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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.09.2013

Mittlerin zwischen den Welten

Zur Erinnerung an die Schriftstellerin Ilse Lieblich Losa

Von Étienne Roeder

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In Porto fand Ilse Liebich Losa ein neues Zuhause. (AP)
In Porto fand Ilse Liebich Losa ein neues Zuhause. (AP)

Die "liebliche Isle", wie Ilse Lieblich Losa auch genannt wurde, ist die einzige Exilschriftstellerin, die in ihrer neuen Landessprache schrieb. Sie floh 1934 vor den Nazis nach Portugal, da war sie gerade 21 Jahre alt. 1949 erschien ihr erstes Buch - auf Portugiesisch.

"Sie hat sich ja gefreut, dass jemand gekommen ist der deutsch konnte…"

"Sie wollte immer Tee trinken, deshalb konnte sie immer stundenlang da sitzen und Geschichten erzählen…"

"Das Klacken der Schreibmaschine ist sanfter und diskreter Begleiter der Einsamkeit des Schreibenden" schrieb einst die aus der Ukraine emigrierte brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector.

Als Ilse Lieblich Losa ihr Interview 1959 im portugiesischen Radio gab, lebte sie bereits mehr als 20 Jahre in ihrer Wahlheimat Portugal. Es ist die einzige erhaltene Tonaufnahme der aus Deutschland geflohenen jüdischen Schriftstellerin. Die Welt in der sie bis 1934 lebte, lag zu jenem Zeitpunkt bereits weit zurück, noch dazu in Trümmern. Ilse Losa sollte nie wieder dauerhaft in diese Welt zurückkehren, stattdessen ließ sie sich in Portugal nieder und begann dort auf portugiesisch zu schreiben. In dem kleinen Land ist sie vor allem als Autorin zahlreicher Kinderbücher und als Übersetzerin bekannt. Ilse Losa war und ist die einzige deutsche Schriftstellerin im Exil, die es vollbrachte ihren Gedanken in der Sprache von Camões und Pessoa Ausdruck zu verleihen.

Teresa Soares betreibt ein kleines Antiquariat im Zentrum der nördlichen Hafenstadt Porto. Über eine flache Schwelle betritt man den länglichen Laden, der bis unter die Decke mit Büchern gefüllt ist. An einem kleinen Pult, hinter dem ein sorgsam gepflegter Fernsprechapparat aus den 30er-Jahren steht, kann Teresa das Treiben auf der Straße vor dem Laden gut beobachten. Von dort klingen die Schritte der Vorbeiziehenden nach innen und am Eingang grüßt ihr Vater, auf den Stock gelehnt und mit dicker Hornbrille zuvorkommend jeden Kunden und Spaziergänger.

"Das hier ist eines von Ilses Kinderbüchern. Es ist wie viele ihrer Bücher illustriert worden. Hier ist Ilse Losa sehr bekannt für ihre Erzählungen, Fabeln und Märchen, und natürlich für 'O mundo em que vivi'. Das habe ich aber gerade nicht hier unten. Wenn ich oben nachschaue, kann es sein, dass ich es finde. Ihre Romane und Gedichtbände jedoch werden nicht mehr verlegt, da kann ich nichts garantieren, ihre Bücher sind schwer zu bekommen."

Infolge eines Briefes in dem sie Hitler als Verbrecher bezeichnet hatte und der von der Gestapo abgefangen wurde, floh Ilse Lieblich 1934 aus Berlin nach Portugal. Dort lebte in Porto bereits ihr älterer Bruder Ernst, der die damals 21-jährige Ilse aufnahm. Nachdem sie den angesehenen Architekten Arménio Losa geheiratet und die portugiesische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, begann sie auch in ihrer neuen Landessprache zu schreiben, zunächst kleinere Artikel, Kolumnen und Erzählungen, die sich mit dem Alltag in Porto befassten. 1949 erschien dann ihr erstes Buch "O Mundo em que vivi", das autobiografisch inspiriert das Leben in Deutschland vor der Emigration nach Portugal beschreibt. Darin verwebt Losa geschickt eigene Erlebnisse mit den rührenden Abschiedsszenen ihrer Protagonistin Rose Frankfurter aus Berlin. Das Buch zu deutsch "die Welt in der ich lebte", gehört heute zum nationalen Leseplan der portugiesischen Schullektüre.

"Für mich hätte sie gar nicht mehr schreiben brauchen. Ich war als kleines Mädchen so beeindruckt von ´O Mundo em que vivi´, dass sie damit ihre Existenz auf diesem Planeten für mich schon begründet hatte…. "

Margarida Gaspar, betreibt einen großen, angesehenen Buchladen, die Livraria, mitten in der belebten Einkaufsstraße Rua Santa Catarina in Porto. An deren oberen Ende verziert gold lackierter Holzstuck den Eingang zu dem dreigeschossigen Geschäft, in dem es fast alles zu erwerben gibt, was der portugiesischsprachige und internationale Buchmarkt hergeben. In Zeiten knapper Kassen finden sich jedoch auch hier nur Losas Kinderbücher in den Regalen.

"Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich sie das erste Mal getroffen habe. Das war ganz außerordentlich beeindruckend für mich. Ich meine, ihr Buch hatte mich damals tief berührt und nun saß ich bei einer Lesung gegenüber der Schriftstellerin dieses Buches. Und sie war…naja, wissen sie, eine ganz warmherzige, liebevolle Person. Ein Doce, eine Süßigkeit, wie wir hier sagen. Ich weiß nicht wie ich das anders beschreiben soll. Es war einfach ein ganz spezieller Moment für mich, es hatte etwas Magisches."

Ihre biografischen Hinterlassenschaften lassen sich um einiges einfacher finden als sich die Suche nach der Schriftstellerin Ilse Losa und ihrem literarischen Werk gestaltet. In ihrer einstigen Heimat Deutschland sind die meisten ihrer Kinderbücher und Erzählungen nicht einmal ins Deutsche übersetzt, ihre beiden Romane sind vergriffen und werden nicht mehr verlegt. Es scheint, als sei diese Vertreterin deutscher Exilliteratur hierzulande fast vergessen, und das obwohl ihr Oeuvre durch eine überraschende Vielfalt glänzt. Neben ihren eigenen Werken übertrug sie Thomas Mann, Bertolt Brecht, Max Frisch und Anna Seghers ins Portugiesische, übersetzte die Tagebücher der Anne Frank.

Umgekehrt übertrug sie wichtige portugiesische Romanciers wie Manuel da Fonseca und sein vom Salazar Regime verbotenes Buch "Saat des Windes" ins Deutsche. Nicht immer jedoch wurden ihre Werke in Deutschland so stiefmütterlich missachtet. Ihre Erzählung "Das versunkene Schiff" erschien 1967 zunächst in der DDR, wo sie mehrmals zu Lesereisen und Besuchen der Leipziger Buchmesse eingeladen wurde. 1990 dann, im Jahr der Übersetzung von "Sob ceus estranhos", wurde Ilse Losa mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Losa selbst übersetzte ihren zweiten Roman "Unter Fremden Himmeln" aus dem Portugiesischen ins Deutsche. Erschienen war das Buch in Portugal fast 40 Jahre zuvor. Darin überträgt Losa das Schicksal der Heimatlosen auf ihren Protagonisten Joseph, der sich als Halbjude und gänzlich entwurzelter immer wieder die Frage nach dem Sinn des Ankommens stellt. Joseph, der in Portugal zu José wird, hält sich, ähnlich wie Losa selbst, nach seiner Flucht aus Deutschland zunächst mit Übersetzungen und Deutschunterricht über Wasser. Unter der großzügigeren Sonne und den wohlwollenden Wintern Portugals kehrt er ein in die Kreise der Exilanten, derer, die kamen und aus den unterschiedlichsten Gründen blieben, Künstler, Literaten, Ärzte, jene, die Deutschland verließen jedoch nicht wie tausende in den dreißiger und vierziger Jahren weiter reisten, ins große Amerika. Entweder weil sie kein Visum bekamen oder wie Joseph und llse Losa eine Familie in Portugal gründeten. Losa zeichnet ein akkurates und feinfühlig kritisches Bild der Hafenstadt Porto, seiner Bewohner und des Flüchtlingsalltages. In Erwartung seines Kindes lebt José in einer seltsamen Gegenwart, in einem kleinen Land mit kleinen Perspektiven, zu fest verankert zum Gehen, gleichsam immer wieder zu fremd um wirklich anzukommen.

"Zeit, Hinter sich Zeit, vor sich Zeit. Vergangenheit, Zukunft. Und Gegenwart?
Was war das? Gegenwart? Das Unsichtbare zwischen den beiden Strichen
einer Minute, einer Sekunde?"



Aus der deutschen Vergangenheit in die portugiesische Gegenwart der 30er Jahre: Das hieß damals: Alle 30 Tage eine neue Aufenthaltserlaubnis, verlängert, regelmäßig, mit der Androhung, dieses sei das letzte Mal, jahrelang. Jahrelang auf dem Wartegleis. Portugal erschien nicht nur Ilse Losa damals rückständig im Vergleich zu Deutschland. Die Frauen bedurften der Erlaubnis ihrer Ehemänner um aus dem Haus zu gehen, als sie einmal ohne Strümpfe unterwegs war, bot man ihr an, ihr welche zu kaufen. Die Portugiesen ächzten unter einer Diktatur, die in Filzpantoffeln daherkam und Ilse thematisierte als kritische Beobachterin die Schwierigkeit Bücher zu schreiben, in einem Land, in dem sie keiner lesen kann.

"Am Schwierigsten war, dass viele sie einfach nicht gelesen haben, der Salazar hat ja ganz viele Analphabeten produziert. Ilse hat ja auf Portugiesisch geschrieben. Sie hat ja praktisch nicht in ihrer Muttersprache geschrieben, das war eigentlich in dem Moment komisch, weil viele Leute gesagt haben, "Sie ist doch keine Portugiesin, warum schreibt die auf portugiesisch"? Und dann wurden einige ihrer Bücher auch übersetzt, ins Deutsche…"

Katharina Rzepka, eine Freundin der Familie Losa, ist selbst mit 18 Jahren nach Portugal ausgewandert und arbeitet heute im Goethe Institut in Porto.

"…Und da hat sie sich auch teilweise sehr mockiert, weil sie bestimmte Übersetzungen nicht richtig fand, ich hab ihr dann auch manchmal geholfen. Da hat sie mich gefragt, "Sag mal würdest du das auch so übersetzen?" und da haben wir dann diskutiert. Es gibt bestimmte Sachen, da ist es schwierig vom portugiesischen ins Deutsche zu übersetzen, gerade wenn es um diese saudades geht, klar das war für die Portugiesen wieder etwas anderes, denn die Portugiesen haben diese saudades praktisch erfunden, die sind rausgefahren auf´s Meer und hatten dann eben saudades…"

"Saudades, só portugueses
Conseguem senti-las bem.
Porque têm essa palavra
para dizer que as têm.

Saudades – nur Portugiesen
können dieses Gefühl kennen.
Weil nur sie dieses Wort besitzen,
um es wirklich beim Namen zu nennen."


"Und da ging´s ja nicht nur um die Sehnsucht nach der Familie, sondern auch nach dem Essen, nach allem. Und deswegen war Heimat noch das, was am Besten erschien in diesem Moment. Sie war eigentlich, ich weiß nicht, was sie mehr war, Deutsche oder Portugiesin. Es war eine Mischung im Endeffekt, eine gute Mischung fand ich."

"Überhaupt war mir, als hätte man meinen Körper und mein Leben
in zwei Teile zerschnitten. Gar nichts war wie vordem, weder die
Welt noch ich selbst. Ich hatte mich zahllose Male zurückkehren
und durch die Straßen meiner Stadt gehen sehen, hatte vertraute
Geräusche vernommen, vertraute Gerüche eingesogen, vertraute
Gesichter gegrüßt. Aber wo der Tod umgegangen und das Verbrechen
legitim gewesen war, sind die Geräusche dumpf, die Gerüche brandig
und die Gesichter unerreichbar geworden. Das war keine Heimkehr,
kein Ankommen. Es blieb außerhalb meiner selbst, absonderlich, entseelt."


Ilse Losa besuchte ihre alte Heimat nach Ihrer Emigration immer wieder, oft begleitete sie dabei ein Stück ihrer Neuen Heimat, ihre Enkeltochter Ana, die auch heute noch in Porto wohnt, dort einen zauberhaften Lampenladen betreibt und am Wochenende im Sommerhaus Ihrer Großeltern Ilse und Armenio Losa ihre Freizeit verbringt. In Esposende, einem kleinen Badeort, eine Stunde nördlich von Porto, kann man das Meer, mit dem Ilse damals so vertraut war, bis auf die Veranda hören.

Eine Treppe führt hinauf in ein kleines Zimmer, in dessen Fenster der Morgen und seine aufgehende Sonne strahlt. Hier verbrachte Ilse oft Wochen in den heißen Sommermonaten, wenn die Sonne kaum Raum und Atem zum Arbeiten lässt. An ihrer Seite ihr Hund, entrückt von der Welt:

"Wir haben lange Zeit im gleichen Haus gewohnt, meine Großmutter hat für mich immer Klavier gespielt, vor allem, damit ich deutsche Lieder lernen konnte. Wir sangen wunderschöne Lieder zusammen, die ich damals sehr liebte. Ich erinnere mich allerdings nur noch an wenige, Röslein, Röslein, Röslein rot ….und Lorelei. Damit habe ich zu jener Zeit mit ihr wirklich deutsch gelernt.

Und irgendwann waren wir dann mal in Leipzig. Meine Großmutter erhielt dort ein Honorar für ihre Übersetzung und als wir dort ankamen, sagte sie zu uns Kindern: Wir können von diesem Geld nichts mit nach Portugal nehmen, ihr könnt soviel kaufen wie ihr wollt! Na, und das war das erste uns einzige Mal in meinem Leben, dass mir jemand sagte, ich könne mein ganzes Geld auszugeben. Doch so sehr wir es auch versuchten, wir haben unser Geld einfach wieder mitnehmen müssen, es gab in diesem Land einfach nichts was wir hätten kaufen können, das war für uns Kinder nach solch einer Einladung natürlich unbegreiflich.

Hier in Portugal, sagte sie immer, wurde sie immer mit Blumen bezahlt, denn sie war sehr beliebt, besonders in Kindergärten. 'Wir wollen Ilse Losa' haben immer alle gerufen, wenn sie kam. Sie war sehr beliebt hier, auch wenn sie irgendwie nirgendwo richtig hingehörte, in Deutschland war sie ja Portugiesin und hier in Portugal war sie ja auch keine Portugiesin, da war sie Deutsche."

Versuchen anzukommen. Ilse Losa hat es versucht, sie hat alles daran gesetzt, wie Joseph, der fünfzigprozentige, der in Portugal zu José wurde, eine Familie gründet und sich dennoch immer wieder die Frage stellte: Was das ist, das Ankommen?

Ilse Lieblich Losa hat sich als fest verankerte und dennoch zwischen den Polen stehende Mittlerin zweier sprachlicher Welten im transnationalen Kulturaustausch verdient gemacht. Portugal ehrt die deutschstämmige Schriftstellerin dieses Jahr als Lichtblick portugiesischer Kultur. Im März dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden.

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