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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.05.2009

Munterer Mafia-Klamauk

Ottavio Cappellani: "Habe die Ehre! Eine Mafia-Komödie", Rowohlt Verlag 2009, 398 Seiten

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Palermo auf Sizilien (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)
Palermo auf Sizilien (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)

Ottovio Cappellani liefert mit "Habe die Ehre" eine bitteböse Satire auf die Mafia- und Macho-Kultur seiner Heimat Siziliens ab. Gekonnt spielt er mit Klischees und Versatzstücken aus der Weltliteratur, zeigt verfeindete Clans, Korruption und Chaos. Beste Unterhaltung, bei der das Lachen zuweilen im Halse stecken bleibt.

"Habe die Ehre!" ist eine Mafia-Klamotte mit allem, was dazu gehört: tumben Bossen, nervtötenden Gattinnen im Dauerkaufrausch, frechen Geliebten, verzogenen Mafiosi-Töchtern, kaltblütigen Killern, Möchtegern-Künstlern, gekauften Politikern, verfeindeten Clans, Korruption und Chaos. Cappellani lässt kein Klischee aus und arbeitet mit allen Tricks. Er zieht die sizilianische Macho-Kultur durch den Kakao, indem er Schwule, "Schwuppen" genannt, in Hülle und Fülle auftreten lässt, operiert mit Versatzstücken aus der Kulturgeschichte, verballhornt Nietzsche und Schopenhauer ("Die Geburt der Komödie" und "Die mondäne Welt als Wille und Vorstellung"), spielt auf politische Verwicklungen der letzten Jahre ebenso an wie auf Mafia-Filme von "Der Pate" über "Good Fellas" bis zu den "Sopranos" und spiegelt das Ganze in Shakespeares "Romeo und Julia".

Aber von Anfang an: Eine Serie mysteriöser Ermordungen hält Catania in Atem. Jedes Mal, wenn der abgehalfterte Avantgarde-Regisseur Cagnotto, der sich neuerdings an "Romeo und Julia" versucht, sein Stück zur Aufführung bringt, wird an einem bestimmten Punkt jemand erschossen. Und zwar genau in dem Moment, in dem sich sein Romeo, verkörpert durch einen 60-jährigen Dialektschauspieler namens Caporeale, mit einer unmissverständlichen Geste ans Gemächt fasst.

In den folgenden Kapiteln, die nach dem Muster eines Dramas aufgebaut sind und als Akt eins bis drei bezeichnet werden, versorgt uns Cappellani mit der Vorgeschichte. Die hat es natürlich in sich und entpuppt sich als mafiöse Variante des Shakespeare-Stoffes.

Mister Turrisi, ein Boss mit Hauptsitz in London, ist in Catania eingetroffen und muss sich mit dem Clanoberhaupt Turi Pirrotta arrangieren. Im Handumdrehen verfällt er dessen Tochter Betty. Betty, auf Schritt und Tritt begleitet von der Schwuppe Carmine - sie hat aus amerikanischen Fernsehserien gelernt, dass Männer dieser Sorte die besten Gesellschaftsdamen sind - ist dumm wie Bohnenstroh und hat nichts als Sex im Kopf. Der Vater wäre das verzogene Geschöpf liebend gern los. Aber natürlich muss er den sittenstrengen sizilianischen Pater familias mimen. Es kommt zu Verwicklungen.

Der Regisseur Cagnotto, selbstverständlich ebenfalls schwul und in ein Liebesdrama verstrickt, hat sich mit einem Kulturreferenten verbündet, der im Dienste von Pirrotta steht. Dieser Kulturreferent wird bei der ersten Aufführung erschossen - nur von wem? Egal, damit es nach einem Rachefeldzug aussieht, wie es sich für einen ordentlichen Mafioso nun mal gehört, muss bei der nächsten Aufführung der verfeindete Kulturreferent des anderen Clans dran glauben.

So geht es munter hin und her, die Sache wird zu einem Medienereignis, die Künstler profitieren, ganz Italien reist an, und am Ende kommt es, wie es kommen musste: Mister Turrisi und Betty geben sich inmitten schmachtender Schwuppen und versöhnter Clans das Ja-Wort.

Cappellani, Jahrgang 1969, Spross einer adligen Familie, Verfasser mehrerer Theaterstücke und Romane, liefert mit "Habe die Ehre!" literarisch virtuosen Mafia-Klamauk und zeichnet zugleich ein bitterböses Gesellschaftsporträt seiner Insel. Dass der Roman auch auf Deutsch eine mitreißende Rasanz entfaltet, ist der Übersetzerin Annette Kopetzki zu verdanken. Ob es die saftige Ausdrucksweise der Mafiosi ist, gestelztes Intellektuellengewäsch, Provinzzeitungsjargon, Frauengespräche im "Vanity Fair"-Stil, Szene-Geläster unter Schwulen, historisierende Shakespeare-Sprache oder das grammatisch nicht aufzulösende Gerede der dummen Betty - sie findet für alles eine Entsprechung.

Der Unterhaltungswert in allen Ehren - am Ende der Lektüre macht sich Unbehagen breit. Cappellani behandelt die Mafia wie ein Pop-Phänomen und nimmt eine zynische Haltung ein, so als sei eh alles egal. Angesichts der politischen Lage Italiens, angesichts der Toten auf den Straßen von Campangien und Kalabrien und angesichts der Gefahr, in der sein Kollege Roberto Saviano schwebt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Rezensiert von Maike Albath

Ottavio Cappellani: Habe die Ehre! Eine Mafia-Komödie
Roman, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009
398 Seiten, 19,90 Euro

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