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Interview | Beitrag vom 01.10.2018

Mütter, die nicht stillen"Ein verheerendes gesellschaftliches Tabu"

Sabine Seichter im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Mutter stillt ihr Kind. (imago / Westend61)
Auf Frauen lastet ein riesiger sozialer Druck, ihr Kind zu stillen. Dahinter stecken vor allem tradierte Normen und Rollenbilder, meint Sabine Seichter. (imago / Westend61)

"Nicht-Stillen" werde inzwischen gesellschaftlich fast gebrandmarkt, kritisiert die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter. Dahinter steht für sie ein "sehr konservatives Frauenbild" und Ignoranz gegenüber veränderten Familienkonzepten.

Eine Mutter, die nicht stillt - das klingt nach Rabenmutter, nach Egoismus und Gefühlskälte. Entsprechend harsch sind die Reaktionen, die diese Frauen in der Öffentlichkeit, in Internetforen und Blogs erleben. 

Für die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter steht hinter dem Druck, dem Frauen bezüglich des Stillens ausgesetzt seien, ein "verheerendes gesellschaftliches Tabu".

"Nicht nur, weil meines Erachtens damit nach wie vor ein sehr konservatives Frauenbild einhergeht", sagte sie im Deutschlandfunk Kultur. Sondern auch, weil die "Parole zum Stillen" die Veränderung von Familienkonzepten überhaupt nicht wahrnehme: "Denken Sie nur beispielsweise an ein homosexuelles, schwules Elternpaar, die ja natürlich biologisch gar nicht stillen können. Und man muss sich da in der Tat die Frage stellen: Ist nun das nicht-gestillte Kind das benachteiligte Kind?"

Ein solches Bild vom benachteiligten ungestillten Kind suggeriere auch das Motto der diesjährigen Weltstillwoche "Stillen – Basis für das Leben", die vom 1. bis 7. Oktober stattfindet.

Werden an der Mutterbrust vor allem die Mütter erzogen?

Dass die Frage des Stillens bis heute gesellschaftlich so hart umkämpft sei, liegt für Seichter daran, dass hier letztlich Normen und Rollenbilder verhandelt würden. "Und das betrifft natürlich vor allem das Rollenbild der Frau. Wir haben meines Erachtens keine bessere Möglichkeit, über die Frau zu reden – wie die Gesellschaft, die Religion, die Medizin die Frau sehen will – als über die Praxis des Stillens."

Die Debatte sei deshalb so bemerkenswert, weil in den letzten Jahrzehnten fast alle Lebensbereiche technologisiert worden seien. "Wenn Sie nur daran denken, dass viele von uns sich ihre zukünftigen Partner über Algorithmen berechnen lassen und so weiter. Aber das Feld des Stillens ist so technikresistent, dass also das Nicht-Stillen fast gesellschaftlich gebrandmarkt wird", so die Autorin des Buches "Erziehung an der Mutterbrust. Eine kritische Kulturgeschichte des Stillens".

(uko)

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