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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2013

Moskau als Hauptfigur

Andrew D. Miller: "Die eiskalte Jahreszeit der Liebe", Verlag S. Fischer, 288 Seiten

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Wir sind mitten im testosteron- und adrenalingeschwängerten Moskau der ersten Putin-Ära. (Stock.XCHNG / Peter Saddington)
Wir sind mitten im testosteron- und adrenalingeschwängerten Moskau der ersten Putin-Ära. (Stock.XCHNG / Peter Saddington)

Moskau ist der Akteur des Romans "Die eiskalte Jahreszeit der Liebe", der für den Booker Prize nominiert wurde. Da wird Wodka aus Flaschen getrunken, die wie Kalaschnikows geformt sind, Manschettenknöpfe haben die Form von Dollarscheinen. Der englische Autor Andrew D. Miller lebte einst als Korrespondent in der Kremlstadt.

"Snowdrops" lautet der Originaltitel dieses Debütromans, mit dem es der britische Journalist Andrew D. Miller auf Anhieb auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Wie ein Motto ist dem Text ein Wörterbucheintag vorangestellt. Snowdrop heißt auf englisch nämlich nicht nur Schneeglöckchen, im Moskauer Slang kann es auch eine Leiche sein, "die im Winterschnee vergraben oder versteckt liegt und erst bei Tauwetter zum Vorschein kommt". Und schon sind wir mittendrin im sinnlichen, zynischen, gewalttätigen, sexistischen, faszinierenden, korrupten, testosteron- und adrenalingeschwängerten Moskau der ersten Putin-Ära, aus dem A.D. Miller als Korrespondent für den "Economist" berichtet hat und in dem nun sein Romanprotagonist Nick Platt als britischer Anwalt Finanzgeschäfte koordiniert.

In der U Bahn begegnet Nick der schönen Mascha. Vielleicht hat er ihr einfach ein bisschen zu lang in die Augen geschaut. Dieses Moskau, weniger Schauplatz als Akteur des Romans, hat seine eigenen Gesetze. Keiner kennt sie alle, ein Ausländer schon gar nicht. Die Begegnung mit Mascha ist Anfang einer Liebesgeschichte, aber auch eines Krimis und eines Thrillers. Alle münden sie am Ende in eine literarische Erkundung des Ich, Selbsterkenntnisse eines Enddreißigers am Rande der Krise.

Mascha, meist in Begleitung einer undurchsichtigen Cousine, verstrickt Nick in einen Immobiliendeal. Nicks Kanzlei ist derweil mit einer ganz großen Finanztransaktion beschäftigt. Da wird Wodka aus Flaschen getrunken, die wie Kalaschnikows geformt sind, Manschettenknöpfe haben die Form von Dollarscheinen, und The Final Countdown ist ein beliebter Handyklingelton. Einer der Geschäftspartner verschwindet. Auch der Freund eines Nachbarn von Nick verschwindet. Manchmal verschwindet auch Mascha. Seit dem Blickkontakt in der U Bahn entwickeln die Dinge eine Dynamik, von der nicht klar ist, wer sie steuert. Nick ist es jedenfalls nicht.

Der Roman gibt sich als eine Art Generalbeichte, als Bericht des Erzählers für seine Braut kurz vor der Hochzeit. Diese intelligente Konstruktion erlaubt spannungssteigernde Vorgriffe ("Hass mich zumindest jetzt noch nicht") und selbstreflexive Passagen ("Man erfährt über den geliebten Menschen nichts Neues. Neues erfährt man nur über sich selbst"). Seltsam abgefedert erscheinen viele der Thrillerelemente und der zu ihnen gehörenden Härten in dieser Form des Erzählens. Vielleicht liegt das aber auch an der erstaunlichen moralischen Indifferenz, die der Ich-Erzähler an den Tag legt.

Es bleibt spannend bis zum Schluss. Die Geschichte ist elegant und pointiert, vielleicht manchmal etwas salopp erzählt und voller genauer, sensibler Beobachtungen. Und neben aller Spannung schält sich zunehmend heraus, was Millers eigentliche Themen sind: die Identitätskrise eines Mannes, der daran leidet, nicht mehr ganz jung zu sein, und das Bedürfnis, eine große, tiefe Liebe zu ergründen. Deren Gegenstand ist nicht Mascha, auch nicht die Verlobte. Man kann sich auch in einen Ort verlieben.

Besprochen von Hans v. Trotha

A.D. Miller: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe. Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
S. Fischer, Frankfurt am Main 2012
288 Seiten, 18,99 Euro

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