Da schreibt ein Mann mit leiser Verzweiflung. Schreibt nüchtern, besonnen und doch mit der gebotenen Dringlichkeit. Seit über 30 Jahren tut er das. Elf Bücher hat er über die Klimakrise geschrieben. Seit 50 Jahren forscht er über die Ozeane, die Atmosphäre, über das Wetter und darüber, wie alles miteinander zusammenhängt. Mit seinem zwölften Buch – über Wasser als das bedrohte Element – konfrontiert Mojib Latif uns mit den haarsträubenden Realitäten der globalen Wassernutzung.
Die ersten Kapitel seines Buches können Leser ermüden, die mit der Chemie auf Kriegsfuß stehen. Aber es sind Erklärkapitel mit H2O-Basiswissen, leicht zu verstehen wie das ganze Buch.
Dürre und Klimakrimi: Die harten Fakten
Dann geht’s um harte Fakten. Latif zeigt in seiner Bestandsaufnahme, wie wir drauf und dran sind, die für uns lebenswichtigste Ressource Wasser zu vernichten. Das ist atemberaubend, ein Klimakrimi. Die Mitwirkenden sind: Unternehmen, Regierungen und Touristen, als Vergnügungsreisende, in wasserarmen Ländern. Latif fasst die Wucht seiner Faktensammlung selbst so zusammen:
Das ist der Stoff, aus dem Katastrophenfilme sind.
Aus Mojib Latif: „Wasser"
So schildert er, wie Flüsse in Südtexas bei einer Regenkatastrophe rasch anschwellen: Der Guadalupe River stieg in 45 Minuten um unfassbare acht Meter. Ein Beispiel für die schreckliche Wucht des Wassers. Hierzulande haben wir sie im Ahrtal kennengelernt. Und rasch wieder vergessen.
Latif listet schlicht auf, wie Menschen sich das Wasser dienstbar machen und welche Folgen das hat. Es ist ein Buch gegen das Vergessen. Eine Abrechnung mit dem Leichtsinn der Menschen, vor allem in den letzten Jahrzehnten, als wir längst schon um die Konsequenzen wussten.
Wir beobachten seit Jahren, dass die Kontinente großflächig austrocknen und dass riesige zusammenhängende Trockengebiete entstehen. Stoppen wir den Klimawandel nicht, werden wir in den kommenden Jahrzehnten einen weiter zunehmenden Trinkwassermangel auf der Welt erleben.
Aus Mojib Latif: „Wasser"
Trockenheit weltweit: Der Colorado River versiegt
Hier nur einige seiner Beispiele dafür, wie weit wir es weltweit schon gebracht haben mit der Wasservernichtung.
Eine wachsende Zahl großer Flüsse erreicht heute nicht mehr das Meer oder fällt zeitweise während des Jahres trocken, auch in den USA. Ein prominentes Beispiel für den Rückgang der Wasserfracht in Flüssen ist der Colorado River. Die Wassermenge, die der gut zweitausend Kilometer lange Colorado River transportiert, ist um zwanzig Prozent zurückgegangen. Großstädte wie Las Vegas, Los Angeles, Denver und Phoenix können ohne sein Wasser nicht existieren.
Aus Mojib Latif: „Wasser"
Nicht genug damit. Der weiter sinkende Pegel verringert auch die Stromerzeugung des zugehörigen Hoover-Staudamms. Zu wenig Wasser - kein Strom mehr, das ist die Perspektive.
Doch der Irrsinn geht weiter. Schon wird das Grundwasser wahllos angezapft. Wilde Wasserentnahme, zitiert Latif einen Experten. Die Folge ist absehbar: In 20 Jahren könnte in Wüstenstädten wie Phoenix und Las Vegas das Wasser versiegt sein – das im gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Man mag sich gar nicht vorstellen, was der Verlust des Trinkwassers für die politische und gesellschaftliche Stabilität bedeuten würde. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an soziale Spannungen, den Zusammenhalt in der Gesellschaft und das Aufkommen autokratischer Tendenzen.
Aus Mojib Latif: „Wasser"
Es geht weiter mit Beispielen unseres kurzsichtigen Raubbaus in Richtung Wasserbankrott, wie gesagt, mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers bei seinem prüfenden Blick auf das Geschehen rundum: auf Staudammprojekte in Asien und Afrika.
Verschmutzung und Plastik: Wenn Trinkwasser knapp wird
Wasser wird zur Waffe, für geostrategisches Kräftemessen zwischen Nachbarn. Latif richtet den Blick auf die bedenkenlose Verschmutzung von Trinkwasser, Grundwasser und der Ozeane. Stichworte sind: Nitrat, Abwasser, PFAS, Medikamentenreste und Plastik und Erdöl – alles das landet im großen Wasserkreislauf unseres blauen, einzigartigen, paradiesisch schönen Planeten, bei uns und überall. Die jüngste Entwicklung, den rasend schnellen Ausbau von Rechenzentren für die künstliche Intelligenz mit ihrem exorbitanten Wasserdurst, hat Latif dabei nicht einmal erwähnt.
Wasserknappheit in Deutschland: Verlust in Bodensee-Größe
Auch für Deutschland mahnt er ein vorausschauendes Wassermanagement an. Klärwerke müssten dringend eine vierte Reinigungsstufe zubauen. Was Millionen kostet. Weil die Politik uns keine Vorsorge auferlegt, keinen Verzicht abverlangt. Wir verschmutzen nicht nur unser kostbares Wasser, auch bei uns wird Wasser knapp. Deutschland liegt in einer der Megaaustrocknungsregionen auf der Nordhalbkugel.
Deutschland hat seit der Jahrtausendwende im Schnitt ungefähr zwei Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr verloren, über den gesamten Zeitraum etwa die Menge des gesamten Bodenseewassers.
Aus Mojib Latif: „Wasser"
Die Fülle der Beispiele, mit denen Mojib Latif uns die katastrophale Lage beim Wasser vor Augen führt, muss alarmieren. Latif schreibt dagegen an, dass dieser schleichende Prozess übersehen oder verharmlost wird, der Prozess der verantwortungslosen, finalen Ausbeutung unseres Lebensspenders Wasser.
Und nun? Welchen Ausweg weist der Wissenschaftler nach 50 Jahren der Forschung?
Angesichts der Fakten und Zahlen sehen Sie mich ein Stück weit ratlos. Auch wenn Deutschland oder Europa die globalen Umweltprobleme nicht alleine werden lösen können, sollten wir zumindest vor unserer eigenen Haustür kehren und wenigstens das tun, was in unseren Händen liegt. Wir wären in der Lage, unsere eigenen Trinkwasserreserven besser zu schützen. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie unsere Wasserreserven schwinden.
Aus Mojib Latif: „Wasser"