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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.01.2018

Mitfahrbankerl in BayernWenn Oma und Opa wieder trampen

Von Susanne Lettenbauer

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Mitfahrbankerl in Bayern (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)
Die Mitfahrbankerl wurde von Kindergartenkindern liebevoll angemalt. (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)

Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben zurück. In vielen ländlichen Gebieten steigt der Altersdurchschnitt. Und wer hier kein Auto hat, hat ein Problem. Sogenannte "Mitfahrbankerl" sollen in Bayern dafür sorgen, dass Senioren mobil bleiben.

"Da kann man das rausschieben und reinziehen."

Mit einem kräftigen Ruck zieht Bürgermeister Hans Schönauer das Schild "Bad Aibling" hervor. Es erinnert an alte Emailletafeln an kleinen Backsteinbahnhöfen, die zu Omas Zeiten die Richtung des Regionalzugs signalisierten. Hier hängen die Schilder über einer grasgrün gestrichenen Gartenbank des oberbayerischen Örtchens Irschenberg:

"Das haben wir entworfen. Die Behindertenwerkstatt in Gaisach hat uns die Bank gemacht, unser Ortsschreiner hat uns das Holzgestell gemacht und unser Schlosser hat dann oben dieses Schiebeelement gemacht."

Für das nächste Ortsschild muss sich Bürgermeister Schönauer etwas über die Bank recken: "Bruckmühl" steht darauf, auf dem dritten "Miesbach". Drei kleine oberbayerische Nachbarstädte von Irschenberg, die früher regelmäßig mit dem öffentlichem Bus erreichbar waren. Doch seit der Fahrplan auf drei Busse pro Tag zusammengestrichen wurde, geht in der 54 Quadratkilometer großen Flächengemeinde ohne Auto gar nichts mehr, bedauert der Bürgermeister. Oder man setzt sich auf das "Mitfahrbankerl" an der Kirche mit dem gewünschten Fahrtziel auf dem Schild.

Fünf Minuten Wartezeit

"Im Sommer sieht man immer wieder jemanden sitzen drauf, dass man nach Miesbach kommt, dass man nach Bad Aibling kommt oder Bruckmühl. Das ist dann angenehm. Die Wartezeit, ist mir gesagt worden, beträgt fünf Minuten. Es fehlt nicht an der Bereitschaft der Autofahrer, Menschen mitzunehmen."

Die Idee für Irschenbergs Mitfahrbankerl kam vor zwei Jahren aus Nordrhein-Westfalen. Er sei sofort begeistert gewesen, meint Schönauer. Andere bayerische Gemeinden fragen ihn mittlerweile um Rat. Trampen für Oma und Opa, nur eben nicht mit dem Daumen am Straßenrand, sondern gemütlich wartend auf einer Bank:

"Also es ist eigentlich für unsere älteren Mitürgerinnen und Mitbürger. Aber auch die Jungen fahren mit. Also wir haben ein Kinderdorf hier, aber wenn die Jungen nach Miesbach wollen, gehen sie da raus und werden relativ schnell mitgenommen."

Gemeinsam mit der Nachbargemeinde Miesbach wurden die grünen Holzbänke für Hin- und Rückfahrt aufgestellt. Und wie es funktionieren soll, wurde sogar im örtlichen Gemeindeblatt veröffentlicht. Die Reaktion der Bürger?

"Ich finde das toll, aber ich glaube nicht, dass da jemand sitzt, denn man weiß ja nicht, wann man mitgenommen wird. Ja, also das sind ja meistens Leute, die man kennt, von daher würde ich schon jemanden mitnehmen."

Mitfahrbankerl in Bayern (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)Bürgermeister Hans Schönauer vor der Mitfahrbankerl. (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)

Die Nachfrage hält sich noch in Grenzen

Man könne nicht sagen, dass das Bankerl unter dem Ansturm zusammenbrechen würde, muss Bürgermeister Schönauer zugeben, denn es gäbe auch andere Angebote. Die Pfarrgemeinde bietet einen Fahrdienst an, die Nachbarschaftshilfe kümmert sich um Einkäufe für ältere Menschen, der Landkreis hat ein Sammeltaxi und Rufbus eingerichtet. Außerdem würden die Bürger immer wieder fragen: Was, wenn etwas passiert? Schönauer kontert dann mit der KFZ-Insassenversicherung. Und dass es ja vorwiegend für Einheimische gedacht ist, die sich kennen.

"Viele haben gesagt: Mensch, das rentiert sich nicht, das ist doch Blödsinn. Das mag auch so sein, dass sich das nicht in Zahlen rentiert, aber das ist doch interessant, wird es angenommen oder nicht. Und wer es annimmt, dem hilft’s. Und das ist das Wichtigste. Man sagt: Es braucht kein Heu, es braucht kein Futter. Es steht da."

In ganz Bayern überlegen Gemeinden, ob sie sich nicht der Initiative von Irschenberg anschließen sollten: In Kemnath in der Oberpfalz, wo das Projekt - ganz hochdeutsch - Mitnahme- oder Mitfahrerbank heißt, in Denkendorf bei Ingolstadt wird noch die Finanzierung diskutiert. In Zorneding, in Grafing und in Kronach will man damit den Wegzug der älteren Einwohner verhindern. Demografiemanagement heißt das offiziell. Oder auch Quartiermanagement.

Neue Mobilitätskonzepte für Senioren

Im Gemeindeverbund Seeon-Seebruck-Truchtlaching am Chiemsee ist Ulrike Ganslmeier die offizielle Ansprechpartnern der Gemeinde für die Beratung zu allen Themen des Älterwerdens. Gut 20 Prozent ihrer Bürger sind über 60 Jahre alt. Ihr Gemeindeprojekt "Lebensqualität durch Nähe" entwickelt unter anderem Mobilitätskonzepte für Senioren. Seit Sommer 2017 stehen deshalb in allen drei Ortsteilen Mitfahrbankerl. Von Kindergartenkindern liebevoll pink angemalt.

"Wir sind hier in Truchtlaching. Hier kann man eben nach Seebruck oder Seeon fahren. Die ist sehr zentral die Bank, direkt an der Kirche neben dem Wirtshaus."

Trampen habe noch immer ein schlechtes Image, weiß Ulrike Ganslmeier, aber das dürfte sich mit der 68er-Rentnergeneration ändern, die als Jugendliche selbstverständlich noch durch ganz Europa per Autostopp fuhr:

"Ich bin mit dem aufgewachsen, drum denke ich, meine Generation wird sich einfach etwas leichter tun, drum sage ich, wenn man das jetzt einführt und ein paar Jahre oder Jahrzehnte durchzieht, dass das dann normal wird. Ich habe schon Kontakte zu einer Gruppe, die das rund um den Chiemsee machen möchte, dass es wirklich in allen Orten das gibt, mit Anbindung bis Traunstein und Bad Endorf. Also diese Idee könnte echt mal Schule machen, das könnten sie in allen Dörfern machen, da ist es manchmal so schlecht zum Wegkommen, also wenn man grad keinen Führerschein hat, finde ich es eine gute Idee, dass man sich da hinsetzen kann und jemand nimmt einen mit."

Bald kommt die Mitfahr-App

Die Mehrheit der Bürger findet die Idee einer Mitnahmebank hervorragend, sagt Ulrike Ganslmeier. Handwerker schreinern die Bänke, gemeinsam wird gemalt. Nur eben – es trauen sich noch zu wenige das Seniorentrampen zu. Ende Januar will Ganslmeier noch einmal eine kleine Werberunde drehen, einen Wettbewerb initiieren "Hin und weg vom Mitfahrbankerl". Da müsste doch was zu machen sein, lacht sie.

"Also wir wollen es online schon reintun ins Internet und Ziel ist ja, dass wir mal so eine kleine App mal haben. Aber da müssen wir erst unseren Smartphone-Kurs für die Senioren machen, den planen wir auch im Frühjahr. Es ist halt eins nach dem anderen, aber es wird."

Mehr zum Thema

Trampen 2.0 - Mitfahrbänke für Senioren
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 29.01.2016)

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