München als Kunststandort

Von Claudia Russo |
Neben Berlin und Köln will sich auch München als deutscher Kunststandort behaupten. Das will die Stadt auch bei der "Open Art 2005" verdeutlichen. Bis Sonntag zeigen 65 Galerien berühmte Künstler, die in Bayern angefangen haben, und auch neue Talente Deutschlands.
Viel Lärm um Nichts: Drei Fernseher, die in einer Art Videokonferenz zusammengeschaltet sind, zeigen drei Amerikaner, die am Telefon heftig über ihr größtes Interesse diskutieren: Baseball. Ein vierter Bildschirm dokumentiert detailgetreu das, worüber die Herren gerade streiten - ein ganz normales Baseballspiel. Zu sehen ist John Pilsons Konflikt-Studie über ein uramerikanisches Thema in der Münchener Galerie Zink und Gegner.

John Pilson: "Das ist ein Portrait von drei Männern, die eines gemeinsam haben: ihre Obsession für Baseball. Ich habe Sport als Thema meiner Videoinstallation gewählt, weil Sport das Leben der Amerikaner beherrscht. Das Thema ist omnipräsent. Im Radio, im Fernsehen und am Telefon: Leute rufen dich an, um mit dir über dieses oder jenes Spiel zu diskutieren. Und irgendwann fangen Sie an, sich über Kleinigkeiten zu streiten. Genau das wollte ich in meinen Videos zeigen."

Zwar bekam der New Yorker vor vier Jahren bei der Biennale in Venedig den Preis für Nachwuchskünstler. Doch den richtigen Durchbruch schaffte er bisher noch nicht. Nun hofft er auf die fördernde Wirkung der Open Art 2005. Ausstellungsveranstalter Walter Storms:

"Es ist wie bei den Fußballspielern: Nicht jeder wird ein großer Star wie der Beckenbauer. Aber die meisten jungen Leute rekrutieren sich aus den Akademien. Die Galeristen sind die Ersten, die eben an der Basis versuchen, neue Leute zu entdecken. Es gibt die großen Akademien in München, Stuttgart, Frankfurt, Berlin, und wir sind überall präsent. Und die guten Talente finden auch alle ihren Galeristen. Wir haben auch hier in der Open Art bestimmt 10-15 Neupräsentationen."

Pilsons Chancen stehen nicht schlecht, dass er am Ende des Münchener Galeriewochenendes ein wenig bekannter sein wird als heute. Denn genau das wollten Münchens Galeristen in diesen Tagen zeigen: Dass sie Künstler nicht nur ausstellen - sondern auch berühmt machen. Zum Beispiel Marie José van de Loo, deren Galerie es seit 1957 gibt. Stoltz zeigt die Galeristin ein Bild, das heute in der Rathausgalerie am Marienplatz hängt.

Marie José Van de Loo: "Das ist das Bild "Spökenkiker" von Anger Jörn, ein Bild, das er in München gemalt hat. Er hatte sein Atelier bei uns im Haus und hat dort viele seiner Bilder gemalt. Und er war zu dem Zeitpunkt, als es von meinem Vater ausgestellt wurde, also 1958, in Deutschland überhaupt nicht bekannt und international fing es gerade an. Das ist erstaunlich, weil er Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre schon in der Kobra-Gruppe war. Aber damals ging die Entdeckung nicht so schnell wie heute."

Marie José van de Loo stellt in diesen Tagen eine neue Künstlerin aus: Die Berlinern Anja Billing sucht in ihren Bildern nach der Erinnerung. Wo Hektik und Stress den Alltag strukturieren und die gefühlte Zeit immer schneller verrinnt, hat die Erinnerung keine Chance - und wird selbst Teil des Gedächtnisses. So entstehen skurrile Landschaftsbilder, die von hektischen, unkoordinierten Bewegungen verzerrt werden. Anja Billings Werke entstanden zwar in der Kunstmetropole Berlin - brauchen aber München als Ausstellungsort, erklärt die Künstlerin:

Anja Billing: "Da unterscheidet oft diese Thematik, wo entsteht Kunst, das ist natürlich in Berlin besonders stark. Dort ensteht viel. Aber die eigentlichen Lebensräume für den Kunstverkauf, die finden eher in den alten Kulturstandorten wie Köln oder München statt. In Berlin ist eine starke Dynamik des Entstehens vorhanden, aber die Künstler verkaufen ihre Kunst meist woanders."

Hier die Kreativität, dort das Brot des Künstlers. Münchener Galeristen, wissen längst, wo die kaufkräftige Kunst-.Klientel zu Hause ist. Und dann gibt es noch die Etablierten der Kunstszene. Zum Beispiel die Galerie des Schirmer und Mosel-Verlages in den Hofgartenarkaden. Die Schwarz-Weiß-Fotos von Barbara Klemm brauchen im Grunde kein weiteres Marketing-Forum. Sie sind bekannt und vielleicht deshalb sieht man sie immer wieder gerne. Da ist der junge Joschka Fischer als Demonstrant an der Uni Frankfurt im Jahre 1968, Bilder vom Mauerfall und die Wahlnacht vom 22. September 2002 mit Inneneinsichten aus der Berliner SPD-Zentrale: Bundeskanzler Gerhard Schröder sitzt mit Frau und Parteigenossen an einem Tisch und stößt mit Rotwein auf den knappen Sieg an. Kurz vor den nächsten Bundestagswahlen könnten die Rotweinimpressionen von einst jetzt richtig Konjunktur bekommen.