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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2009

Money, Money, Money

Niall Ferguson: "Der Aufstieg des Geldes", Econ Verlag 2009, 367 Seiten

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Stapel von Münzen (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Stapel von Münzen (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Gier, Betrug und Dummheit - das sind für Niall Ferguson die Ursachen für die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise. In seinem Buch "Der Aufstieg des Geldes" erklärt der britische Historiker, wie sich seit der Frühgeschichte das Geld- und Finanzwesen entwickelt hat.

Wenn der britische Historiker Niall Ferguson, Jahrgang 1964, Bücher schreibt, sorgt er für Aufsehen. Die "Times" erklärte ihn zum "brillantesten Historiker seiner Generation", die "Welt" zu einem der "originellsten zeitgenössischen Historiker".

Niall Ferguson unterrichtet als Professor an der Harvard Universität; er gilt sowohl als Spezialist für das Zeitalter des Imperialismus als auch im Besonderen als Spezialist für Wirtschafts- und Finanzgeschichte. "Der Aufstieg des Geldes – Die Währung der Geschichte", so heißt denn auch Fergusons neues Buch, eine Geschichte des Geld- und Finanzwesens von der frühgeschichtlichen Tauschgesellschaft bis zum Vorabend des aktuellen Bankencrashs; die Originalausgabe erschien im Juni 2008.

Ferguson geht chronologisch vor, galoppiert zunächst einmal durch Frühgeschichte und Antike, von mesopotamischen Keilschrifttafeln zu Griechen und Römern - grundsätzlich wie das ganze Buch immer äußerst lebendig, pittoresk und detailreich von Ferguson erzählt. Mit der sogenannten Neuzeit, ab der Renaissance nehmen Geschichte und Autor Fahrt auf; die modernen Formen des Finanzwesens entwickeln sich: Papiergeld, Großbanken, Börsen und damit auch die ersten Finanz- beziehungsweise Spekulationskatastrophen durch Finanzhaie. Die zweite Hälfte des Buches widmet Ferguson dem 20. Jahrhundert, unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung des Finanzmarktes in den letzten 40 Jahren, die, so Ferguson, zielstrebig auf das zusteuerte, was wir heute als Finanzkrise erleben. Ein Gänsehautgefühl beschleicht den Leser, wenn er Fergusons schwarze Prophezeiungen aus dem Juni 2008 liest.

Als Ursachen des Crashs nennt Ferguson Gier, Betrug und Dummheit. Gierig seien all jene gewesen, die an Finanzspekulationen beteiligt waren, Banker wie Anleger. Dumm seien allein die Anleger gewesen, die sich bis zum letzten Moment hätten weismachen lassen, es könne nichts passieren.

Die Banker hingegen seien mit Sicherheit nicht dumm gewesen, was die Frage in den Raum stelle, ob die Grenze zum Betrug willentlich überschritten worden sei. Betrug oder Massenwahn?

Im Jahr 1997 ging der Nobelpreis für Wirtschaft an zwei Finanzexperten, die eine mathematische Zauberformel erfunden haben wollten, die jede Börsen- und Finanzspekulation risikofrei machen sollte. 1998 waren sie pleite.

"Der Aufstieg des Geldes" ist, was Information und Details betrifft, eine überbordende Fundgrube, gebannt allerdings durch Fergusons Fähigkeit, effektvoll und pointensicher zu schreiben. Bevor man ermüdet, weckt den Leser der nächste Schock. Natürlich kostet der Blick hinter die Kulissen unser heutigen Finanzwelt bis zum Crash auch Geduld; bis ins Kleinste erklärt Ferguson die mathematischen Zauberkunststückchen und die Geheimsprache der Finanzmanager: Fonds, Hedgefonds, swaps, Subprime-Hypotheken, Derivate usw. – ein und dieselbe Worthülse für "Risiko".

"Der Aufstieg des Geldes" ist ein herausragendes Buch, atemberaubend und einmalig der wissenschaftliche Blick hinter die Kulissen - sozusagen die Lehman-Brüder nackt backstage erwischt.

Nichtsdestotrotz ist "Der Aufstieg des Geldes" auch ein Buch mit Makeln, manchmal thematisch unstrukturiert, manchmal in Sackgassen endend, manchmal mit zu viel Hollywood, und manchmal auch einfach entsetzlich ärgerlich, wenn Ferguson zum Beispiel den Militärputsch in Chile 1973 als Rettung des Landes vor dem Kommunismus bezeichnet. Wie auch immer, "Der Aufstieg des Geldes" ist ein leidenschaftlich zynisches Buch; der Leser mag das Gefühl haben, der Autor würde für einen Witz - auch für einen schlechten - seine Großmutter verkaufen.

Fassen wir zusammen: "Der Aufstieg des Geldes" bietet eine brillante wie gnadenlose und schockierende Analyse des gegenwärtigen Finanzskandals; gleichsam zieht Ferguson keine Schlüsse daraus. Er beschreibt die Krise als etwas Vom- Himmel-Gefallenes. Ferguson benutzt gerne Wörter wie "Menschheit" und "wir" und "uns". Finanzcrashs würden der Menschheit beziehungsweise uns nur einen Spiegel für unsere Dummheit vorhalten. Ferguson nennt zwar die Reiter - er outet betrügerische Bankmanager als kriminelle Mafia -, aber er vergisst, sich nach unserer Oma in Recklinghausen zu erkundigen, deren Altersvorsorge bei den Lehman Brothers verschwunden ist.

"Der Aufstieg des Geldes" ist ein enorm pikantes Buch, weil es von der Wirklichkeit überrollt worden ist. Das ist besser als Stephen King.

Besprochen von Lutz Bunk

Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes - Die Währung der Geschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt
Econ Verlag 2009
367 Seiten, 24,90 Euro

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