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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2015

"Münchhausen" mit Milan PeschelDas Theater und die Lust am Lügen

Von Stefan Keim

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Der Schauspieler und Regisseur Milan Peschel gestikuliert am 19.03.2015 in Heidelberg (Baden-Württemberg) im Theater während eines Interviews. (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)
Milan Peschel - "Münchhausen" wurde ihm von Armin Petras auf den Komödiantenleib geschrieben. (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)

Ironie, Witz und Gedankenspiele: Milan Peschel spielt "Münchhausen" als komödiantische Selbstreflexion eines Schauspielers. Den Fast-Monolog von Armin Petras hat Jan Bosse in der Uraufführung bei den Ruhrfestspielen überraschend und unterhaltsam auf die Bühne gebracht.

Natürlich wäre er eine Traumbesetzung: Milan Peschel als Baron Münchhausen, der auf einer Kanonenkugel reitet und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Doch der Fast-Monolog "Münchhausen", den ihm Armin Petras auf den Komödiantenleib schrieb, nutzt den charismatischen Lügner eher als Referenz für ein selbstironisches, philosophisches Spiel über das Theater selbst.

Erst schaut Peschel nur kurz um die Ecke. Dann kommt er durch die Eingangstür des Parketts in den Raum. Er wartet auf seinen Kollegen, den Schauspieler, der eigentlich Münchhausen verkörpert. Doch der ist nicht da. Aus Peinlichkeit, Warten und Erwartungsdruck entsteht ein eigenartiges Spiel. Peschel steigert sich zu explosiven Momenten, wirbelt, tanzt eine Musicalnummer, animiert das Publikum, holt einen Zuschauer auf die Bühne und erzählt ihm alte Witze. Zwischendurch sackt die Energie immer wieder in den Keller, natürlich mit Absicht, denn es geht ja darum, die Leere zu spüren, die dann der Schauspieler, der Narr, der bezahlte Lügner füllen soll.

Endloser Münchhausen-Stammbaum

Peschel rattert den Stammbaum der Münchhausens seit dem 12. Jahrhundert herunter. Dazu gehören fast alle bedeutenden Figuren der deutschen Zeitgeschichte, Johann Sebastian von Münchhausen, Adolf von Münchhausen, Ludwig Erhardt von Münchhausen, Angela von Münchhausen. Höhepunkt des Abends ist eine Nummer, in der Milan Peschel virtuos von einer Rolle in die andere gleitet. Er ist der Rittmeister Wronski aus "Anna Karenina", legt plötzlich das Ohr auf den Boden und hört Freimaurer wie Woyzeck, rutscht in ein Stück von Tschechow.

Die Figuren bekommen ein eigenes Leben, und doch bleibt er selbst erkennbar, der körperbetonte, leidenschaftlich verspielte, differenzierte Feuerwerkschauspieler. Die Lüge ist auch eine Utopie, sagt Peschel in einem reflexiven Moment, die Ahnung einer besseren Welt. Dann kommt doch noch der Kollege, Martin Otting im Münchhausenkostüm, wie es Hans Albers in der berühmten Verfilmung getragen hat. Er beginnt mit Peschels Monolog von vorne. War es also auch bloß eine Lüge, dass dieser Text eigens für Peschel entstanden ist?

Geisteswitz und Gedankenspiele

Nein, das Gratwandeln zwischen echter Biografie und Kunstfigur ist schon die Grundlage des Stücks. Regisseur Jan Bosse entwickelt mit seinem Team eine ungewöhnliche Art Theater. "Münchhausen" soll eigentlich am späten Abend nach einer anderen Vorstellung gespielt werden, und zwar in deren Bühnenbild. Eine Spätvorstellung, ein Late-Night-Satyrspiel, das für sich steht und doch auf die Energie einer anderen, gerade gespielten Inszenierung reagiert. Die Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Deutschen Theaters Berlin soll auch auf anderen Bühnen und Festivals zu sehen sein. Ein geisteswitzsprühendes Sahnehäubchen, ein gedankenverspieltes Gourmetdessert für Kenner und solche, die es werden wollen. Es wird nicht allzu tief gegründelt an diesem Abend, aber das Publikum wird oft überrascht, intellektuell angestupst und bestens unterhalten.

Münchhausen
Von Armin Petras
Regie: Jan Bosse
Theater Marl bei den Ruhrfestspielen und ab dem 17. September am Deutschen Theater Berlin

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