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Religionen | Beitrag vom 16.05.2021

Mitbestimmung in der KircheEin Fußballverein als Vorbild

Von Michael Hollenbach

Eine Zuschauergruppe verfolgt das Spielgeschehen von Stehplätzen aus. (picture alliance / Norbert Schmidt)
Beim TC Freisenbruch bestimmen die Mitglieder basisdemokratisch alle Entscheidungen mit - vom Bierpreis bis zum Spielereinsatz. Ein Vorbild für die Kirche? (picture alliance / Norbert Schmidt)

Die Kirchen haben ein Partizipationsproblem. Meist sind es die üblichen Verdächtigen, die in den Gemeinden aktiv sind. Dabei gibt es Ideen für stärkere Beteiligung des Kirchenvolks. Ein Fußballverein macht vor, wie es gehen könnte.

"Dein Club, du entscheidest. Du liebst echten, ehrlichen Fußball, du denkst, Fans sollten viel mehr mitreden dürfen? Dann werde noch heute Teammanager eines echten Clubs und führe deine Mannschaft von der Kreisliga in die Championsleague."

So heißt es in einem Werbefilm des TC Freisenbruch. Dem Essener Sportverein drohte das Aus. Sportlich und auch wirtschaftlich – zu wenige Mitglieder, zu wenige Sponsoren, zu wenig Engagement. Bis einige Aktive die Idee hatten, die Fans über digitale Kanäle unmittelbar am Wohl und Wehe des Vereins zu beteiligen.

Abstimmungen über Spielereinsatz und Bierpreis

Seit sechs Jahren kann jedes Mitglied basisdemokratisch mitbestimmen, erläutert Patrick Baur. Er betreut seit langem Unternehmen und Organisationen bei Digitalisierungsprozessen:

"Es geht um die Fragestellung: Welche Spieler werden verpflichtet? Es geht um die Fragestellung, wer Samstag auf dem Feld stehen darf. Es geht um Taktikfragen, es geht darum, dass eben auch wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Die beliebteste Umfrage ist zum Beispiel ist immer, wie der Bierpreis denn für die Saison sein soll."

Siegfried Landau, evangelischer Pfarrer im südlich von Wuppertal gelegenen Remscheid, erfuhr durch Gemeindemitglied Patrick Baur von dem Projekt des kleinen Fußballvereins: "Ich fand dieses Basisdemokratische bei diesem TC Freisenbruch absolut faszinierend, also eine doch so große Gruppe von Menschen über eine Plattform sogar an Leitungsfragen zu beteiligen. Und dass das funktioniert, finde ich absolut spannend."

Auch urchristliche Gemeinden waren basisdemokratisch

Siegfried Landau kam sofort der Gedanke: Wäre das Modell nicht auch eine Steilvorlage für seine Kirchengemeinde? Er meint: "Die Idee, die dahintersteckt, dass in einem Kollektiv keine Herrschafts- oder hierarchischen Strukturen stecken, sondern alle gemeinsam und miteinander beraten und auch Entscheidungen treffen, das ist für mich sogar ein Stückchen urchristliche Gemeinde."

Die Realität in fast jeder Gemeinde sieht anders aus: "Die kirchliche Grundhaltung eines Gemeindeglieds ist: ‚Naja, ich lass die Profis, die Pfarrer, die Kirchenmusiker und die Hauptamtlichen und wenige engagierte Ehrenamtliche mal machen und schau dann dabei zu. Ich bin eigentlich eher ein Konsument in diesem System von Kirche.‘"

Pfarrer Heinrich Fucks, beim Ökumenischen Gottesdienst am Messeparkplatz in Düsseldorf, vor einem Mikrofon sprechend. (imago / Olaf Döring)Düsseldorfs Superintendent Heinrich Fucks erhofft sich innovative Ideen von neuen Beteiligungsformaten. (imago / Olaf Döring)

Das Problem vieler Kirchengemeinden: Es ist oft nur ein kleiner Kreis meist älterer Menschen aus dem Bürgertum, die das Spielgeschehen der Gemeinden bestimmen. Das sieht auch Düsseldorfs Superintendent Heinrich Fucks so:

"Unsere Partizipationsformen funktionieren nicht mehr so. Wir haben ja Gemeindeversammlungen, aber da kommen eher wenige. Wenn man in der evangelischen Kirche mit dem Priestertum aller Gläubigen die Gemeinde, beziehungsweise jetzt auch auf Kirchenkreisebene, die Evangelischen beteiligen will, muss man andere Formen wählen."

Die Predigt mal gemeinsam schreiben

Eine dieser anderen Formen könnte für Siegfried Landau die Möglichkeit einer unmittelbaren digitalen Beteiligung aller Kirchenmitglieder an möglichst vielen Entscheidungen sein:

"Bis hin zu Leitungs-, Entscheidungs- und Richtungsfragen, Diskussionen. Das könnte so sein, dass ich als Prediger in einem entsprechenden Bereich dieser Plattform sage: Ich habe vor über diesen Text zu predigen, habt ihr eine andere Idee? Oder was bewegt euch im Moment? Habt ihr eine Frage, auf die ich in der Predigt mal eingehen soll? Bis hin sogar zu Möglichkeiten, so eine Predigt auch mal in der Gemeinschaft zu formulieren."

Mitglieder binden und mitgestalten lassen

Der TC Freisenbruch kann mittlerweile auf sechs Jahre Erfahrung mit dem Modell zurückblicken. Auch wenn der Essener Club nicht gerade in der Champions League mitmischt: Die Zahl der Engagierten hat sich verfünffacht, die Identifikation mit dem Verein ist enorm gestiegen. Patrick Baur hat das Projekt über Jahre begleitet:

"Natürlich beziehe ich Fans in Entscheidungen mit ein. Letztlich bin ich aber immer auch als Verein derjenige, der das Projektmanagement dahinter leitet und entscheiden kann, welche Themen denn durch die Fancommunity abgestimmt werden und auch welche Themen mitentschieden werden."

Weniger Macht für Pastoren

Der Digitalexperte und Protestant Patrick Baur kennt die kirchlichen Debatten um die Zukunftsperspektiven: "Das Modell Freisenbruch, das bietet die Chance, dass Menschen nah heranrücken können an ihre Organisation, durch Transparenz wieder Vertrauen aufbauen können und über das Vertrauen wieder auch die Möglichkeit haben, Mitgestalter ihrer eigenen Gemeinde zu sein."

Bei einem ersten Vorstoß ist Siegfried Landau mit der Idee bei anderen Pfarrerinnen und Pfarrern auf ein geteiltes Echo gestoßen. Eine digitale Basisdemokratie in der Gemeinde – das bedeutet natürlich auch einen Machtverlust für die Pastoren und die Kirchenvorstände.

Aber Siegfried Landau will am Ball bleiben: "Von daher denke ich, dass das Digitale ja eine Niedrigschwelligkeit verspricht, von der ich mir durchaus erhoffe, dass wir dadurch Menschen zur Partizipation an Kirche und Gemeinde motivieren können, die sonst eher distanziert bleiben."

Ein Bürgergutachten soll Alltagsexperten einbinden

Einen anderen Weg, mehr Beteiligung zu erreichen, beschreitet der evangelische Kirchenkreis Düsseldorf. Mit einem Bürgergutachten mit dem Titel "Glaube in der Stadt" wollen die Protestanten herausfinden, was die Düsseldorfer – egal ob Kirchenmitglied oder nicht – von der Kirche erwarten.

Organisiert wird das Verfahren vom Wuppertaler Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung. Yazgülü Zeybek ist dort zuständig für das Kirchenprojekt, an dem 200 Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind. Ein Grundprinzip ist, dass die Teilnehmenden zufällig ausgewählt werden, erklärt sie:

"Das Los garantiert hier, dass ein breiter Querschnitt der Bevölkerung angesprochen wird und dann auch teilnimmt. Dabei treten die üblichen Verdächtigen, die im Rahmen der organisierten Interessenvertretung eigentlich schon regelmäßig gehört werden, eher in den Hintergrund. Und im Bürgergutachten sind es die Alltagsexperten, die zusammentreffen und die diskutieren. Egal, ob sie Vorwissen oder besondere Kenntnisse haben."

Gemeinwohlorientierung durch Losverfahren

An vier Tagen diskutieren die Alltagsexperten über bestimmte, vorgegebene Themenbereiche, erklärt Zeybek: "Wichtig ist dabei, dass die Bürgergutachter nicht mit den Experten oder mit der Kirche diskutieren, sondern sie diskutieren untereinander. Dazu kommt es dann zu einem Lernprozess. Manche Teilnehmende haben am Anfang des Verfahrens vielleicht eine Sache sehr stark vertreten und das ändert sich im Verlauf des Verfahrens einfach durch die kontinuierliche Diskussion mit den anderen. Sie lernen neue Perspektiven kennen durch dieses Diskutieren."

Yazgülü Zeybek hat bereits mehrere dieser Bürgergutachten durchgeführt. Doch dies ist das erste kirchliche Projekt: "Man merkt durch diese Verfahrensstruktur, dass dieses Los sichert, dass man Menschen erreicht, die man sonst nicht erreichen würde; dass man, wenn man sich Zeit nimmt und durch Experten informieren lässt, sehr wohl auch gemeinwohlorientierte und fachlich fundierte Entscheidungen treffen kann. Und diese Empfehlungen auch den Entscheidungsträgern mitgeben kann."

Innovative Ideen von kirchenfernen Menschen

Düsseldorfs Superintendent Heinrich Fucks erhofft sich von dem Dialogverfahren frischen Wind in den verstaubten kirchlichen Strukturen. Die ersten Diskussionsrunden der Alltagsexperten haben nun – coronabedingt online – stattgefunden. Heinrich Fucks hat schon viele innovative Ideen gehört von Menschen, die sonst so gar nichts mit Kirche zu tun haben:

"Ich habe in den Schlussrunden, bei denen ich dabei war, immer versichert, dass wir die Ergebnisse sehr ernst nehmen. Ich kann nicht versprechen, dass wir die Dinge eins zu eins umsetzen; das ist, glaube ich, auch vermessen. Was die Beteiligten aber auf jeden Fall verlässlich haben: Wenn wir die Dinge nicht aufnehmen, müssen wir einen Grund dafür liefern."

Im September liegt das Bürgergutachten vor. Dann wird sich zeigen, ob sich die Kirche wirklich auf den Rat der Alltagsexperten einlässt.

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 02.06.2018)

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