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Im Gespräch | Beitrag vom 29.07.2020

Modedesigner Jürgen Michaelsen alias Yorn"Wir Couturiers lieben eine gewisse Harmonie”

Moderation: Gisela Steinhauer

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Designer Yorn mit Model Norka beim Anprobieren. (imago images / ZUMA/Keystone)
Paris 1965: Designer Yorn mit Model Norka. (imago images / ZUMA/Keystone)

Jürgen, diesen Namen kann außerhalb des deutschen Sprachraums wohl niemand aussprechen. So nannte Christian Dior seinen jungen Assistenten Jürgen Michaelsen einfach Yorn - ein Name, unter dem dieser in der Modewelt eine beachtliche Karriere machte.

"Das professionelle Auge sieht als erstes die Silhouette und was die Kleidung ausdrückt", sagt der Modedesigner Yorn alias Jürgen Michaelsen. Es sei zwar nicht das Wichtigste, aber egal ist es ihm auf keinen Fall, wie sein Gegenüber aussieht: "Wir Couturiers lieben eine gewisse Harmonie." Wenn jemand in seinen Augen "vulgär" gekleidet sei, störe das seinen Blick und damit auch sein Empfinden für einen Menschen. Vulgär findet er zum Beispiel den "Trend der heutigen Zeit", zu viel Haut zu zeigen. Das sieht er auch in seiner Wahlheimat, der Provence: "Die Touristen, die hier vorbeikommen, sind kaum bekleidet und ich finde, das ist schlechter Geschmack."

Nach dem Abi zu Dior

Wenn er nicht gerade in der Provence ist, trifft man Yorn wahrscheinlich entweder in Paris oder in der Normandie an, wo er ebenfalls ein Haus bewohnt. Frankreich ist er treu geblieben, seit er 1956 als 20-Jähriger dorthin kam und Christian Dior einige Modezeichnungen zeigte. Er war aus Bremen nach Paris, der Stadt der Mode gekommen und wusste sofort: "Hier will ich bleiben. Das ist meine Welt."

Anders als viele andere Große der Branche, machte er damals keine Schneiderlehre. "Das einzige Talent, was ich hatte, war ein Talent zum Zeichnen." Dass Dior dieses Talent erkannte und zufällig gleichzeitig auch noch eine Assistenten-Stelle bei dem Star-Designer frei wurde, war ein großes Glück für Yorn, der damals noch Jürgen Michaelsen hieß. Dior war allerdings klar, dass aus ihm mit dem Namen Jürgen in der Modewelt nicht viel werden würde. "Ich taufe Sie um auf Yorn", meinte er, "Ihre nordische Herkunft muss man ja irgendwie berücksichtigen." Diesen Namen nahm Michaelsen mit Freuden an und trägt ihn noch heute: "Ich fand das fabelhaft."

"Ich wollte nie berühmt sein"

Das Glück schien dem Couturier von Anfang an treu zu sein. Nicht nur, dass er so jung zu Dior kam – "ich habe nie erfahren, warum er mich engagiert hatte" – auch seine erste Haute-Couture Kollektion war ein voller Erfolg. Dennoch war er danach fast pleite. Die finanzielle Misere konnte er aber durch einen Exklusiv-Vertrag mit dem Kaufhaus Karstadt abfedern. Er designte, und die Kaufhauskette verkaufte über Jahrzehnte seine Mode.

Das eigene Haute-Couture-Haus lief bis in die 70er-Jahre weiter. Bis in diese Zeit reicht auch seine Autobiographie "Gast im Glück", die jetzt, illustriert von Jean-Jacques Sempé, erscheint. Danach entwarf Yorn – nicht minder glücklich – mit den Mitarbeitern seines Styling-Büros Mode für andere Häuser weltweit. "Ich wollte nie berühmt sein", sagt der mittlerweile 85-Jährige, Erfolg haben ja, aber bitte keinen Ruhm. "Das ist mir gelungen." So hat er es geschafft, auf dem Boden zu bleiben, und nicht, wie manch anderer Designer in seinem Umfeld, vom kreativen Stress ständig neuer Kollektionen in die Alkohol- oder Drogensucht getrieben zu werden.

Abgesehen von der Kleidung gibt es inzwischen auch ein Olivenöl, das den Namen Yorn trägt – vom eigenen Hain in der Provence: "60 Liter – aber nur für den Hausgebrauch und für Freunde".

(mah)

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