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Buchkritik | Beitrag vom 27.01.2021

Murray Shanahan: "Die technische Singularität"Künstliche Intelligenz neu denken

Von Vera Linß

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Das Buchcover "Die technologische Singularität" von Murray Shanahan ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Deutschlandradio / Verlag Matthes & Seitz)
In „Die technische Singularität“ will Murray Shanahan einen "neutralen Überblick" der KI vermitteln. (Deutschlandradio / Verlag Matthes & Seitz)

Die Gesellschaft sollte darauf vorbereitet sein, dass künstliche Intelligenzen die des Menschen übertreffen werden, mahnt der Robotikspezialist Murray Shanahan. In seinem Buch erklärt er, wie man die damit verbundenen Risiken eindämmen kann.

Ewiges Leben per Mind Upload: Schluss mit Krankheiten wie Krebs und Demenz. Stopp des Klimawandels. All das kann künstliche Intelligenz (KI) ermöglichen, jubeln Experten. Und warnen zugleich vor dem Kontrollverlust: Ist die Technik zu schlau, könnte sie die Führung übernehmen – spätestens zum Zeitpunkt der technischen Singularität, also dem Moment, ab dem der Mensch den Maschinen geistig hinterherhinkt. Doch wird es überhaupt so weit kommen?

Computer werden immer leistungsfähiger

Murray Shanahan vom "Imperial College London" hält die Antwort darauf für unerheblich. Computer würden immer leistungsfähiger, deshalb müsse man grundsätzlich ihre Überlegenheit in Betracht ziehen, postuliert der Professor für Kognitive Robotik nüchtern. Er will darum aufklären über künstliche Intelligenz und einen "neutralen Überblick" des konzeptuellen Territoriums geben, also zum Denken einladen.

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Das macht er hervorragend – mit großer Sachkenntnis und einem pragmatischen, unaufgeregten Ton. Zwar verschweigt Shanahan nicht, dass er selbst künstliche Intelligenz "mindestens auf dem Niveau der Maus" in absehbarer Zeit für realisierbar hält.

Auch seine Begeisterung verbirgt er nicht. Doch versucht der Autor niemanden zu bekehren. Genau deshalb hat man Lust, ihm in die Tiefen der Forschung zu folgen.

Große Sachkenntnis, perfekt erklärt

Was einem dort an Erfindungsreichtum begegnet, ist nicht nur absolut faszinierend. Murray Shanahan erklärt die Materie so verständlich, dass man als Laie immer folgen kann.

Zwei Ansätze unterscheidet der Wissenschaftler, mit der künstliche, dem Menschen vergleichbare Intelligenz erzeugt werden soll.

Beim "biologisch inspirierten" Vorgehen wird ein natürliches Gehirn kartiert und simuliert, um dann mit einem synthetischen Körper verbunden zu werden. Eine technologisch konstruierte KI dagegen wäre körperlos, würde also rein virtuell existieren.

Die eigene Vorstellung erweitern

Vieles, was Shanahan schildert, hat überraschend wenig mit den Bildern zu tun, die man aus der Science-Fiction kennt. Was zeigt: Wer KI verstehen will, muss seinen Vorstellungsraum deutlich erweitern, angefangen bei Äußerlichkeiten.

Künstlich intelligente Wesen etwa würden nur selten menschenähnlich aussehen, meint der Wissenschaftler.

Inspirierend ist auch, wie kreativ er die vielen offenen Fragen bei der technischen Umsetzung von KI weiterdenkt, wo es vor allem um mangelnde Detailgenauigkeit und fehlende Energieressourcen geht.

Noch zu erfindende "Schwärme von Nanorobotern" sieht er Informationen vom "echten" ins künstliche Gehirn übertragen. Energieeffiziente "Wetware", also natürliche Zellen, lässt er in seiner Vorstellung mit klassischen Computern verschmelzen.

Großer Lesespaß

Das zu lesen, macht Spaß! Und so nimmt Murray Shanahan dem Thema das Mystische und Bedrohliche. Denn auch bei der Frage, wie gefährlich eine Superintelligenz werden könnte, schafft er wohltuend die Balance zwischen Sachlichkeit und Imagination.

Für ihn hat der Mensch die Schlüsselrolle, die KI von Anfang so zu programmieren, dass er die Kontrolle über ihre "Entscheidungen" behält. Noch wichtiger: Shanahan traut es dem Menschen auch zu. Sein Buch ist die beste Grundlage dafür, dieser Herausforderung gerecht zu werden.

Murray Shanahan: "Die technische Singularität"
Aus dem Englischen übersetzt von Nadine Miller
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020
253 Seiten, 20 Euro

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