Mitschriften vom Halle-Prozess

    Aufmerksamkeit für die Betroffenen

    08:17 Minuten
    Blumen stehen an dem Eingang zur Synagoge in Halle
    Vor allem die Perspektive der Opfer und Betroffenen wird in den Mitschriften des Prozesses zum Anschlag in Halle deutlich. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Hendrik Schmidt
    Linus Pook im Gespräch mit Gesa Ufer · 07.10.2021
    Audio herunterladen
    Zwei Jahre nach dem antisemitischen Anschlag in Halle erscheint ein Buch, in dem die Mitschriften des Prozesses gesammelt sind. Neben der Motivation des Täters lassen sich vor allem die Folgen für die Betroffenen und Angehörigen nachvollziehen.
    Am 9. Oktober 2019, Jom Kippur, versuchte ein Mann, in die Synagoge von Halle einzudringen, um die darin betenden Juden zu erschießen. Als es ihm nicht gelang, tötete er zwei andere Menschen und verletzte zwei weitere. Ein Jahr später wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.
    Zwei Jahre nach dem versuchten antisemitischen Anschlag und dem Doppelmord erscheinen die Mitschriften aus dem Prozess. Zwar wurde die Hauptverhandlung wegen ihrer besonderen Bedeutung mitgeschnitten, aber die Aufzeichnungen werden erst in 30 Jahren veröffentlicht. Die Mitschriften geben schon jetzt detaillierte Einblicke in das Verfahren.

    Einordnen der Tat

    "Wir haben immer wieder feststellen können, dass bei solchen Hauptverfahren in Strafprozessen die besondere Bedeutung und das, was da verhandelt wird, wie wichtig das eigentlich ist, in keinem guten Verhältnis steht zu der öffentlichen Aufmerksamkeit, die so ein Verfahren bekommt, und vor allem auch der Nachhaltigkeit, mit der das zugänglich ist", sagt Mitherausgeber Linus Pook. Der Journalist schreibt über Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rechtsterrorismus, 2019 gründete er den Verein "democ. Zentrum Demokratischer Widerspruch" und ist dessen Vorstandsmitglied.
    Bei dem Prozess sei es nicht so sehr darum gegangen, den Tathergang zu rekonstruieren, denn der war bereits klar und der Täter hatte in Teilen gestanden. "Es ging eher darum: Wie ist diese Tat einzuordnen, was wollte der Täter mit seiner Tat, wie kam er da hin?" So werden die Absichten des Täters deutlich – er wollte Nachahmer motivieren – und sein Radikalisierungsprozess.

    Suche nach zentralen Aussagen

    "Am wichtigsten sind aber die Aussagen der Betroffenen", sagt Pook. "Sie haben ausgesagt, was diese Tat für sie persönlich bedeutet hat, was sie für ihre Identität für eine Rolle gespielt hat, wie viele Betroffene aus ihrem vertrauten, alten Leben herausgerissen wurden. Und natürlich auch, wie die Angehörigen der Ermordeten von dieser Tat betroffen wurden."
    Zugleich betont der Mitherausgeber: "Das ist kein Buch, das man von vorn bis hinten durchliest und dann hat man mitbekommen, was in diesem Prozess passiert ist." Man müsse intensiver und punktueller damit arbeiten und selbst auf die Suche nach den zentralen Erkenntnissen gehen.

    "Der Halle-Prozess: Mitschriften"
    Hg. v. Linus Pook, Grischa Stanjek und Tuija Wigard
    Spector Books, Leipzig 2021
    896 Seiten, 28 Euro

    Mehr zum Thema