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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.04.2014

MuseenSchluss mit den Inhalten!

Eine App als banal-esoterische Anleitung zur Gedankenlosigkeit

Von Anette Schneider

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Entworfen hat der Künstler Olafur Eliasson "Dein Audioguide" für die Kunstsammlung in Düsseldorf (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)
Entworfen hat der Künstler Olafur Eliasson "Dein Audioguide" für die Kunstsammlung in Düsseldorf (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Der dänisch-isländische Lichtkünstler Olafur Eliasson hat die Video-App "Dein Audioguide" entwickelt. Das Museum wird mit ihr als geist- und erkenntnisfreier Raum präsentiert.

"This Exercise is about how to move through the exhibition as if you were an asteroid. First imagine that you are an asteroid."

Endlich! Diese App ist die Erlösung! Schluss mit besserwisserischen Erklärungen zu irgendwelchen Kunstwerken. Schluss mit Anregungen, beim Betrachten der ausgestellten Dinge dieses und jenes zu bedenken! Losgelöst von allem Irdischen sollen wir uns fortan im Museum fühlen wie Asteroide...

Noch auf andere Weise ist Eliassons App wirklich einzigartig: Der Künstler verspricht, sie würde überall funktionieren. Unabhängig von einer konkreten Ausstellung. In jedem Museen weltweit, ganz gleich, was es zeigt.

Lassen Sie also alle Vorbehalte und alle Vernunft fahren. Schalten sie Ihren Verstand aus. Stoßen Sie sich vom Boden ab - und fliegen Sie!
Fühlen Sie! Und hören Sie auf die Anweisungen von Guru Eliasson.

Schluss mit den Inhalten

Endlich geht es im Museum nicht mehr um Inhalte. Endlich ist Schluss mit dieser verbohrten, rationalen Haltung, mithilfe von Kunst und Kultur Wirklichkeit erkennen, verstehen und ändern zu wollen. Schon lange galten Rationalismus und Aufklärung als überlebt, doch erst Eliassons App bietet die ultimative Lösung!

"This exercise is about the relationship between your experience and time...."

Gleiten Sie also weiter. Schweben Sie. Lösen Sie sich - und die Kunst - aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Genießen Sie den Verzicht auf alle historischen, politischen und gesellschaftlichen Informationen, die zum Verständnis von Kunst und Welt notwendig sind. Schluss mit der altmodischen, bürgerlich-aufklärerischen Herangehensweise, die Erkenntnis noch für geistigen Genuss hält.

"This exercise is about your other self..."

Sie sollen nicht mehr denken

Die kostenlose App mit insgesamt elf kurzen Filmen verschafft Ihnen viel mehr als simples Weltverständnis, nämlich: Erleuchtung! Dafür blickt der Meister mit unbewegtem Gesicht vom Display und lädt mit sonorer Stimme zu den Übungen, die Ihnen helfen sollen, "das eigene Sehen zu sehen und das eigene Fühlen zu fühlen". Da gibt es eine "Willkommens-Übung", eine Übung zur "Panoramischen Wahrnehmung", zu "Licht und Dunkel", "Raum und Zeit". Und eine Übung zum "anderen Ich", bei der Sie in ein Kunstwerk blicken sollen wie in einen Spiegel...

Vergessen Sie dabei nie, zu Schweben und sich zu Fühlen, wie ein Asteroid! Sie haben genug? Ihnen ist schon schwindelig? Sie können nicht mehr klar denken?

Aber darum geht es doch! Sie sollen nicht mehr denken. Idealistische Weltflucht ist ein Witz gegen Eliassons Versuch, einem noch den letzen Rest Rationalität und Vernunft auszutreiben. Kunst, das Museum - diese einst Wissen vermittelnde, aufklärerische, im besten Sinne geschmacksbildende und erzieherische Institution - wird hier unter der Flagge vermeintlicher Sensibilisierung endlich als geist- und erkenntnisfreier Raum präsentiert.

Losgelöst vom wirklichen Leben, frei von aller realitätsverbundenen Erdenschwere führt Elliason mit seiner banal-esoterischen Anleitung zur Gedankenlosigkeit ins unendliche Nichts, in die geistige Leere -, und zementiert damit die in unserer Gesellschaft vorherrschende Unlust am kritischen Denken.

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