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Studio 9 | Beitrag vom 11.02.2021

Mordanschlag in HanauAngehörige sind "fassungslos" über das Schweigen der Polizei

Von Ludger Fittkau

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Armin und Dijana Kurtović mit einem Foto ihres ermordeten Sohns Hamza (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Armin und Dijana Kurtović haben ihren Sohn Hamza 2020 bei dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau verloren. (*) (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Die Ermittlungen des Generalbundesanwaltes zu dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau laufen noch. Deshalb hat die hessische Polizei bisher nicht mit den Angehörigen der Opfer gesprochen. Die Familie Kurtović ist darüber entsetzt.

Ajla Kurtović würde gerne einmal mit der hessischen Polizei sprechen. Seit einem Jahr versucht die Schwester des am 19. Februar 2020 ermordeten Hamza Kurtović nämlich, mehr über das Geschehen in der Tatnacht zu erfahren. Doch bisher schweigt die örtliche Polizei.

Man verweist auf das laufende Verfahren, das der Generalbundesanwalt an sich gezogen hat. Erst nach dem Abschluss der Ermittlungen sollen die Fragen beantwortet werden, die Ajla Kurtović und die anderen Hinterbliebenen der neun Mordopfer von Hanau haben. Für die Angehörigen ist das schwer erträglich.

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Das machte die 25 Jahre alte Ajla Kurtović bei einer Online-Pressekonferenz des Mediendienstes Integration deutlich:

"Ich kann schon sagen, dass ich ziemlich kritisiere, dass bis heute immer noch keinerlei Termin mit der Polizei stattgefunden hat und dass da keinerlei Verantwortung übernommen wird. Das macht mich fassungslos. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll."

Der Mann mit dem Sturmgewehr

Denn es gibt viele drängende Fragen, betont Ajla Kurtović. Auch Fragen zu Ereignissen, die zeitlich weit vor dem Attentat im letzten Jahr liegen. Der Täter von Hanau lebte im Stadtteil Hanau-Kesselstadt, nicht weit vom zweiten Tatort des Attentates entfernt. Ajla Kurtović berichtet von einem Vorfall in Kesselstadt, der sich schon 2017 ereignete:

"Wo Jugendliche von einem Mann mit einem Sturmgewehr bedroht worden waren, wo auch die Polizei vor Ort war, aber die Jugendlichen einfach nicht ernst genommen wurden."

War der Mann mit dem Sturmgewehr der spätere Mörder von Hanau? Das fragen sich in der Stadt seit langem viele.

"Wenn es der Täter nicht war, wer war es dann", fragt Ajla Kurtović. "Ich weiß dann manchmal nicht, welche Erkenntnis wäre denn schlimmer? Ist die Erkenntnis schlimmer, dass es der Täter war und er nicht aufgehalten worden ist? Oder die Erkenntnis, dass er es nicht war und jemand anders läuft da draußen herum?"

Fragen zu einer weiteren erschreckenden Geschichte

Dann würde Ajla Kurtović die Behörden gerne auch nach einer anderen erschreckenden Geschichte fragen, von der die Angehörigen bisher nur aus den Medien wissen. Es geht um eine Reise des Attentäters ins benachbarte Ausland – zu Schießübungen mit ehemaligen Soldaten.

"Was hat es mit der Slowakei-Reise auf sich? Kann es wirklich sein, dass jemand bei einem Gefechtstraining mit Ex-Elitesoldaten teilnimmt, ohne dass die Bundesrepublik Deutschland davon etwas mitbekommt? Das sind schon jede Menge Fragen. Das sind sehr viele Fragen, auch zum Polizeiverhalten, auch zum Thema Obduktion. Was war nach der Tatnacht, warum hat es so lange gedauert nach der Tat, bis wir meinen Bruder sehen konnten?"

Eine Woche habe es nämlich gedauert, so Ajla Kurtović. Für die Familie sei das eine fast unmenschliche Belastung gewesen.

Anklage wegen rassistischer Beleidigung

Überdies wurde heute bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Hanau den Vater des Attentäters vom 19. Februar 2020 wegen rassistischer Beleidigung angeklagt hat. Der 73 Jahre alte Hans-Gerd R. soll am Rande einer Mahnwache der Initiative 19. Februar Hanau, die Ende 2020 vor seinem Haus in Hanau-Kesselstadt stattfand, Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung als "wilde Fremde" bezeichnet haben.

Die Mahnwache, an der vor allem Überlebende des Mordanschlags seines Sohnes, Hinterbliebene der neun Opfer sowie Nachbarn teilgenommen hatten, richtete sich unter anderem gegen die Forderung von Hans-Gerd R., ihm die Waffen seines Sohnes zurückzugeben.

Hans-Gerd R. hatte zuvor in einem Brief an den Generalbundesanwalt davon gesprochen, dass die Rechte "seines Landes und seiner Familie" verletzt worden seien. Eine "Wiederherstellung" dieser Rechte, so der Vater des Mörders von Hanau, werde "mehrere Menschenleben einfordern".

Diese Äußerungen waren von vielen Hanauerinnen und Hanauern als konkrete Morddrohung wahrgenommen worden und hatten zur Mahnwache vor seinem Haus geführt. Opfer-Angehörige vermuten, dass Hans-Gerd R. der "geistige Brandstifter des Terroranschlags" ist.

"Es wird nur etwas gemacht, weil der Druck groß ist"

Ajla Kurtović kritisiert, dass auch in diesem Fall die Behörden so spät aktiv werden und erst nach einer Strafanzeige der Angehörigen:

"Ich finde die Situation an sich sehr schwierig. Ich hätte mir gewünscht, dass da viel mehr gemacht wird. Weil der Vater – das wurde ja im Dezember durch den 'Spiegel' bekannt – hat sich ja nach der Tat sehr rassistisch und sehr provokant geäußert. Ich hätte mir von der Staatsanwaltschaft gewünscht, dass die von Amts wegen ermitteln oder dass wir zumindest informiert werden, wie der Vater tickt. Ich glaube, momentan wird da nur etwas gemacht, weil der öffentliche Druck so groß ist."

*Redaktioneller Hinweis: Ein Name wurde korrigiert.

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