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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.07.2009

Moralische Bildung durch Gesinnungsunterricht?

Geschichtsbilder in der Schule

Von Heribert Seifert

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Der Staat gibt viel Geld im Kampf gegen den Rechtsextremismus aus (hier ein mit Nazi-Symbolen beschmiertes jüdisches Mahnmal) (AP)
Der Staat gibt viel Geld im Kampf gegen den Rechtsextremismus aus (hier ein mit Nazi-Symbolen beschmiertes jüdisches Mahnmal) (AP)

Im "Kampf gegen rechts" wenden Staat und Gesellschaft beträchtliche Mittel auf. Allein das Bundesprogramm "Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" ist mit rund 20 Millionen Euro jährlich dotiert. Im Geschichtsunterricht nimmt der Nationalsozialismus breiten Raum ein.

Erstaunlich ist, dass bei der öffentlichen Erörterung der Wirksamkeit oder Unwirksamkeit dieser zur deutschen Staatsräson erklärten Anstrengung so wenig über Formen und Inhalte nachgedacht wird. Lieber verlangt man mehr vom Immergleichen, als dass man kritisch prüft, mit welchen Mitteln der Kampf gegen das braune Böse geführt wird. Vor allem die Schulen hätten allen Grund, ihr einschlägiges Engagement nachdenklicher zu reflektieren.

Denn wenn es um die Beschäftigung mit historischen und aktuellen Formen rechtsextremistischen Denkens und Handelns geht, dann suspendieren Lehrer oft gerade die Prinzipien, die sonst zu den Mantras zeitgenössischer Pädagogik zählen. Während dort das "entdeckende Lernen" und das selbständige Erkunden von Sachverhalten als Merkmale modernen Unterrichts gelten, sind bei diesem Thema der jugendlichen Entdeckerfreude enge Grenzen gesetzt. Der Stoff ist nach sehr strikt definierten Normen vergangenheitspolitischer Korrektheit aufbereitet.

So erscheint zum Beispiel in einem Geschichtsbuch für die Oberstufe die europäische Aussenpolitik zwischen 1933 und 1939 nur als Spielwiese Hitlerschen Machtwahns. Die bei anderen Epochen übliche Darstellung komplexer Wechselverhältnisse zwischen der Politik rivalisierender Mächte ist hier zugunsten einer eindimensionalen Präsentation aufgegeben. Auch herrscht im Unterricht oft ein moralischer Überdruck, der auf Bekenntnis setzt und jedes Zeichen von Distanz rasch als Indiz für extremistische Infektion wertet. Als sich zum Beispiel zwei 15-jährige Mädchen weigerten, am symbolischen Protestmarsch teilzunehmen, den die Leiterin einer Schule im Ruhrgebiet ohne konkreten Anlass für ihre ganze Schule angesetzt hatte, wurden sie an den Pranger gestellt.

Methodisch setzt die beliebte Einladung von NS-Opfern als Zeitzeugen ganz auf Emotionalisierung und vernachlässigt die notwendige Quellenkritik. Der Versuch, das Denken und Handeln durchschnittlicher Zeitgenossen der NS-Herrschaft zu verstehen, tritt zurück hinter die Forderung, das heutige Urteil über jene Epoche zu übernehmen. Widerspruch, kritische Nachfragen oder gar abweichendes Denken auf Seiten der Schüler sind offenbar unerwünscht, obwohl man doch wissen müsste, dass solcher Unterricht schon aus entwicklungspsychologischen Gründen Unbehagen erzeugen kann.

Selbst Lehrer sind verunsichert. So erkundigte sich jüngst ein Lehramtsanwärter verschreckt bei seinem Ausbilder, ob er im Geschichtsunterricht überhaupt Texte von Hitler behandeln dürfe, die Kollegen hätten ihm dringend davon abgeraten.

Die Folge ist, dass der Nationalsozialismus den Schülern viel zu oft als Pflichtprogramm begegnet, in dem es wenig zu fragen gibt. Es ist ein Unterrichtsgegenstand, der sich vor allem zum Transport eines ein für allemal fixierten und in Teilen sogar strafbewehrten Geschichtsbildes eignet. Denkt man daran, dass künftig immer mehr Schüler aus Einwanderermilieus stammen werden, denen der spezifisch deutsche Zugang zum Thema fehlt, so wird der Mangel einer solchen historisch-politischen Erziehung noch deutlicher.

Das ist kaum eine günstige Voraussetzung für Neugier und engagiertes Lernen. Moralisches Urteilsvermögen bei Jugendlichen bildet sich nicht im Gesinnungsunterricht. "Es ist ein Irrtum, dass man eine Dummheit nur durch eine Klugheit widerlegen kann", heißt es bei Bertolt Brecht in einer der ‚Geschichten vom Herrn K.’ Gegen die Propaganda der kanonisierten Gewissheiten setzt dieser den Kunstgriff, eine "Liste der Fragen, die uns ganz ungelöst erscheinen", zum Ausgangspunkt von Aufklärung zu machen. Soll der Unterricht über den Nationalsozialismus nicht formelhaft erstarren, so wird man wohl den Mut zu einem solchen Konzept haben müssen.


Heribert Seifert, geboren 1948 in Dorsten/Westfalen, ist Lehrer und freier Publizist.

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