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Zeitfragen | Beitrag vom 30.12.2020

Mordfall Shlomo Lewin"Lehrbeispiel für den Umgang mit rechtem Terror"

Ronen Steinke im Gespräch mit Philipp Schnee

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Erlanger Doppelmordfall Levin/Poeschke:Polizisten schieben einen Sarg in einen Leichenwagen, 1980. (picture alliance/dpa)
Mordanschlag auf Shlomo Lewin und Frieda Poeschke: Die Behörden ermittelten zunächst im Umfeld der Opfer. (picture alliance/dpa)

Im Dezember 1980 ermordet ein Neonazi in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke. Ins historische Bewusstsein der Bundesrepublik ist der rechtsterroristische Anschlag kaum vorgedrungen - mit weitreichenden Folgen.

19. Dezember 1980: In Erlangen werden der Rabbiner Shlomo Lewin und Frieda Poeschke, seine Lebensgefährtin, von einem Neonazi ermordet. Die Medien berichten ausführlich. Heute ist diese antisemitische, rechtsterroristische Tat so gut wie vergessen.

Für den Journalisten Ronen Steinke (Süddeutsche Zeitung) ist sie ein Lehrbuchbeispiel für den Umgang mit Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik - und zwar darin, "wie Ermittlungsbehörden sich von Vorurteilen leiten lassen und diese Vorurteile dadurch nochmal bekräftigen und in die Gesellschaft hineintragen."

Die Ermittler hätten hier schon lernen können

Denn: Wie später beim NSU wühlen die Ermittler zunächst im Umfeld der Opfer - trotz Hinweise darauf, dass es sich um eine rechtsextreme Tat handelt. Sie verdächtigen Shlomo Lewin Agent des Mossad gewesen zu sein und vermuten Streitigkeiten in der jüdischen Gemeinde als Mordmotiv. Sie stellen das Mordopfer als ambivalente Persönlichkeit dar.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)"Die Lehren aus dem NSU, dass die Ermittler lieber steile Thesen über Migranten aufstellen als offensichtliche Spuren in die Neonazi-Szene zu verfolgen, das alles hätte man schon aus dem Mord an Shlomo Lewin und Frieda Poeschke lernen können", sagt dazu Ronen Steinke.

Die lange Tradition des rechten Terrors

Klar ist: Das Wort "Terrorismus" ist in Deutschland in erster Linie mit den Taten der RAF und mit dem islamistischem Terror verknüpft. Dazu Steinke:

"Wir haben in Deutschland eine sehr verbreitete Tendenz bei politischer Gewalt gegen Mächtige und Vertreter des Staates sehr schnell und sehr klar von Terror zu sprechen und das als Angriff auf das Kollektiv zu erinnern. Gleichzeitg ist man sehr zurückhaltend mit den Worten, wenn es um politische Gewalt gegen die Ohnmächtigen geht, gegen die Marginalisierten, die Minderheiten."

"Das größte Problem der Bundesrepublik"

Dass der rechtsextreme Terror in der Bundesrepublik ebenfalls eine lange Tradition hat, wurde lange Zeit so nicht benannt und somit auch kaum erinnert.

Das Jahr 1980 kann als Terrorjahr der extremen Rechten angesehen werden: Im selben Jahr wurden die "Deutschen Aktionsgruppen" verhaftet, die zwei Menschen ermordet hatten. Wenige Wochen später fand in München der Anschlag aufs Oktoberfest statt - auch hier war der Täter ein Rechtsextremist, auch hier taten sich die Behörden schwer, den Sachverhalt aufzuarbeiten

"Dass der rechte Terror alles überlagert und mit Abstand größte Problem ist in der Republik, das ist so ein bisschen versandet."

Literaturhinweis
Ronen Steinke: "Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt"
Piper Verlag, München 2020
256 Seiten, 18 Euro

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