Molly Keane: "Das gute Benehmen"

Vornehm geht die Welt zugrunde

06:59 Minuten
Buchcover von Molly Keanes Roman "Das gute Benehmen"
© Kjona Verlag

Molly Keane

Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Das gute BenehmenKjona Verlag, München 2026

336 Seiten

26,00 Euro

Von Julia Schröder |
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Um jeden Preis den Schein wahren, auch wenn das Geld alle ist und eigentlich jeder kreuzunglücklich ist: Molly Keanes später Roman porträtiert eine mitleiderregend unsympathische Heldin und eine untergehende Klasse.
Hier stimmt etwas nicht, das merkt man auf den ersten Seiten. Die betagte Mutter der 57-jährigen Aroon St Charles verscheidet plötzlich, und die unverheiratete Tochter wird von der Haushälterin bezichtigt, den Tod der alten Dame verschuldet zu haben – mit einer ekligen Kaninchenmousse im Besonderen und ihrem übergriffigen Verhalten im Allgemeinen. Was sie weit von sich weist, denn "ich weiß, wie man sich benimmt, das weiß ich wirklich – glauben Sie mir. Ich habe es immer gewusst. Mein Leben lang habe ich alles aus den besten Gründen und selbstlosesten Motiven getan. Ich habe für die Menschen gelebt, die mir die liebsten sind, und es ist mir schleierhaft, warum ihr Leben bisweilen so verblüffend unglücklich war. [...] Was ist nur mit uns geschehen? Wenn ich über alle Schatten hinweg auf die schwierigen wie die herrlichen Zeiten unserer Jugend zurückblicke, vielleicht verstehe ich es dann besser.“

 Gefühle sind nichts, das Dekorum ist alles

Nach diesem Auftakt begibt sich der Roman „Das gute Benehmen“ der Irin Molly Keane ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Zeit zwischen dem Großen Krieg und der Großen Depression ist die Jugendzeit der Heldin wie der 1904 geborenen Autorin, und es ist die untergehende Welt der anglo-irischen Gentry, in der Keane selbst aufgewachsen ist: eine Welt der Ausritte und Jagdbälle, der gingetränkten Dämmerstunden und schlecht geheizten Landsitze, in denen eine ehedem glanzvolle Klasse unaufhaltsam verarmt. Die Gentlemen trösten sich mit Alkohol und Affären, was die Ladys ebenso eisern ignorieren wie die ungewollten Schwangerschaften ihrer Bediensteten, die Seelennöte ihrer Kinder und die Geldnöte, die mit dem Leben auf zu großem Fuße einhergehen.
Auch in Temple Alice, dem "Big House" der Familie St Charles, ist eines wichtiger als alles andere: das sogenannte gute Benehmen. Was bedeutet, dass in jeder Lebenslage das Dekorum – das Schickliche – gewahrt bleibt und keine wirklich menschliche Regung, sei es Liebe, Trauer, Wut oder Sehnsucht, gezeigt oder gar ausgesprochen werden darf.
Das Ungesagte als oberstes moralisches Prinzip – Keane macht es zum beherrschenden formalen Charakteristikum ihres Romans. Nicht etwa in Gestalt von Wortkargheit, sondern als Drumherum-Erzählen. Während im Gesamtbild unbehagliche Lücken klaffen, werden lustvoll Details beschrieben und häufig mit kreatürlicher Erotik aufgeladen:
"Die Männer waren in diesen geheimnisvollen Wäldern die Blumen, gepflegt und orchideenhaft in ihren Jägerjacken mit den hellen Aufschlägen und Krägen, dünnen goldenen Uhrketten über flachen Bäuchen, weißen Fliegen, so akkurat wie zwei Flügel am Rücken eines kleinen Vogels, langen Beinen, schwarz wie Frauenschuhstiele, die Hände manchmal in Handschuhen, der Blick in die Ferne gerichtet, als beschäftigte sie noch immer der Fuchs, der sich aus seinem Versteck schleicht."

Eine unzuverlässige Zeugin eigener Art

Die zurückblickende Ich-Erzählerin schildert in ihrem Selbstporträt als junge Frau eine Mitleid erregend täppische Außenseiterin. Für das androgyne Charleston-Ideal wie für die Liebe ihrer fragil-monströsen Mutter ist sie zu groß, zu dick, zu vollbusig – und dabei berechnend und grundunsympathisch, wie im Übrigen sämtliche Figuren dieses Romans. Aroon ist eine unzuverlässige Zeugin eigener Art. Was vor ihren Augen geschieht und was ihr angetan wird, nimmt sie zwar wahr und kommentiert es spitzzüngig, die Niederlagen und Zurückweisungen aber beschönigt sie gewohnheitsmäßig. Der tatsächliche Sinn vieler Vorgänge, die sie beobachtet, erschließt sich erst im Nachhinein, die wesentlichen Dinge muss man sich lesend selbst zusammenreimen.
So will die kleine Aroon nicht wahrhaben, was genau ihr verehrter Vater mit ihrer warmherzig-schwärmerischen Gouvernante gemacht hat, bevor die sich in der Irischen See ertränkt. Später, als verhinderte Debütantin, begreift sie ebenso wenig, wie ihr charmanter Bruder Hubert und sein gutaussehender Freund Richard sie benutzen, um ihr homosexuelles Verhältnis zu tarnen. Vielmehr fantasiert sie sich in ein geheimes Verlöbnis hinein – eine Seifenblase, die just am Tag der Beerdigung des Vaters platzt.
Dieser Tag einer weiteren, ihrer größten Demütigung wird jedoch zum Wendepunkt. Rache ist, wie eine gute Kaninchenmousse, bekanntlich ein Gericht, das man am besten kalt genießt – und genau das, so legen es die letzten Sätze des Romans nahe, wird Aroon St Charles in den kommenden Jahrzehnten tun.  

Wer das liest, wird eingewickelt

Der Roman "The Good Behaviour" ist bereits Anfang der Neunziger unter dem Titel "Eine böse Geschichte" auf Deutsch erschienen. Ein Titel, der seine Hauptqualität betont: den bösen Blick hinter einer zunächst harmlos anmutenden Erzähloberfläche.
Zur geschmeidigen Neuübersetzung von Bettina Abarbanell bringt der Verlag ein Vorwort der feministischen Influencerin Tara-Louise Wittwer. Abgesehen von der irritierenden Bekundung, das Buch habe etwas in ihrem Gehirn "nachhaltig verändert", hebt Wittwer auf die Heldin als "unlikeable female character" ab, die "Frau, die nicht gemocht wird", und macht sie zu einer Vorgängerin postpatriarchaler Heldinnen in der Popkultur unserer Tage.
Das greift auf etwas gönnerhafte Weise zu kurz, schließlich zeichnen sich durch unlikeable female characters sämtliche literarischen Größen aus, auf deren Schultern sich Keane mit ihrem Roman stellt, von Jane Austen über Henry James bis zum namentlich erwähnten Michael Arlen, dessen Zwanzigerjahre-Klassiker "The Green Hat" die Autorin ironisch Reverenz erweist. Und ist nicht schon c eigensinnige Heldin Jane Eyre ziemlich "unlikeable"?
Es ist dieser Strang der englischsprachigen Literatur, in den sich die 77-jährige Molly Keane 1981 einschrieb, nach einem zwei Jahrzehnte währenden Writer’s Block – selbstbewusst und mit einem grausamen Raffinement, das seine Leser einwickelt, bis an ein Entkommen nicht mehr zu denken ist.
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