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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 19.02.2012

Mitwachsende Herzklappen

Seit drei Jahren setzen Mediziner dezellularisierten Herzklappen ein

Von Michael Engel

Herkömmliche Herzklappen wachsen nicht mit. (aamu.edu)
Herkömmliche Herzklappen wachsen nicht mit. (aamu.edu)

Man nennt es "Blausucht", wenn die Säuglinge blau angelaufen auf die Welt kommen. Für Ärzte ein sicheres Anzeichen dafür, dass etwas mit den Herzklappen nicht stimmt. Wenn die Klappen zum Beispiel ein Loch haben, kann nicht mehr genug Blut durch die Lunge zirkulieren, ein chronischer Sauerstoffmangel ist die Folge, die Haut ist bläulich verfärbt.

Häufig macht sich der angeborene Defekt aber erst im Alter bemerkbar, so dass auch viele Erwachsene zu den Patienten zählen. Bislang hat man die Betroffenen mit mechanischen Herzklappen, beziehungsweise mit den Herzklappen von gespendeten Organ versorgt. Beide Strategien hatten ziemlich viele Nachteile. Die Herzklappen wuchsen nicht mit oder wurden abgestoßen. Mit neuartigen Herzklappen, die aus der Biowerkstatt eines Biotech-Unternehmens kommen, ist das wohl nicht mehr so. Nach einem Anfangserfolg soll nun eine große Studie folgen.

"Heute geht's mir gut. Ich hab' keinerlei Beschwerden. Ich bin berufstätig, kann Sport machen. Eigentlich, mir geht's gut."

Sagt Marion Schlieske aus Burgwedel. 2010 bekam die damals 51-Jährige eine mitwachsende Herzklappe. Als eine der ersten Patienten weitweit. Die Vorteile dieser besonderen Herzklappe haben sie überzeugt.

"Ich hatte ja nun drei Möglichkeiten. Die mechanische Herzklappe hat ja nun den Nachteil, dass man dann Macumar einnehmen muss, also zeitlebens Blutverdünnungsmittel. Die biologische Herzklappe hält nicht ewig. Zwischen zwei und 15 Jahren. Oder halt diese Tissue-Engineerte mit der Hoffnung, dass sie zeitlebens belassen werden kann."

Die Patientin entschloss sich für's Tissue Engineering. Für eine Herzklappe, die aus einem gespendeten Organ gewonnen wird, um sie dann in besonderer Weise aufzubereiten. Mehrere Tage lang werden die isolierten Herzklappen bei "Corlife" in Hannover in einer Flüssigkeit geschüttelt. Bei diesem Waschvorgang - so Dr. Michael Hader - werden alle menschlichen Zellen entfernt.

"Nachdem man das gemacht hat, muss man immer und immer wieder mit Wasser nachspülen oder auch mit physiologischer Kochsalzlösung, so dass man die Reste entfernt. Deswegen werden die Gefäße in einen Schüttler gestellt, der das dann gewährleistet und der auch die entsprechende Temperatur halten kann."

Nach der Entfernung der menschlichen Zellen bleibt eine weißliche Struktur aus Kollagen übrig, die der ursprünglichen Herzklappe immer noch sehr ähnlich ist. Kollagen besteht aus Proteinfasern, ist sehr elastisch und voll funktionsfähig. Die dezellularisierten Herzklappen sind dann immer noch sehr fest und kommen - steril verpackt - in die Medizinische Hochschule Hannover. Dort werden sie von Dr. Samir Sarikouch implantiert.

"Nachdem das Herz an die Herz-Lungenmaschine angeschlossen worden ist, wird es zum Stillstand gebracht, und der Herzchirurg eröffnet das Herz und nimmt in dem Fall den Ersatz der Lungenschlagaderkappe vor. Und dann wird die Neue an der gleichen Stelle implantiert, durch Nähte wieder mit der Kammer verbunden und mit der Lungenschlagader verbunden."

47 Patienten - vor allem Kinder - die unter einer sogenannten "Blausucht" leiden, wurden an der Medizinischen Hochschule Hannover mit den speziellen Herzklappen versorgt. Die Klappen wachsen mit, was besonders bei kleinen Patienten von Vorteil ist. Sie machen keine Geräusche wie die mechanischen Klappen. Und sie werden offenbar auch nicht abgestoßen, wie das mit Klappen passiert, bei denen das Spendergewebe nicht entfernt wurde.

"Sie sind überlegen ganz allgemein in der Rate an erneuten Operationen. Also auch nach diesem kurzen Zeitraum wären bei den vergleichbaren, herkömmlichen Klappen schon Explantationen, also erneute Operationen mit erneutem Ersatz der Pulmonalklappe erforderlich gewesen. Sie sind auch hinsichtlich ihrer mechanischen Eigenschaften überlegen. Das heißt, sie weisen keine "Engen" auf, und sie weisen keine Undichtigkeiten auf, während die anderen Klappen schon eben nach relativ kurzer Zeit eben diese Zeichen zeigen."

Seit drei Jahren setzen Mediziner die dezellularisierten Herzklappen ein. Der jüngste Patient war gerade mal sechs Wochen alt - mit einem Herzklappendurchmesser von nur zehn Millimetern. Erwachsene haben die dreifache Größe. Da die neuartigen Klappen mitwachsen, bleiben den Patienten vermutlich viele Folgeoperationen erspart.

Doch das werden die Langzeitergebnisse zeigen. In diesem Jahr soll eine Studie mit 200 Patienten beginnen. Außer Hannover liegen alle Kliniken im europäischen Ausland - darunter Leiden, London, Padua, Paris und Zürich.

"Nachdem was wir jetzt wissen, scheint es so zu sein, dass die Klappen mitwachsen. Das muss aber natürlich an einer großen Zahl an Patienten wirklich bestätigt werden. Und das ist eben Ziel dieser Untersuchung an mehreren hundert Patienten, das Wachstumspotential dieser Klappen zu überprüfen, Wir haben erst Erfahrungen von wenigen Jahren damit. Sie sind besser als alle anderen, die wir haben, und deswegen schauen wir optimistisch in die Zukunft und überprüfen die Ergebnisse."

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