Kayo Mpoyi: "Mai bedeutet Wasser"

Facettenreiche Familiengeschichte aus Afrika

05:57 Minuten
Buchcover von Kayo Mpoyis Roman "Mai bedeutet Wasser"
© Culturbooks

Kayo Mpoyi

übersetzt von Elke Ranzinger

Mai bedeutet WasserCulturebooks, Hamburg 2021

263 Seiten

20,00 Euro

Von Birgit Koß · 30.11.2021
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In ihrem preisgekrönten Debüt erzählt Kayo Mpoyi die Geschichte von Adi, einem Mädchen, das in Ostafrika mit rigiden Moralvorstellungen aufwächst. Der Roman handelt von der brutalen Kolonialisierung des Kongos, von Ahnenglauben und Legenden.
Protagonistin Adi wächst im Diplomatenviertel in Daressalam auf. Ihr Vater ist als Mathematiker bei der Botschaft beschäftigt und kommt ursprünglich aus Belgisch Kongo. Er treibt seine Kinder zum Lernen an. Dabei ist seine Erziehung geprägt von Verboten, Schlägen und rigiden Moralvorstellungen. Seine Frau schaut weg.

Mystische Geschichten der Ahnen

Adi ist sechs Jahre alt, als ihre jüngste Schwester Mai geboren wird. Das Baby ist kränklich und fordert die ganze Aufmerksamkeit der Mutter. Die ältere zwölfjährige Schwester Dina interessiert sich plötzlich nur noch für die Jungen aus der Nachbarschaft. Adi fühlt sich allein. Nur der Nachbar, Monsieur Éléphant, schenkt ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit bis hin zu sexuellem Missbrauch.
Auf magische Weise versucht Adi dann, mit ihrem Schuldgefühl zurechtzukommen. Das Mädchen fürchtet, wenn sie nicht ihrer kleinen Schwester Mai mystische Geschichten der Ahnen erzählt, müsse diese wegen Adis Sünden sterben.

Einblicke in die Geschichte des Kongos

Aus dieser Grundkonstellation entsteht über die Darstellung der Familiengeschichte und der Entwicklung Adis hinaus die poetische Kraft des Romans. Denn das Erzählen selbst ist es, das die Protagonistin benötigt, um aus ihrem Leid herauszufinden.
Indem die Autorin mit Hilfe einer weiteren Erzählperspektive Geschichten und Mythen der Vergangenheit einstreut, entsteht über die persönlichen Nöte Adis hinaus ein zeitgeschichtliches Panorama, das auf die Kolonialzeit zurückgeht. Die Erzählung verweist auf die brutale Eroberung der Belgier im Kongo und verknüpft die Geschichte mit dem Ahnenglauben der Menschen.
Die Einblicke in die Geschichte des Kongos stellt die Autorin im Stil der Erwachsenen dar. Dabei greift sie auf die Mythen und Legenden zurück, die sie aus ihrer eigenen Familie kennt. Somit entsteht ein Kontrast zur kindlichen Erzählweise, mit der Adi ihre kleine Welt um sich herum wahrnimmt und oft kaum versteht.

Konflikt zwischen Tradition und "Moderne"

Aus der Familiengeschichte erwächst ein innerer Konflikt zwischen althergebrachter Tradition und "Moderne". Adis Großvater kopiert die weiße Lebensweise. Am Ende der Kolonialzeit entfremdet sich die Familie dadurch von den Menschen ihrer Nachbarschaft, die sich für die Unabhängigkeit des Landes einsetzen.
Es gelingt der Autorin, weit mehr an schuldhaften Konflikten transparent zu machen, als die Perspektive des Kindes zulässt. Die besondere Geschichte des Kindes und der Familie wird auf spannende Weise mit Einblicken in Geschichte Zentralafrikas verbunden.
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