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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 12.02.2017

Mixed-Wettbewerbe im TrendEin bisschen Geschlechterkampf ist immer dabei

Von Günter Herkel

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Die deutschen Biathleten Franziska Hildebrand und Erik Lesser fahren am 27.12.2014 bei der 13. Biathlon-World-Team-Challenge (WTC) in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen). Erneut treten beim WTC auf Schalke zehn gemischte Zweierteams aus verschiedenen Nationen an. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Die deutschen Biathleten Franziska Hildebrand und Erik Lesser bei der 13. Biathlon-World-Team-Challenge am 27.12.2014 auf Schalke. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Im Tennis oder Badminton sind Mixed-Wettkämpfe längst etabliert. Aber auch in anderen Sportarten wie Biathlon oder sogar Eishockey werden gemischte Wettbewerbe immer populärer. Was den besonderen Reiz dieser Veranstaltungen ausmacht, berichtet Günter Herkel.

"Biathlon auf Schalke. Das große Spektakel zwischen Weihnachten und Silvester. Gemischte Zweier-Teams der internationalen Biathlon-Elite in der Arena. Wintersport im Herzen des Ruhrgebiets."

Mehr als 30.000 Zuschauer sind in der Arena, in der sonst die Bundesliga-Fußballer von Schalke 04 gegen den Ball treten. Rund 1,3 Kilometer lang ist die Strecke, die die zehn antretenden Paare im Innen- und Außenbereich der Arena zu bewältigen haben, die Frauen viermal, die Männer einmal mehr. Für Deutschland sind gleich zwei Paare am Start.

"…auch sie war Weltmeisterin, auch er war Weltmeister. Wir freuen uns auf Vanessa Hinz und Simon Schempp."

Schempp, der erfolgreichste deutsche Biathlet der letzten zwei Jahre, genießt das Spektakel.

"Ja, es ist natürlich nicht alltäglich, der Wettkampf. Es ist natürlich ein Show-Wettkampf, den man hier macht. Es sind kürzere Runden als im Weltcup, und es wird halt nach jeder Runde abgewechselt. Es ist aber ein absolut spannendes Format und sicherlich auch sehr zuschauerfreundlich. Und deshalb, glaube ich, brodelt’s dann auch, wenn so viele Zuschauer da sind."

Mixed-Wettbewerbe machen den Sport populärer

Als zweites deutsches Team gehen Franziska Hildebrand und Erik Lesser in die Loipe. Was macht eigentlich den speziellen Reiz von Mixed-Wettbewerben aus? Hildebrand muss nicht lange überlegen.

"Ja, ich finde es immer schön, wenn wir zusammen mit den Männern laufen. Sonst ist es ja immer alles so separat. Wir sind ja eigentlich ein Team, was aus Männern und Frauen besteht, und bei diesem Wettkampf ist es dann tatsächlich so, dass wir auch zusammen laufen. Finde ich persönlich immer sehr schön, ja, weil es irgendwie auch das Teamgefüge nochmal so ein bisschen mehr zusammenschweißt."

Bis vor kurzem war die einstige Randsportart Biathlon eine Disziplin für Einzelkämpfer. Mit der Aufwertung zum TV-Spektakel wurden nach und nach verschiedene Mannschaftswettbewerbe erprobt, um den Sport noch populärer zu machen. 2005 führte man im Weltcup und bei Weltmeisterschaften die Mixed-Staffel ein, besetzt mit jeweils zwei Männern und zwei Frauen. Die Single Mixed Staffel mit nur einem gemischtgeschlechtlichen Paar gibt es im Weltcup erst seit 2015.

"Wenn wir jetzt die normale Mixed-Staffel laufen, ist es ja so, dass die Frauen ihre Staffelstrecke laufen von sechs Kilometern, und bei den Männern sind's dann die siebeneinhalb Kilometer. Das Schießen ist das Gleiche, aber beim Laufen dürfen die Männer schon ein bisschen weiter laufen als wir. Ich glaube, von der Gesamtzeit sind die auf ihren siebeneinhalb Kilometern ungefähr genauso schnell wie wir auf den sechs. Und das, finde ich, ist in Ordnung. Das dürfen die Männer ruhig machen."

Biathleten fahren am 27.12.2014 bei der 13. Biathlon-World-Team-Challenge (WTC) in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen). (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)Pulbikumsmagnet Mixed: Beim Biathlon auf Schalke traten am 27.12.2014 zehn gemischte Zweier-Teams gegeneinander an (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Beim Schießen in der Schalker Arena schneidet heute Vanessa Hinz besser ab als die beiden deutschen Männer. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Beim Training für den Wettkampf gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.

"Na, wir müssen das Gleiche machen. Von dem her gibt es jetzt kein unterschiedliches Training. Es ist so, dass bestimmt die Männer noch härter trainieren können als Frauen, weil es einfach physisch so vorgegeben ist, aber sonst trainieren wir komplett das Gleiche wie die Männer. Im Endeffekt ist es beim Training auch meistens so, dass es sich in den Kilometern unterscheidet. Die Männer schaffen eben auch im Training ein paar Kilometer mehr als wir, aber die Trainingszeit ist eigentlich immer so ungefähr dasselbe."

Auf Schalke gewinnen diesmal die beiden deutschen Paare: "Sieg für das Team Simon Schempp und Vanessa Hinz"

"Ja, hat man schon fast Gänsehautfeeling dann auf der letzten Runde. Die Stimmung war wirklich gigantisch, hat riesengroßen Spaß gemacht heute wieder. Und mit dem Ausgang – war natürlich ein toller Abend für uns Deutsche."

Ein direkter Leistungsvergleich wäre unfair

Während im Biathlon gemischte Mannschaften ein vergleichsweise junges Phänomen sind, ist das Miteinander von Frauen und Männern in anderen Mixed-Wettbewerben schon lange selbstverständlich. Etwa im Tennis, Badminton oder Tischtennis. Meist wird beim Mixed das Spielsystem gegenüber dem reinen Damen- oder Herrendoppel leicht verändert, um auf geschlechtsspezifische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen. Nicht umsonst präsentieren die meisten Profi-Sportarten nach Geschlechtern getrennte Ergebnislisten – ein direkter Vergleich männlicher und weiblicher Leistungen gilt angesichts der stärkeren männlichen Physis in der Regel als unfair. Gelegentlich treffen Männer und Frauen aber auch in Disziplinen aufeinander, bei denen man es zunächst nicht erwartet.

"Herzlich willkommen zum Berlin Classic Open 017, herzlich willkommen zum heutigen Benefiz-Spiel für den Kinder Mitmach-Zirkus, herzlich willkommen zum heutigen Spiel der OSC Eisladies Berlin gegen ERSC Berliner Bären!"

Das Eisstadion Berlin-Neukölln an einem winterlichen Januarabend. Bis kurz vor Spielbeginn schiebt der "Eisvogel", eine Schneeräum-Maschine, den Neuschnee von der Eisfläche. Eine ungewöhnliche Eishockey-Partie: Die Eisladies, ein Team der Frauen-Bundesliga, tritt gegen die Männer vom Landesligisten ERSC Berliner Bären an. Geschlechterkampf im vermeintlich harten Männersport Eishockey?

"Es kommt in der Tat nicht so oft vor, gegen die Männer zu spielen, macht aber immer wieder Spaß, weil es dann auch ein bisschen ruppiger wird. Und in jeder Frau steckt doch irgendwie noch ein kleines Kampfherz, und wir nehmen natürlich den Kampf gegen die Männer sehr gern an."

Susann Götz, die Ex-Kapitänin der Deutschen Eishockey-Nationalmannschaft der Frauen. Nach ihren zweiten Olympischen Spielen in Sotschi beendete sie 2014 ihre internationale Karriere. Für die gute Sache geht sie nochmal auf's Eis. In den ersten Minuten können die Eisladies, verstärkt um zwei Männer, noch einigermaßen mithalten.

Beim Frauen-Eishockey gibt es keine Checks

"Tor für die Eisladies - Spielstand 1:2"

"Es sind zwei unterschiedliche Spielsysteme. Die Frauen sind ein bisschen cleverer oder spielen cleverer, haben mehr Spielzüge, legen da ein bisschen mehr Wert drauf. Bei den Männern ist es alles ein bisschen robuster, mehr Kampf an der Bande, das ist wie gesagt bei den Frauen ein bisschen weniger."

Im Tor der Eisladies steht heute Mareike Krause. Dass es bedeutende Unterschiede in der Spielweise von Männern und Frauen gibt, steht auch für sie außer Frage.

"Natürlich ist bei den Männern die körperliche Sache noch viel mehr im Vordergrund. Beim Frauen-Eishockey darf ja gar kein Körperkontakt stattfinden. Also es gibt keine Checks, was ja bei den Männern natürlich anders ist. Und so wird auch anders körperlich gespielt. Natürlich ist Männer-Eishockey viel schneller. Sie können härter schießen, dafür spielen die Frauen taktisch vielleicht ein bisschen anders. Machen das Ganze vielleicht anders mit dem Kopf, also ein bisschen mehr mit Überlegung. Dafür aber langsamer…"

Players in action during a training session of the German women Ice Hockey team at the Training Rink in the Olympic Park at the Sochi 2014 Olympic Games, Sochi, Russia, 02 February 2014. The Olympic Winter Games 2014 in Sochi run from 07 to 23 February 2014. Photo: Christian Charisius/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Christian Charisius)Die deutsche Eishockey-Frauennationalmannschaft beim Training während der Olympischen Spiele in Sotschi am 2.2.2014. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

Beim Benefizspiel gelten die Regeln des Frauen-Eishockey: keine Bodychecks, keine Schlagschüsse, erlaubt sind nur Schlenzer. Mareike kennt aber auch die maskuline Spielweise. Sie trainiert gern zusammen mit den Männern der Oberliga-Mannschaft Fass Berlin.

"Ich trainiere da mit, damit die Herausforderung noch höher ist, weil Männer natürlich doch härter schießen können als Frauen. Das ist ja ganz logisch, weil sie einfach viel mehr Kraft haben. Und um mich immer weiter zu fordern und besser zu werden, trainiere ich da noch zusätzlich mit."

Bei der Premiere im vergangenen Jahr unterlagen die Eisladies knapp mit 2:4. Diesmal fällt das Resultat deutlicher aus. Zum Ende des zweiten Drittels lassen bei den Frauen die Kräfte merklich nach.

"Tor für den ERSC. Neuer Spielstand: 1:6"

Die Spielerinnen sind weniger egoistisch

"Ich würde mir öfters mal wünschen, dass die Mädels ein bisschen egoistischer wären und einfach den Puck direkt aufs Tor bringen. Wir sehen in der Tat noch die freie Frau auf dem Eis und spielen doch lieber ab. Was natürlich den Trainer nicht sehr freut."

Gesunder Egoismus statt schöner Kombination? Für den Geschmack von Mareike Krause verhalten sich die Frauen beim Spiel häufig zu brav.

"Manchmal überlegen die Frauen vielleicht auch zu sehr und spielen zu viele Pässe, anstatt einfach mal zu schießen. Und ja, da sollten sich die Frauen ein bisschen mehr ein Beispiel bei den Männern nehmen und einfach mal drauf bolzen. Häufig gehen ja auch die komischen Schüsse rein, weil sie auch für die Torhüter so unerwartet kommen, und man damit gar nicht so viel anfangen kann wie mit einem platzierten harten Schuss."

Am Ende setzt sich das Männer-Team klar mit 9:1 durch. Die physische Überlegenheit entscheidet das Match. Passt das am Ende doch nicht zusammen -  Männer und Frauen gemeinsam auf dem Eis? Der Organisator des Benefizspiels, Mario Kretzschmer vom ERSC, winkt ab.

"Das ist totaler Quatsch. Wir haben schon des öfteren mit Mädels zusammen gespielt, das ist ein ganz anderes Flair, das ist ein ganz anderer Umgang. Ich finde das echt eine Bereicherung, auch für den rein männlichen Sport."

Auch beim Denksport treten die Geschlechter getrennt an

Dass in einer robusten Kampfsportart wie Eishockey die Sportler beider Geschlechter normalerweise unter sich bleiben, erscheint irgendwie nachvollziehbar. Anders verhält es sich, so sollte man meinen, beim Denksport Schach. Eigentlich. Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Findet zumindest Elisabeth Pähtz, die beste deutsche Schachspielerin. Mit 17 schon Jugendweltmeisterin, mit 20 Juniorenweltmeisterin. In diesem Jahr ist die 32-Jährige für die Schach-Weltmeisterschaft der Frauen im Iran qualifiziert. Nanu? Eine eigene WM nur für Frauen?

"Die meisten Turniere, die es im Schach gibt, sind so genannte Open Turniere, wo Frauen und Männer teilnehmen und wo wir durchaus gegen Männer hauptsächlich dann spielen, weil eben, ich glaube, der Frauenanteil liegt bei vier, fünf, sechs Prozent, weiß ich nicht so genau aus dem Kopf. Aber bei den internationalen Events, da sind die Meisterschaften getrennt, weil wir Frauen sonst mit den Männern wenig Chancen hätten, Medaillen zu holen bei Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften."

Ganz überzeugend erscheint diese Begründung nicht. Beim Schach geht es doch eher um Denkvermögen und Konzentrationsfähigkeit als um physische Vorteile. Schon, gesteht Pähtz zu, aber:

"Der andere Grund könnte aber auch sein, dass Männer schon einen gewissen Vorteil gegenüber Frauen haben, in Hinsicht auf die Dauer des Spiels. Weil eben die Männer physisch gesehen doch den Frauen überlegen sind, rein biologisch gesehen, könnte man denken, dass nach fünf, sechs Stunden die Konzentrationsfähigkeit bei Frauen schneller abbaut und dadurch natürlich auch die Fehlerquote höher ist als die bei den Männern. Das denk ich schon, dass es da Unterschiede geben könnte."

Der russische Schachspieler Gari Kasparow (l) und die ungarische Schachweltmeisterin Judit Polgar (r) sitzen sich am 24.02.2001 während der zweiten Runde beim Super-Schachturnier im spanischen Linares konzentriert gegenüber. Die Partie endet mit einem Remis. (picture-alliance / dpa/ Enrique Alonso)Die ungarische Schachgroßmeisterin Judit Polgar bei ihrem Match gegen Gari Kasparov am 24.2.2001 im spanischen Linares. Die Partie endete mit einem Remis. (picture-alliance / dpa/ Enrique Alonso)

Dennoch: In der Geschichte des Schachsports gab es von Zeit zu Zeit Frauen, die gegen das aktuelle Reglement bei internationalen Schachwettbewerben rebellierten. Etwa die Ungarin Judit Polgar, in den neunziger Jahren und bis zu ihrem Rücktritt 2014 die dominante Frauenfigur im Schach.

"Judit Polgar war zu ihrer Zeit, als sie aktiv war, mit Abstand die stärkste Frau der Welt, und für sie war es einfach schachlich nicht interessant gewesen, gegen andere Spielerinnen zu spielen, weil die zweitstärkste ihre Schwester war und selbst die war ihr unterlegen. Und dadurch hat sie keinen Reiz empfunden, bei den Frauen zu spielen und hat sich von Anfang an nur auf Männerschach konzentriert und hat nur bei den Männern gespielt."

Der Weltschachverband hat kein Interesse, am aktuellen System getrennter Wettbewerbe für Männer und Frauen etwas zu ändern. Das hat vor allem kommerzielle Gründe. Separate Turniere und Titelkämpfe bieten bessere Vermarktungsmöglichkeiten, treiben die Umsätze hoch. Davon profitieren auch die besten Frauen. In männerdominierten Turnieren meist chancenlos, winken ihnen beim Frauenschach beachtliche Prämien. Der Siegerin bei der diesjährigen WM in Teheran winkt ein Preisgeld von 60.000 Dollar. Dennoch: Wäre es für Elisabeth Pähtz nicht reizvoll, einmal gegen den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen anzutreten?

"Ich hab mehrmals gegen Carlsen in meinem Leben gespielt, ehrlich gesagt. Das letzte Mal, als er 15 war, da war ich auch ganz glücklich, hab ich zweimal Remis geschafft. Da war er aber noch nicht so stark, schon ziemlich stark, aber nicht so dermaßen stark. Aber jetzt: Ich hatte erst vor kurzem gegen die Nr. 2 der Weltrangliste, oder Nr. 3 gespielt, und da war ich schon ganz glücklich. Ja, man freut sich, gegen solche Starken zu spielen, aber es ist jetzt nicht so, dass es sein muss."

Die erste Frau, die am Marathon teilnahm

Wenn heutzutage ein großer Stadtmarathon stattfindet, ist das Gewusel meist groß. Männer und Frauen, Junge und Alte, Leistungssportler und Freizeitläufer. Das war nicht immer so. Kathrine Switzer weiß das nur allzu gut. Sie ist die erste Frau, die – vor 50 Jahren - am traditionsreichen Boston-Marathon teilnahm. Zu dieser Zeit waren Frauen in der Leichtathletik offiziell nur zu Wettkämpfen bis 800 Meter zugelassen.

"Dass Frauen Langstreckenlauf betreiben können, wurde immer infrage gestellt. Dahinter steckten groteske Vorurteile: Sie würden davon Plattfüße kriegen, einen Schnurrbart und Brusthaare bekommen, am Ende würden sie gar ihre Gebärmutter verlieren."

Es war der 19. April 1967, als die damals 20 Jahre alte Studentin an den Start ging. Angemeldet hatte sie sich unter ihren Initialen K. V. Switzer. Das Rennen verlief nicht ohne Zwischenfälle. Bereits nach zehn Minuten spitzte sich die Situation dramatisch zu.

"Auf dem Begleittruck stand die Rennleitung. Einer der Organisatoren war ein hitziger Charakter namens Jock Semple. Er ließ den Bus anhalten, sprang runter und lief hinter mir her. Ich drehte mich um, und er griff nach mir und schrie: 'Verschwinde verdammt noch mal sofort von der Piste! Gib mir deine Nummern!' Und er versuchte tatsächlich, mir die Startnummern abzureißen. Ich war total überrascht, und er machte das wütendste Gesicht, das ich je bei einem Typen gesehen habe. Er hatte völlig die Kontrolle verloren."

Kathrine Switzer, 1967 als erste Frau beim Boston Marathon gestartet, am 8.10.2013 in Spanien. (picture alliance / dpa / Chema Moya)Kathrine Switzer, die 1967 als erste Frau - gegen das Reglement - am Boston-Marathon teilnahm. (picture alliance / dpa / Chema Moya)

Ihr Freund Tom Miller, ein athletischer Footballspieler, checkte den aufgebrachten Renndirektor von der Strecke. Switzer konnte den Lauf, eskortiert von Freund und Trainer, fortsetzen.

"Da sagte ich mir: 'Ich werde dieses Rennen zu Ende laufen, und wenn ich's auf allen Vieren machen muss. Denn niemand glaubt, dass ich es schaffe.' Mir ging auf: Falls ich dieses Rennen nicht abschließe, dann wird jeder glauben: Frauen können sowas nicht. Und dass sie deshalb auch nicht dabei sein sollten, weil sie unfähig sind. Ich muss den Lauf beenden. Ich lief 4:20, und dieser Lauf veränderte mein Leben. Und nicht nur das, wahrscheinlich auch das Verhältnis von Frauen zum Sport."

Es sollte noch fünf Jahre dauern, bis Frauen 1972 offiziell in Boston zugelassen wurden. Weitere 12 Jahre vergingen, bis der Frauenmarathon 1984 zur olympischen Disziplin erhoben wurde. Zu verdanken ist dies auch der Pioniertat und beharrlichen Lobbyarbeit von Kathrine Switzer.

"Überall begreifen die Frauen, was Laufen für sie bedeutet. Es gibt ihnen einen Begriff von Kraft, Selbstvertrauen, Freiheit und Furchtlosigkeit."

Im Freizeitsport sind Mixed-Matches populär

In der Tennis-Traglufthalle des Olympischen Sportklubs in Schöneberg. Auf den beiden Spielfeldern links und rechts außen tragen gerade jeweils zwei Männer ein Match aus. Auf dem mittleren Feld schlagen sich zwei Paare gerade ein. Ein gemischtes Doppel. Auf einer Seite spielt das Ehepaar Stefan und Ilona Kinzel. Was reizt die beiden am Mixed?

"Zum einen, weil es geselliger ist, zum anderen, weil immer der Partner schuld ist, wenn man verliert. Insofern sag ich mal, mag ich Doppel sehr, sehr gern. Mixed spiele ich relativ selten, aber da meine Frau hier auch im Klub ist und nicht allzu häufig spielt und wir diese Winterrunde jetzt hier nutzen können, um gemeinsam mal Tennis zu spielen, haben wir diese Möglichkeit genutzt, und bisher macht's Spaß."

Stefan Kinzel, 56, seit mehr als 40 Jahren Mitglied beim OSC. Seine Frau Ilona pflichtet ihm bei.

"Ja, weil, man hat Freude, man ist mit dem Partner zusammen, man teilt ein gemeinsames Hobby, und gestaltet so ein bisschen die Freizeit zusammen. Man sieht auch andere Leute und ist nicht so alleine immer und… macht viel Spaß."

Mehr überehrgeizige Männer

Auch im Tennissport bringen die Männer in der Regel mehr Athletik auf den Platz. Der Betrachter gewinnt den Eindruck, dass sie auch gelegentlich mit mehr Ehrgeiz an die Sache herangehen. Eine Beobachtung, die Stefan unumwunden bestätigt.

"Ich würde sagen ja. Ich halte Männer für noch ehrgeiziger. Vielleicht auch nicht alle und pauschalieren ist immer schwierig, ich kenne sehr viel mehr überehrgeizige Männer als überehrgeizige Frauen."

Genau dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern birgt doch, so sollte man annehmen, auch Konfliktstoff. Wenn der eine nicht so spurt, wie der andere möchte, ist die Gefahr eines Streits nicht gering. Erst recht, wenn Ehepaare auf dem Spielfeld stehen.

"Ja, zumal man bei der eigenen Frau vielleicht auch ein bisschen weniger Hemmungen hat, mal rumzupöbeln. Ich weiß es nicht, es mag so Leute geben, ich natürlich nicht, aber… hast du irgendwas zu sagen? - Ilona: Da hört man einfach nicht hin, registriert man irgendwie nicht, falls da ein Spruch kommt. (lacht)"

Billy Jean King gegen Bobby Riggs

Während das Mixed längst ein eingeführtes Tennis-Format auch bei großen Turnieren ist, bleiben Männer und Frauen bei den Profis im Einzel unter sich. Boris Becker erzürnte vor Jahren einen Teil der Tenniswelt mit dem lapidaren Satz: "Es gibt Tennis und Damentennis." Ähnlich chauvinistisch äußerte sich vor fast 50 Jahren ein gewisser Bobby Riggs, 1939 Weltranglistenerster und Gewinner einiger Grandslam-Turniere. Der 55-jährige Riggs behauptete, er könne jede weibliche Tennisspielerin auf der Welt schlagen. Um das zu beweisen, forderte er die amtierende Wimbledon-Siegerin Billie Jean King zum Duell. Am 20. September 1973 traten Riggs und die 29-jährige King im ausverkauften Astrodome in Houston, Texas, aufeinander. Das Match ging als "Battle of the sexes" – als Geschlechterschlacht - in die Tennisgeschichte ein. Gewohnt großmäulig prahlte Riggs vor der Partie:

"Sie sagt, sie würde mich vom Parcours fegen, und ich sage, es wird genau andersrum ausgehen. Es wird die Schlacht der Geschlechter, glaub niemandem, der dir was anderes erzählt."

Billie Jean King urteilte Jahre nach dem Match:

"Es ging nicht in erster Linie um Tennis. Es ging um sozialen Wandel."

Der TV-Sender ABC ersteigerte die Ausstrahlungsrechte. 40 Millionen Zuschauer verfolgten am Fernseher das spektakuläre 100.000-Dollar-Match. ABC-Kommentator Frank Gifford erinnerte sich später:

"Ich war überzeugt, dass Bobby Riggs Billie Jean King schlagen würde. Nicht wegen Mann oder Frau. Riggs war einfach ein brillanter Tennisspieler. Obwohl er viel älter war."

Die beiden Tennis-Champions Bobby Riggs (r) und Billie Jean King messen auf einer Pressekonferenz am 11.07.1973 in New York spielerisch ihre Kräfte. (picture alliance / dpa )Gewann die "Schlacht der Geschlecher" gegen Tennis Champion Bobby Riggs im September 1973 glatt in drei Sätzen: Billie Jean King (picture alliance / dpa )

Aber Billie Jean King war in Hochform. Sobald das Match begann, nahm sie Bobby Riggs systematisch auseinander und schlug ihn in drei glatten Sätzen.

Billie Jean King gewann in ihrer Karriere allein 20 Wimbledon-Titel. Aber keiner dieser Siege blieb so in Erinnerung wie diese "Schlacht der Geschlechter". Diese Pioniertat Kings trug maßgeblich zur Gleichberechtigung der Frauen im Profi-Tennis bei. Bereits im selben Jahr wurde bei den US Open das Preisgeld der Frauen erstmals dem der Männer gleichgestellt.

Mit derlei Rivalitäten und Hahnenkämpfen haben die Paare in der Schöneberger Traglufthalle nichts am Hut. Das spezielle Regelwerk beim Mixed kommt gerade den reiferen Spielern entgegen, findet Stefan Kinzel.

"Hier im Freizeitsport ist kein Unterschied, da werden zwei Gewinnsätze gespielt, und Feierabend ist. Früher gab's dann bei 1:1 nen dritten Satz. Jetzt wird bei allen ein sogenannter Match-Tiebreak gespielt – das finde ich eine schöne Sache. Der konditionell Starke wird's nicht so schön finden, aber es macht die Sache deutlich kürzer."

Kinzels Vereinskamerad Friedbert Schuckert, 69, schätzt ebenfalls den Geselligkeitsaspekt beim Tennis zu viert.

"Ich spiele schon längere Jahre Mixed bei den Klubturnieren mit meiner Frau oder mit anderen. Einmal weil es mir Spaß macht, und jetzt haben wir eine richtige Mixed-Runde aufgemacht im Winter, die da zusammen spielt."

Auch der "Flirtaspekt" spielt eine Rolle

Wenn Männer und Frauen miteinander spielen, gibt es auch außersportliche Anreize. Speziell in jüngster Zeit hat der Flirtaspekt im Klubleben durchaus zugenommen, schmunzelt Schuckert.

"So die letzten Jahre kann man das sehr gut sehen. Da spielen nicht die Ehepartner zusammen, sondern es ist ein regelrechter Run von den mittleren bis älteren Herren auf die jungen Damen, mit denen sie dann gerne mitspielen wollen."

Bei den Profis dient das Doppel häufig nur als zusätzliche Trainingseinheit und Verdienstmöglichkeit. Auch eine ehemalige Frauen-Nr.1 wie Martina Hingis hat erst in der späten Phase ihrer Karriere Gefallen am Doppel gefunden, egal ob mit einem Mann oder einer Frau. Stefan Kinzel:

"Das habe ich bei mir, ohne dass ich nun Profi bin, auch festgestellt, dass ich früher, als ich richtig fit war, lieber Einzel oder erfolgreicher Einzel gespielt habe. Und je weniger man laufen kann, desto mehr beginnt man sich zum Doppel zurückzuziehen – das ist bei mir also auch eine ganz eindeutige Sache. (lacht) Die älteren Herren und Damen spielen dann kein Einzel mehr oder drücken sich um die Einzel und spielen lieber Doppel. Aber dafür kann man Tennis eben bis 80 oder was – wir haben 80-Jährige, 85-Jährige, die spielen. Man kann Tennis sehr lange spielen, das kann man in anderen Sportarten eben nicht ohne weiteres."

Männer und Frauen gemeinsam beim Sport – kann das gutgehen? Ja, aber – so das vorsichtige Fazit. Im Profisport gibt es längst viele Disziplinen, in denen trotz unterschiedlicher physischer Voraussetzungen gemischte Teams erfolgreich um Meisterschaften und Medaillen kämpfen. Und im Freizeitsport sollte ohnehin die Faustregel gelten: Erlaubt ist alles, was Spaß macht.

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