet ist eines der Werke, die jetzt im Museum Barberini ständig zu sehen sind. (Sammlung Hasso Plattner)

Hasso Plattner besitzt die größte Monet-Sammlung außerhalb Frankreichs. Nun ist dieser Schatz aus 34 Werken in der Dauerausstellung "Impressionismus" des Potsdamer Museum Barberini zu sehen. Ein Coup.

Das ist dann doch ein Coup. In Potsdam, wo einst der preußische König Friedrich der Große von Frankreich als seinem Sehnsuchtsort träumte, ziehen jetzt die Landschaftsbilder der französischen Impressionisten ein. "Die Eigensinnigen" – so wurden sie zu Lebzeiten genannt, weil sie nicht weniger wollten als das Sehen anzupassen an die vibrierende Modernisierung aller Lebensbereiche. Wild, nennt deshalb Ortrud Westheider, die Direktorin des Museum Barberini, Maler wie Claude Monet, Pierre Auguste Renoir, Camille Pissarro oder – hier als einzige Frau – Berthe Morisot.

Sie sagt: "Wild sind sie, weil sie sich auf den Moment konzentrieren und all den historischen Ballast, der noch in den Historienmalereien der Salons vorherrschte. Denn das war die Sehgewohnheit. Die Menschen damals wussten nicht, was das sollte, dass man sich auf sein Naturerlebnis, auf seine Wahrnehmung, auf die Fakten, die einen umgeben, so genau konzentrieren konnte."

Claude Monet: Der Hafen von Le Havre am Abend, 1873, Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm, Sammlung Hasso Plattner. (Sammlung Hasso Plattner)Die Hafen bei Nacht, so hat ihn Claude Monet gefühlt und auf die Leinwand gebracht. (Sammlung Hasso Plattner)

Wild wirkt tatsächlich eines der Schlüsselwerke der Ausstellung: "Der Hafen von Le Havre am Abend" von Claude Monet aus dem Jahr 1872. Auf der nächtlichen See ragen die dunklen Segel der ankernden Boote in den Himmel. Eine Reihe Gaslaternen kennzeichnet die Uferbefestigung. Zwei rote Signalleuchten spiegeln sich im Wasser.

Monet, der aus Le Havre stammte, malt den modernisierten Überseehafen ruppig, fast brutal. Das Gegenstück zu dem Nachtbild, das berühmte Gemälde "Impression soleil levant", also der Sonnenaufgang über Le Havre, verhalf den Impressionisten zu ihrem Namen.

Zunächst war die Bezeichnung höhnisch gemeint, sagt Daniel Zamani, Kurator am Museum Barberini. "Das Werk ist 1874 auf der ersten Impressionisten- Ausstellung in Paris gezeigt worden und berühmterweise hat sich ein Kritiker Louis Leroy über dieses Gemälde lustig gemacht und sinngemäß gesagt: Aha, Impression, wusste ich es doch. Eine Tapete im Embryonalstadium ist weiter ausgearbeitet als dieses Bild."

Publikumsmagnet in der Region 

Die Potsdamer Ausstellung lüftet jetzt das Erfolgsgeheimnis des Museum Barberini. Weil die Sammlung Hasso Plattner großzügig weltweit ausleiht, konnte das Museum umgekehrt internationale Leihgaben für die bisherigen Wechselausstellungen gewinnen und so als junge Institution zum Publikumsmagneten in der Region aufsteigen. 

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Die Sammlung des SAP-Mitbegründers entstand in nur 20 Jahren. Allein die 34 Gemälde von Claude Monet sind einzigartig außerhalb Frankreichs. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Malerei von Gustave Caillebotte. Das hauchzarte Erwachen von Paris, 1877 gesehen von einem Balkon in der Rue Halévy, gehört zu den letzten Ankäufen des Sammlers aus diesem Jahr.

"Caillebotte ist sicherlich nicht so bekannt wie Monet, Renoir, Sisley, Pissarro in Deutschland",  sagt Zamami. "Das liegt auch daran, dass er von Hause aus sehr vermögend war. Er musste gar nicht die Bilder verkaufen, er hat sich auch kaum um die Vermarktung gekümmert. Und Caillebotte war auch lange als Mäzen bekannt. Er hat eine der wichtigsten Impressionisten-Sammlungen zusammengetragen und den Großteil daraus testamentarisch dem französischen Staat vermacht."

Ein Saal mit Winterbildern 

Was manchmal in Vergessenheit gerät: Die Impressionisten sind der Seine nach Norden Richtung Normandie gefolgt. Der Höhepunkt der Ausstellung ist deshalb ein Saal mit Winterbildern – Raureif, Eis und Schnee. Aus der Ferne, sagt Zamani, sieht alles weiß aus. "Wenn man nah ran geht, sieht man, da ist blau drin, rosa, violett, pink. Diese ganzen verschiedenen Farbakzente, die zusammen kommen, um dann wirklich diese Leuchtkraft des Schnees zu zeigen, das ist das Großartige an diesen Winterbildern."

Weil diese eigensinnigen Maler den Vorgang des Sehens erkundeten, spielen sich in den gefrosteten Landschaften Dramen in Farbe ab. Westheider will jetzt die Chance der Sammlung nutzen, um neue Aspekte der impressionistischen Malerei mit Hilfe anderer Wissenschaftler zu erforschen.

Das Beben der impressionistischen Welt

Sie sagt: "Die Themen der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts sind ganz wichtig. Und dort ist die Wahrnehmungsphysiologie – ausgehend von Helmholtz, der  festgestellt hat, dass das Sehen selbst ein prozessualer Vorgang ist. Er hatte den blinden Fleck entdeckt, er hat gemerkt, dass es mit den Nervenreizen zu tun hat, was wir sehen, wie wir wahrnehmen."

Besucher aber können diese Malerei auch einfach genießen: die tanzenden Sonnenflecken von Renoir auf einem duftigen Waldweg, die zitternden Pappeln von Monet, die stiebenden Funken des Herbstfeuers bei Pissarro – das ganze Beben der impressionistischen Welt.

Der Besuch der Ausstellung "Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner" ist nur mit Zeitfenstertickets möglich, die Kartenkontingente sind begrenzt. 

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