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Länderreport | Beitrag vom 19.11.2020

"Mitmach-Stadt" HerrenbergFür gute Ideen gibt's Geld aus der Gemeindekasse

Von Michael Frantzen

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Der Herrenberger Marktplatz mit seinem Fachwerk-Ensemble, dem Rathaus und der Stiftskirche (Achim Mende)
Der Herrenberger Marktplatz mit seinem Fachwerk-Ensemble, dem Rathaus und der Stiftskirche (Achim Mende)

Hip-Hop-Café, Streuobstwiesenpfad, Gabenzaun für Obdachlose: In der Kommune Herrenberg bei Stuttgart können die Bürger solche Projekte eigeninitiativ auf den Weg bringen können. An den Geldtopf mit 200.000 Euro kann im Prinzip jeder ran.

Er ist ganz in seinem Element: Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Leute motivieren? - Das kann er.

Herrenberg, die 32.000-Einwohnergemeinde im Stuttgarter Speckgürtel, der Innenhof des "Offenen Bürgerhauses", eines mittelalterlichen Prachtbaus mit knarzenden Dielen und modernen Büros. Gut zwei Dutzend Führungskräfte aus der Stadtverwaltung sind gekommen, gerade so viele, wie die Corona-Vorgaben zulassen – zum Workshop bei kostenlosen Maultaschen-Burgern und naturtrübem Apfelsaft. In der Mitmach-Stadt. 

"Mitmach-Stadt bedeutet schlichtweg im Grunde: Verfahrens-Akzeptanz. Dass wir in der Beteiligung alles daran setzen müssen, ..." 

Seit 2011 ist Herrenberg "Bürger-Kommune", und seitdem ziehen sich drei Ms wie ein roter Faden durch die Stadt: Mitwirken, Mitgestalten, Mitverantworten. 

"Mitverantwortung hat viel mit Identifikation zu tun. Mitverantwortung heißt hier nicht, dass die Bürger überall mitentscheiden können. Dafür haben wir einen gewählten Gemeinderat. Aber: Wir versuchen die Bürger von Anbeginn in den Entscheidungsprozess einzubinden. Wir versuchen, die Bürger mitzunehmen. Und auf dem Weg der Entscheidung auch für den Gemeinderat eine Super-Entscheidungsgrundlage zu schaffen." 

200.000 Euro für Bürger-Projekte

Der drahtige 54-Jährige hat sich an eine der Holzbänke gesetzt. Links der Burger, rechts das Handy, man weiß ja nie. Eine kurze Verschnaufpause, bevor es reingeht ins Bürgerhaus, um seinen Angestellten zu zeigen, was sich sein Team alles Neues ausgedacht hat, damit das mit den drei M’s noch besser funktioniert.

Oberbürgermeister Thomas Sprißler beim Dankeschönfest auf dem Herrenberger Schlossberg. Bei diesem Fest dankt die Stadt den Mitmacherinnen und Mitmachern und ehrt ihr Engagement. (Stadtverwaltung Herrenberg)Oberbürgermeister Thomas Sprißler beim Dankeschönfest auf dem Herrenberger Schlossberg. Bei diesem Fest ehrt die Stadt die Mitmacherinnen und Mitmacher. (Stadtverwaltung Herrenberg)
Es klappt schon ganz gut, kann aber "noch besser werden". Das konstatiert der Mann, der vor fünf Jahren mit fast schon realsozialistisch-anmutenden 97,5 Prozent im Amt bestätigt wurde, ehe er loslegt, einige der Bürger-Projekte herunter zu rattern: Die Downhill-Strecke, der Streuobstwiesen-Pfad, das Hiphop-Café. 

200.000 Euro lässt sich die Gemeinde das im Jahr kosten, für eine Stadt wie Herrenberg eine Menge Geld. 

"Herrenberg ist von der Infrastruktur her, was das Finanzielle anbelangt, nicht auf Rosen gebettet. Deshalb: Dort, wo man finanziell nicht aus den Vollen schöpfen kann, bietet Engagement noch deutlich größere Möglichkeiten. Was niemals der Fall sein kann: Dass Bürger-Engagement irgendwelche Ersatz-Dienstleistungen in einer Kommune darstellt. Aber dieses Add-on, dieses Wohlfühl-Gefühl, vielleicht für Dinge, die sich eine Stadt wie Herrenberg per se nicht leisten kann - dass das das i-Tüpfelchen in der Lebensqualität wird."

Erfahrungen mit der Bürgerbeteiligung hat auch schon Verwaltungskraft Simone Ehinger gemacht. Seit gut drei Jahren arbeitet die Landschaftsplanerin für die Stadt und anfangs, erzählt sie in der Pause, anfangs sei ihr nicht immer klar gewesen, wann und wie sie die Bürger bei ihren Projekten beteiligen solle.

Es war manchmal ein Hin und Her. Bei der neuen Freizeitanlage etwa. Aber es wird schon. Sie nickt. Vorhin hat sie sich die neue Seite im Intranet angeschaut. Ihr gefallen die digitalen Tools, der neue Leitfaden. 

"Auf jeden Fall find ich’s gut, dass man jetzt diese Checklisten bekommt. Das ist, glaube ich, eine deutliche Vereinfachung für uns. Und auch, dass das integriert wird in dieses Projekt-Management. Dass man immer weiß, zu welchem Zeitpunkt man welche Schritte prüfen muss. Also, das finde ich sehr praktikabel für die tägliche Arbeit."

Der ein oder andere Flop

"In diesem Sinne: Frau Watkins: Ihr Part."
"Danke schön."
"Ja, vielen Dank."
"Ja, ich darf Ihnen heute die groben Eckpunkte unserer neuen Beteiligungsstrategie vorstellen."

Wenn Bürgerbeteiligung, dann Vanessa Watkins: Die Frau mit den deutsch-amerikanischen Wurzeln leitet in Herrenberg das "BE-Team", BE steht für "Beteiligung" und "Engagement". Die 41-Jährige entscheidet, wer wie viel Geld aus den zwei städtischen Mitmach-Töpfen bekommt: Dem Bürgertopf für größere Projekte. Und dem "Projekte Pool" für kleinere.

Die Frau mit dem schwarzen Mantel und den silbernen Turnschuhen schaut kurz hoch: Sie entscheidet das nicht alleine, sondern in Absprache mit dem Gemeinderat, dem OB, das ist ihr wichtig zu betonen.

"Vom Prinzip her ist es immer so: Es gibt keine Höchstsumme, die man beantragen kann. Sondern es geht immer darum, dass man fünfzig Prozent der Gesamtsumme selbst aufbringt. Durch ehrenamtliche Arbeit. Durch Spenden einwerben. Und die anderen fünfzig Prozent kann man aus diesem Topf beantragen. Das heißt, es geht auch viel darum: Woher kann ich meine eigenen fünfzig Prozent bekommen? Wenn der Gemeinderat sagt: Ja, passt, dann kriegt diese Gruppe das Geld." 

Meint die Motivationskünstlerin, nur um hinzuzufügen, dass unter den bewilligten gut zweihundert Bürgerprojekten auch der eine oder andere Flop gewesen sei.

Doch das gehört dazu. Findet ihr Chef. 

"Eindeutig ja. Auch wenn es dann immer wieder heißt: Man fällt mal auf die Nase. Wichtig ist, dass man immer einmal mehr aufsteht, als man hinfällt. Und das trauen wir uns einfach auch zu. Das ist meine Devise: Für unser gesamtes Team in der Stadtverwaltung. Ich sag immer: Probiert’s aus! Geht diesen Schritt!" 

Blühende Abstbäume auf einer Wiese, im Hintergrund Häuser der Stadt Herrenberg  (Stadtverwaltung Herrenberg)Der Streuobstwiesenpfad würde von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Herrenwerk realisiert. (Stadtverwaltung Herrenberg)
Sprißler schaut auf sein Handy. Es wird Zeit, er muss zurück ins Rathaus, einmal quer durch die verwinkelte Altstadt, an der Scouts auf der Suche nach einer Location für ein Mittelalter-Epos ihre helle Freude haben dürften. Dieses Jahr beträgt das städtische Budget rund achtzig Millionen Euro. Der OB verzieht das Gesicht. Corona, natürlich, was sonst. Die Pandemie hat auch in Herrenberg ein Loch in den Steuer-Haushalt gerissen, allein bei der Gewerbesteuer erwartet der Parteilose Millionen-Verluste.

Hilft nur: Sparen. Wo genau? Sprißler schaut zu Watkins herüber: Der Bürgertopf bleibt Tabu. Aus gutem Grund: Schließlich hat sich die "Mitmach-Kommune" gerade in Krisenzeiten bewährt. 

"Wir haben ein ganz niederschwelliges Förderprogramm: Das heißt, dann kam eine Dame, die wollte einen Gabenzaun für Obdachlose einrichten. Und dann haben wir die Möglichkeit, dieses Projekt finanziell zu unterstützen. Wir haben die Kontakte zur Kirche, die auf ihrem Privatgelände ihren Zaun zur Verfügung gestellt hat. Und wir haben die Fördermöglichkeiten. Wir haben die Infrastruktur, um das bekannt zu machen. Das ist ein Riesenvorteil."

Im Jugendclub ist es im Winter kalt

"Vanessa Watkins und die Stadt haben uns auch die Möglichkeit gegeben, dass wir grundlegende Studio-Boxen und Interface kaufen konnten. Der i-Mac ist von mir privat. Und dann haben wir einfach angefangen, Sachen aufzubauen..." 

...beim Evangelischen Jugendwerk in Herrenberg. Seit zwei Jahren leitet Nathan Grand Kitch das Hiphop-Café, eines der Bürger-Projekte: "Mein Deutsch war harte Arbeit." Zehn war Nate, wie ihn alle nennen, als er mit seinen Eltern aus den USA ins Schwäbische kam und hängenblieb. Er hat lange in Stuttgart gelebt als Künstler und Musiker, bevor er vor drei Jahren nach Herrenberg zog, und daran ging, die Jugendarbeit umzukrempeln. 

"Was toll war. Weil's einfach unkompliziert und schnell ging. Und jetzt über das Projekt 'Vielfalt und Partizipation' haben wir noch mal Gelder fürs nächste Jahr bekommen. Mit dem Ziel, dass wir uns weiterentwickeln." 

Nathan Grand Kitch (links) steht mit drei Jugendlichen auf einer Wiese. Sie werfen lange Schatten. (Deutschlandradio / Michael Frantzen)Nathan Grand Kitch (links), Leiter des Herrenberger Hip-Hop-Cafés, ist begeistert: "Einfach", "unkompliziert" und "schnell" konnte er das Projekt mit umsetzen. (Deutschlandradio / Michael Frantzen)
Mitmach-Stadt Herrenberg: Für Nate ist das kein publikumswirksames Label sondern gelebte Realität. Einerseits. Andererseits sucht er immer noch nach einer permanenten Bleibe für sein Hip-Hop-Café. Fürs erste können er und die Jugendlichen im Keller des Jugendwerks bleiben, in einer besseren Besenkammer. Doch zum Dauerzustand sollte das eigentlich nicht werden. 

Jugendarbeit als Provisorium – in der "Mitmach-Stadt": Sonderlich glücklich sind sie im Hip-Hop-Café darüber nicht, erst recht nicht die Jugendlichen. Caroline schüttelt den Kopf. Nicht wirklich glücklich. Eng sei es, erzählt die 16-Jährige, und im Winter sei es manchmal ganz schön kalt. Doch sie kommt trotzdem gerne her - wegen Nate und den anderen Jugendlichen: "Das Hiphop-Café hier ist natürlich ein Treffpunkt, aber am Wochenende auch eher Böblingen oder Stuttgart. Ich denk' halt einfach: Man hat als Jugendlicher schon Möglichkeiten in Herrenberg, aber mehr auf der sportlichen Ebene. Aber, was so zum Beispiel jugendliche Facetten angeht, haben wir hier auf den Fall noch Luft nach oben."

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