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Tonart | Beitrag vom 30.04.2015

Mittenwald in BayernDie Gassen voller Geigen

Von Veronika Schreiegg

Geigen hängen im Geigenbaumuseum in Mittenwald (Oberbayern).  (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)
Geigen hängen im Geigenbaumuseum in Mittenwald (Oberbayern). (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

Mittenwald war im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum des Geigenbaus. Und auch heute ist das Handwerk und seine Produkte überall im Ort präsent. Geigen aus Mittenwald sind wegen der verwendeten heimischen Haselfichten-Hölzer begehrt.

Aus der Mitte des Dorfplatzes ragt eine Geigenskulptur, nicht weit davon entfernt vor der Pfarrkirche steht eine Statue von Matthias Klotz, der den Geigenbau in Mittenwald vor 320 Jahren begründete. Tritt man in die Kirche ein, dann tut sich an der Decke ein wunderbares Geigenfresko auf.

Nur eine Gasse weiter ist das mit Lüftlmalereien geschmückte Geigenbaumuseum beherbergt. Bis in die 60er-Jahre war es noch als Geigenbauwerkstatt in Betrieb. Anton Sprenger, Geigenbaumeister und Vorsitzender der Mittenwalder Museumsgesellschaft, ist stolz auf den Ort und das Museum. Dort sind nicht nur Geigen, Celli und Kontrabässe ausgestellt, sondern skurriler Weise auch Faschingsmasken.

"Es sind nicht nur Geigen, die mich als meistes begeistern. Was ich jetzt auch wichtig finde, das ist, wie es bei uns im Fasching zugeht und wie alt die Tradition einfach ist und wo die überhaupt herkommt. Drum finde ich einfach schön, dass wir da einige Beispiel haben von Mittenwalder Geigenmacherlarven – Larven geschnitzt von Geigenbauern und nicht von professionellen Bildhauern. Das heißt sie haben eine gewisse Einfachheit in der Form, sind symmetrisch vom Aufbau und haben einen ganz besonderen Reiz."

Faschingsmasken und Folterinstrumente vom Geigenbauer

Grob geschnitzt sind die Hexen, Männer und Frauen, die einem aus einer Vitrine entgegen schauen. Es ist sichtlich ein Unterschied, ob ein Bildhauer eine Faschingsmaske schnitzt oder ein Geigenbauer, dessen einzig frei geschnitzte Arbeiten in der Regel die Schnecken am Hals der Violine sind.

Die Stadt Mittenwald (Bayern) (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Die Stadt Mittenwald in Bayern (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Wie eng der Geigenbau in Mittenwald seit jeher mit der Lebensart und dem Alltag der Menschen verbunden ist, zeigt sich an vielen Ausstellungsstücken und Details wie etwa einer Dorfchronik, aus der die Jahreszahlen 1708-1716 ins Auge stechen. Der Geigenbauer Blasius Jeis baute in dieser Zeit sogenannte Halsgeigen.

"Halsgeigen sind wie so ein Ochsenkummet, wo die Hände und der Kopf Platz finden und wo man dann sozusagen fixiert wird und eine Zeit lang auf dem Markt steht und wo dann verkündet wird, was man für Fehler gemacht hat."

Das Bauen von Folterinstrumenten war also genauso wie das Schnitzen von Faschingsmasken ein Nebenerwerb für die Geigenbauer aus Mittenwald, von denen es im 18. Jahrhundert über 90 gab.

Wertanlage Geigen aus Mittenwald

Der erste dieser Zunft war bereits erwähnter Matthias Klotz, der im zarten Alter von 13 Jahren erst mal nach Padua auszog, wo er das damals noch neue Handwerk des Cremoneser Geigenbaus erlernte. Dass Matthias Klotz mit 30 nach Mittenwald zurückkehrte, lag vor allem am heimischen Holz, den Haselfichten, die sich bestens eignen, um Geigendecken zu fertigen. Glücklich, wer eine echte Klotz sein Eigen nennen darf!

Aber auch die Geigen anderer Mittenwalder Geigenbau-Familien sind heutzutage einiges Wert. Eine Familie aus der Schweiz steht andächtig vor den ausgestellten Meisterstücken.

Vater aus Lausanne: "Meine Tochter spielt Geige und sie hat vor einigen Jahren eine Geige bekommen und wir haben die revidieren lassen und es ist raus gekommen, dass die Geige eigentlich von diesem Dorf kommt. Also unsere ist von Martin Hornsteiner aus dem 18. Jahrhundert sehr wahrscheinlich, der Preis ist wahrscheinlich hoch, aber wie viel, das weiß man nicht genau."

Viele Museumsbesucher reisen nach Mittenwald, um ihre Geige von einem der 20 dort ansässigen Geigenbauer begutachten zu lassen – auch die Meinung von Anton Sprenger ist regelmäßig gefragt.

"Es kommen viele Leute her, weil sie glauben, sie haben eine Mittenwalder Geige oder überhaupt – auch wenn sie eine andere Geige auf dem Dachboden finden. Die meisten Leute, die Geigen bringen, das sind meistens Nachbauten. Die Leute sind zwar enttäuscht, sagen 'da ist doch der Zettel drin' und ich sage 'ja, aber in den meisten alten Instrumenten sind einfach falsche Zettel drin, weil's einfach Modellbezeichnung war oder vielleicht auch in betrügerischer Absicht'."

Die Stadt lebt immer noch vom Geigenbau

Museum, Handwerk und Expertise – in Mittenwald geht das miteinander einher. Wer durch das Dorf spaziert, passiert neben dem Geigenbaumuseum die Geigenbauschule und unzählige moderne Geigenbauwerkstätten, die heute noch genauso aussehen wie damals vor über 300 Jahren.

Mittenwald hat nicht einfach nur ein Geigenbaumuseum, Mittenwald lebt nach wie vor vom und mit dem Geigenbau. Wer hier im Dorf kein Instrument spielt, der kann einem regelrecht leid tun. 

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