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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.01.2020

Mit Ignoranten redenWarum man mit Argumenten oft nicht weiterkommt

Überlegungen von Peter Modler

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Porträtaufnahme von US-Präsident Donald Trump während seines TV-Duells mit der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton. (Imago / ZUMA Press)
Dominanz-Gestik und -Mimik: beim TV-Duell mit Hillary Clinton setzte Donald auf "vertikale Kommunikation" - und gewann. (Imago / ZUMA Press)

Das bessere Argument möge gewinnen: Doch wenn ein Donald Trump mit grobschlächtigem Dominanzverhalten daherkommt, sehen die Vertreter des gepflegten Diskurses oft schlecht aus. Weil man die Trumps nur mit ihren eigenen Waffen schlagen kann, meint Peter Modler.

Es würde bei dieser Pressekonferenz eine Menge kritischer Fragen an ihn geben. Also machte er sich vorher einen Spickzettel. Auf den schrieb er in großen Buchstaben in die erste Zeile: "Ich will gar nichts." Und noch ein zweites Mal: "Ich will gar nichts." Dann in der nächsten Zeile: "Ich will keine Gegenleistung." Letzte Zeile: "Das ist das letzte Wort vom Präsidenten der USA".

Denn um den ging es. Andere Leute hätten sich für so einen Anlass vielleicht etwas Differenzierteres notiert. Ein Herr Trump nicht.

Natürlich war so ein Zettel das gefundene Fressen für die Kommentare der großen Medien. Wie blöd kann man denn sein, wenn man so kindliche Botschaften aufschreiben muss?

Leider haben die wohlfeilen Spötter die politische Pointe so eines Zettels aber gar nicht wirklich erfasst. Tatsächlich ist das nämlich ein Drehbuch. Wenn so eine Regie-Anweisung eins zu eins umgesetzt wird, kann sie auf der politischen Bühne vernichtend wirken. Der Zettel war ein Killer.

Vertikale versus horizontale Kommunikation

Die nordamerikanische Soziolinguistik hat schon Anfang der 90er-Jahre eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, indem sie zwei große Sprachsysteme identifizierte. Das eine System muss zuerst Rang- und Revierfragen klären, bevor es inhaltlich werden kann. Dieses Sprachsystem wird als "vertikal" bezeichnet.

Das andere System ist an Rang und Revier herzlich wenig interessiert, stattdessen aber an Zeichen der Zugehörigkeit und an inhaltlichen Herausforderungen. Fachleute bezeichnen es als "horizontal", weil es Informationen auf Augenhöhe austauscht.

Beide Systeme könnten sich wunderbar ergänzen, wenn sie wüssten, was sie tun. Wenn aber jemand von den Vertikalen nur sein System gelten lässt, ein Trump etwa, haben gerade die Horizontalen ein Problem.

Eine Eskalation wird in diesem vertikalen System auf drei Stufen durchgeführt: dabei ist die leider unwirksamste Ebene die des High Talk. Mit "High Talk" ist ein differenziertes, begründendes Sprechen gemeint. Solange die andere Seite sich auch auf dieser Ebene befindet: schön.

Aber wenn einem jemand ins Wort fällt mit der Bemerkung: "So kann man das nicht sagen"? Oder Sie begründen gerade einen Vorschlag, als Sie plötzlich hören: "Too much detail."

Wenn das dann auch noch mehrmals wiederholt wird, sind die Argumentierer oft schnell am Ende. Weil sie hier auf die zweite, deutlich wirksamere Ebene stoßen, den "Basic Talk". Der ist wirklich nur "basic": Subjekt, Objekt, Prädikat. Niemals Relativsätze. Völlig unoriginell. Gern unsachlich, gern persönlich. Laut. Langsam, wiederholbar. Basic Talk schlägt High Talk.

Körpereinsatz kann extrem wirksam sein

Noch schmerzhafter kann es werden, wenn jemand gerade etwas inhaltlich brillant darstellt, jemand anderes aber daraufhin demonstrativ das Handy herausholt und darauf herumtippt. Oder aufsteht, durch den ganzen Raum läuft – während weitergeredet wird – und sich mit etwas Nebensächlichem beschäftigt. Oder etwas hinter Ihrem Rücken tut. Das wäre der sogenannte "Move Talk", Stufe Drei. Bei diesem Move Talk wird nur der Körper im Raum bewegt. Verbal passiert gar nichts mehr. Trotzdem kann das extrem wirksam sein.

Intellektuelle haben in der Regel ein intensives Training im High Talk hinter sich. Wenn das eine Argument nichts nützt, kommt ein neues. Wenn die Gegenseite aber gerade Move Talk macht und mich schon mit der Körperhaltung herunterstuft?

Dann sollte ich nicht verzweifelt rhetorische Kunststücke machen, sondern die Ebene wechseln: mit Basic Talk auf Basic Talk antworten, mit Move Talk auf Move Talk. Erst damit lässt sich dann so etwas wie Zuhörbereitschaft herstellen. Bei den Trumps wie bei der AfD, bei miesen Kollegen wie bei Chefs. Voraussetzen kann ich Zuhörbereitschaft leider nicht. Die muss ich erst erzeugen.

Porträt Peter Modler (Bild: Jürgen Gocke) (Bild: Jürgen Gocke)Dr. Peter Modler (64), langjährige Führungspraxis als Manager und Unternehmer. Seit 1998 eigene Unternehmensberatung. Lehrauftrag an der Universität Freiburg im Breisgau. Lehr-Coach und Bestseller-Autor ("Mit Ignoranten sprechen. Wer nur argumentiert, verliert").

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